Maren Urner: Schluss mit dem täglichen Weltu... | BUCHSZENE

Unser Gehirn wird mit Negativ-Nachrichten zugemüllt. Was dies mit uns macht und wie wir dem entkommen können, erklärt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner in „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“.

Maren Urners Sachbuch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang” ist ein Plädoyer für bewussteren News-Konsum

30. Dezember 2019 | Jörg Steinleitner

Maren Urner

Schluss mit dem täglichen Weltuntergang

ISBN 978-3-426-27776-8

224 Seiten | € 16,99

Droemer

Romantik (1/5)

Komik (1/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (2/5)

Unterhaltung (3/5)

Titelbild Schluss mit dem täglichen Weltuntergang

©Pearl PhotoPix shutterstock-ID: 726355723

Wie kann ich meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten?

Wie kann ich meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten? Diese Frage war für Maren Urner Ausgangspunkt für ihr Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang – Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren“. Die Neurowissenschaftlerin hatte sich für ihre Doktorarbeit knapp zehn Jahre lang damit beschäftigt, wie sehr unser Denken die Wahrnehmung beeinflusst und sich gleichzeitig verändert, abhängig davon, womit wir unsere Zeit verbringen. Weil wir sehr viel Zeit unseres modernen Lebens damit verbringen, Informationen aus Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet aufzunehmen, sind es vor allem diese und andere Medien, die unser Gehirn beeinflussen. Damit, so Maren Urner, aber ist „unser Steinzeithirn im digitalen Zeitalter hoffnungslos überfordert.“

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Nur was schlecht läuft, hat Nachrichtenwert – Gutes geht unter

Dies hängt auch damit zusammen, dass Medien mehr Aufmerksamkeit mit der Berichterstattung über negative Ereignisse erzielen als über positive: „(Nur) was nicht funktioniert, hat einen Nachrichtenwert. Klassisches Beispiel ist der Flugzeugabsturz und die mehr als 99,9 Prozent der Flugzeuge, die sicher gelandet sind. Ersteres hat einen Nachrichtenwert, die zweite Zahl ist keine Schlagzeile wert.“ Der Negativ-Fokus in der Berichterstattung ist eine selbstverständliche Zutat für unser verzerrtes Weltbild. Die andere hat weniger mit den ausgewählten Themen zu tun, sondern mehr mit der Tiefe, mit der sie behandelt werden.

Der Zustand unserer Nation – was es mit der Optimism Gap auf sich hat

Der Fokus in den Medien auf Negatives und Einzelereignisse hat noch eine weitere Folge, die in der Wissenschaft als sogenannte Optimism Gap – also Optimismus-Lücke – bekannt ist: „Nach dem Zustand unserer direkten Umgebung gefragt, schätzen wir den meist recht realistisch ein“, schreibt Maren Urner. Im „Großen und Ganzen haben wir ein realistisches Bild unseres eigenen Zustands und unserer alltäglichen Umgebung. Mit Blick auf den Zustand unserer Nation oder gar auf internationale Zusammenhänge ist unsere Einschätzung sehr viel negativer. Sie ist besonders schlecht, wenn es um Zusammenhänge geht, die wir in den Medien aus zweiter oder dritter Hand erfahren. Diese Kluft ist die Optimism Gap.“

Unser Gehirn reagiert steinzeitmäßig – es bekommt Panik

Aus dieser Kluft entsteht eine absurde Situation: Obwohl es noch keine Generation gab, die Zugang zu mehr Informationen hatte als unsere, kreiert diese Informationsfülle ein verzerrtes, negatives Weltbild. Das hat fatale Folgen: Wir sind ständig gestresst, unser Gehirn ist dauerhaft im Angstzustand und unsere Sicht auf die Welt wird durch Schwarz-Weiß-Malerei und Panikmache verzerrt. Gesamtgesellschaftlich wird damit ein Gefühl der antrainierten Hilflosigkeit gefördert, das uns passiv, zynisch und politikverdrossen zurücklässt. So gewinnen wir keinen Überblick über globale Geschehnisse, sondern bleiben mit unseren negativen Gefühlen allein zurück.

Was wir gegen die News-Vermüllung unseres Alltags tun können

Das ist das Problem. Aber wo liegt die Lösung? Maren Urner liefert einige Vorschläge: Zum einen sollte journalistische Berichterstattung nicht nur die Probleme aufzeigen, sondern auch mögliche Lösungen. Lösungsorientierter Journalismus ist mittlerweile ein Trend, der von vielen Stiftungen, wie etwa der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, finanziert wird. Maren Urner findet, Lösungsjournalismus gehöre in alle Redaktionen der Welt.

News auswählen, die einen weiterbringen und nicht nur ablenken

Desweiteren sollten wir unser Denken und Fühlen schützen vor zu viel chaotischer Information: „Statt dein Gehirn kontinuierlich zuzumüllen, kannst du jetzt beginnen, es dosierter mit Informationen zu versorgen – mit solchen Nachrichten und Quellen, von denen du vermutest, dass sie dich wirklich weiterbringen und nicht bloß ablenken.“ Maren Urner erklärt in ihrem Buch, in welchen Schritten man dieses Ziel erreichen kann.

Eine erschütternde Studie über Süddeutsche Zeitung und Spiegel

Schließlich fände Maren Urner es gut, wenn Journalisten sich von ihrer Arbeitsweise her an die der Wissenschaftler annähern würden: Sie „brauchen Fachwissen und müssen im Team arbeiten.“ Und: „Ehrlicher Journalismus braucht Haltung!“ Als letzten Punkt fordert Maren Urner ein Umdenken in der Finanzierung des Journalismus. Sie meint, dass werbefinanzierte Medien stets Interessenkonflikten unterliegen. „Eine der wenigen Studien aus dem deutschsprachigen Raum hat 2008 die Einflussnahme von Anzeigenkunden im Qualitätsjournalismus anhand der Süddeutschen Zeitung und des Spiegel untersucht. Die beiden wichtigsten Ergebnisse: Ein Unternehmen, das viel wirbt, wird auch in redaktionellen Berichten besser dargestellt.“ Außerdem tauchen Unternehmen, die mehr Anzeigen schalten, häufiger in der redaktionellen Berichterstattung auf.

Was das Buch „Schluss mit dem täglichem Weltuntergang“ erreichen kann

Das letzte Kapitel ihres Buchs überschreibt Maren Urner mit der Überschrift „Deine einzige Chance“. Hier macht sie klar, dass nur kritisches Denken und Bewusstsein gegen den täglichen Nachrichtenmüll helfen. Wie man dies konkret in seinem Leben umsetzen kann, erklärt sie anhand vieler Beispiele und Tests, mit denen man seinen eigenen Schwächen auf die Spur kommen kann. So ist „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ ein sachlich und gut verständlich verfasstes Buch mit vielen praktischen Vorschlägen für ein besseres Leben. Es wäre zu wünschen, dass es möglichst viele Leser*innen findet. Dann hätten wir eine Menge vermeintlicher und wirklicher Probleme weniger. Wir würden die Welt ein Stück weit mehr so wahrnehmen, wie sie wirklich ist und nicht wie uns die viel zu lauten Katastrophen-Rufer weismachen wollen. Und das könnte uns tatsächlich von einigem unnötigen Stress befreien.


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