Wiener Straße: Autor Sven Regener – Interview | BUCHSZENE

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Sven Regener im Interview über seinen neuen Roman „Wiener Straße“ und Herrn Lehmanns Berlin

Wiener Straße

Foto Sven Regener: © Charlotte Goltermann; Shutterstock: © sematadesign - Bildnummer: 25423432

15. September 2017 | Interview: Martina Darga | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Sven Regener schreibt nicht nur unterhaltsame Romane, er ist auch als Gesprächspartner very entertaining. Ein Interview über lockere Schrauben, Karl Schmidt, Berlin und sein neues Werk „Wiener Straße“.


Herr Regener, soeben ist Ihr neuer Roman „Wiener Straße“ erschienen, der großartig zu lesen ist. Schauplatz ist Berlin-Kreuzberg Anfang der 80er Jahre. Was macht diese Zeit in Berlin aus?

Nun ja, die Mauer stand noch und all das. Insofern eine versunkene Welt, das alte Westberlin. Aber irgendwie auch gegenwärtig. Ein Tag nach dem anderen und plötzlich ist es 35 Jahre später. Es ist ein historischer Roman, das ist wahr, aber die Gegenwart ist ohne die Vergangenheit ja auch nicht zu begreifen. Beziehungsweise: Jeder Roman, selbst der gegenwärtigste, ist ja spätestens nach 10 Jahren historisch, das habe ich nur etwas beschleunigt.

Warum haben Sie gerade die Wiener Straße ausgewählt?

Das Buch schließt von der Handlung und Chronologie da an, wo „Der kleine Bruder“ aufhört. Es spielt rund um das Café Einfall in der Wiener Straße, das man auch aus „Herr Lehmann“ kennt. Außerdem entpuppen sich viele Leute überraschend als Österreicher. Das kommt beides in diesem Titel zusammen. Außerdem mag ich Straßen in Titeln, sowas wollte ich schon immer mal haben, Lindenstraße, Krachmacherstraße, Straße der Ölsardinen, da darf die Wiener Straße nicht fehlen!

Sie erschaffen eine witzige schräge Welt, die von skurrilen Menschen mit recht eigenwilligen Namen bevölkert ist. Da gibt es zum Beispiel den Extremkünstler H. R. Ledigt mit Kettensäge und Grabgabel. Woraus schöpfen Sie all Ihre Ideen beim Schreiben?

Solche Kalauernamen waren damals sehr beliebt, wenn es um Künstlernamen ging. Denken Sie nur an Farin Urlaub und Blixa Bargeld und so weiter und so fort. Insofern ist das bloß historischer Realismus. Auch was die bildende und Performance-Kunst betrifft, war es eine wilde Zeit, in der die Künstler auch endlich damit aufhörten, irgendwas zu erklären. Man zog es durch und fragte nicht nach Sonnenschein. Das hing sicherlich mit der befreienden Wirkung des Punkrock zusammen. Da muss man, wenn man eine Geschichte in der damaligen Zeit und in der entsprechenden Szene spielen lässt, nicht lange warten, da kommt das Skurrile und Exzentrische von selbst um die Ecke.

Seit Ihrem Bestseller Herr Lehmann im Jahr 2001 ist Frank mit all seinen Eigenheiten vielen Lesern richtig ans Herz gewachsen. Was bedeutet er Ihnen?

Er ist mir ein guter Freund. Fast, als wäre er real. Da muss man aufpassen, dass sich im Oberstübchen keine Schraube lockert.

Als Schriftsteller sind Sie bekannt für Ihren sprühenden Witz und liebevoll bissigen Humor. Welche Bedeutung hat Humor für Sie im Leben?

Freud sagt, Humor sei Lustgewinn durch ersparten Gefühlsaufwand. Da ist was dran. Es ist ein Mittel, um Distanz zur eigenen Existenz zu gewinnen, das ist immer wieder notwendig, um nicht der Verzweiflung zu erliegen, denke ich. Insofern ist Humor ein enger Verwandter der Kunst, die eine ähnliche Funktion erfüllt. Das geht gut zusammen.

In „Wiener Straße“ spielt die Kunst eine große Rolle. Der Roman endet damit, wie Karl zwei Kisten mit Kunstwerken der Neuen Nationalgalerie öffnet und in einer eine Flasche Bier findet, woraufhin Frank Lehmann ungläubig fragt: „Eine Flasche Bier? Das soll Kunst sein?“ Was würden Sie ihm antworten?

Das, was Karl Schmidt sagt. Aber ich möchte es nicht verraten! Ansonsten gilt, was Karl Schmidt zu dem Thema schon in „Der kleine Bruder“ sagt: „Es ist Kunst, wenn einer sagt, dass es Kunst ist. Und dann muss er noch einen finden, der es ihm glaubt.“

Die Hörbücher zu Ihren Romanen lesen Sie alle selbst. Worauf kommt es Ihnen dabei an?

Dass es gut klingt. Und einen beim Hören mitreißt. Ich bin eher einer von der temporeichen Lesesorte, das liegt aber wahrscheinlich auch am literarischen Stil meiner Bücher.

Werden Sie jetzt erst einmal eine schriftstellerische Pause einlegen oder haben Sie schon Ideen für einen neuen Roman?

Keine Ahnung. Das Buch ist ja gerade erst fertig, da würde ich schon um eine kurze Pause bitten. Es gibt auch noch einige Lieder zu schreiben oder Badeanstalten zu besuchen oder was immer man sonst noch so tun kann.

Sven Regener
Sven Regener

Geboren 1961 in Bremen, ist Sven Regener bekannt als Musiker der Band „Element of Crime“ sowie als Schriftsteller. 2001 veröffentlichte er seinen ersten Roman, „Herr Lehmann“, der sich über eine…
Zur Biografie von Sven Regener

Sven Regener
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