Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen. Kritik | BUCHSZENE

Wie schreibt man eine Geschichte? Sollten Sie sich diese Frage stellen, dann finden Sie in Doris Dörries „Leben, atmen, schreiben“ eine Antwort. Zugleich ist das Buch eine Autobiographie im Plauderton.

Doris Dörries „Leben, schreiben, atmen“ ist eine ziemlich ungewöhnliche Einladung zum Schreiben

8. Januar 2020 | Jörg Steinleitner

Doris Dörrie

Leben, schreiben, atmen

ISBN 978-3-257-07069-9

176 Seiten | € 18,00

Diogenes

Romantik (3/5)

Komik (3/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (3/5)

Unterhaltung (3/5)

Titelbild Leben Schreiben Atmen

©TierneyMJ shutterstock-ID 1542101099

Dieses Buch ist Schreib-Ratgeber und Autobiographie gleichermaßen

Doris Dörries „Leben, schreiben, atmen – Eine Einladung zum Schreiben“ ist ein ungewöhnliches Buch. Denn es vereint zwei sehr unterschiedliche Genres der Literatur in einem Band: Zum einen ist „Leben, schreiben, atmen“ tatsächlich ein Ratgeber für Menschen, die gerne schreiben. Zum anderen aber ist es auch eine Art Biographie der Regisseurin bekannter und vielfach ausgezeichneter Filme wie „Männer“ oder „Kirschblüten-Hanami“.

Anzeige

Schreiben wir, wenn wir schreiben, immer über uns selbst?

Die Autorin erklärt auf der ersten Seite: „Dieses Buch ist eine Einladung zum Schreiben über sich selbst.“ Und sie stellt gleich im nächsten Satz eine interessante Behauptung auf: „Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst.“ Doris Dörrie muss es wissen, sie unterrichtet als „Creative Writing“-Professorin an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Für sie wirkt Schreiben lebenserhaltend. „Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt.“

Sie findet einen Einkaufszettel – und schon erzählt Doris Dörrie los

Es ist ein assoziatives Schreiben, zu dem sie mit ihrem Buch einlädt. Sie erzählt von einem Einkaufszettel, den sie fand und auf dem folgende Worte standen: „Blumen rot, Pril groß, Erbsen tiefkühl, Q-tip.“ Dies sei fast schon ein Gedicht, meint Doris Dörrie und nimmt dieses zufällige Fundstück zum Anlass, in ihre Vergangenheit einzutauchen.

Kleine Fundstücke werden zu Sprungbrettern in die Erinnerung

„Rote Blumen: Ich bin sechs oder sieben Jahre alt und male eine Tulpe, die feuerroten Blütenblätter, den gelben Stempel, die schwarzen Staubfäden. Ich versinke in der Tulpe. Es gibt nicht Schöneres als diese Tulpe. Über fünfzig Jahre später male ich immer noch Tulpen. Ich kaufe Tulpen. Ich vergöttere Tulpen. Die eine rote Tulpe, die es in meinem kleinen Garten jedes Jahr wieder schafft, zu wachsen und zu blühen, rührt mich. Jedes Jahr warte ich auf sie.“ Als nächstes nimmt sie „Pril groß“ zum Sprungbrett in die Erinnerung. Und so geht es munter weiter.

Doris Dörries Motto: Alles kann uns zum Schreiben inspirieren

Was Doris Dörrie damit sagen will? Sie will beweisen, dass dieser eine wichtige Satz stimmt: „Alles kann zum Schreiben inspirieren.“ So lässt sie sich, von Assoziationen und Wahrnehmungen angestoßen, durch ihre Vergangenheit treiben. Sie erzählt von privaten Unglücks- und Glücksfällen, von kleinen Dramen und von großen; von ihrer Kindheit, ihren Reisen, von ihren Lieben und ihrem Muttersein. Am Ende eines jeden „Erzählabschnitts“ kommt ein kurzer, in kursiver Schrift gehaltener Abschnitt, in dem Doris Dörrie ganz konkrete Schreibtipps gibt, die mit dem jeweiligen Erzählabschnitt zusammenhängen.

Ihre Schreibtipps wirken ungewöhnlich, funktionieren aber

Die Schreibtipps sind mitunter witzig, aber man sollte sie nicht unterschätzen, in jedem von ihnen steckt ein Stück Wahrheit und viel Lebens- bzw. Schreiberfahrung. Einer etwa lautet:

„Gedanken, die man beim Schreiben NICHT denken sollte

  1. Ich bin zu blöd.
  2. Ich bin zu uninspiriert.
  3. Ich bin nicht originell genug.
  4. Mein Leben ist nicht interessant genug.
  5. Wen soll das schon interessieren?
  6. Ich kann einfach nicht schreiben und konnte es noch nie.
  7. Ich habe Angst, dass andere blöd finden, was ich schreibe.
  8. Ich habe Angst, peinlich zu wirken.
  9. Ich habe Angst, anderen auf die Zehen zu treten, sie zu verletzen oder zu beleidigen.
  10. Mir fällt sowieso nichts ein.
  11. Und was wird meine Mutter sagen, wenn sie das liest?“

Wer „Leben, schreiben, atmen“ liest, möchte gleich selbst loserzählen

Auf diese lockere, nicht sehr zielorientierte Weise animiert Doris Dörrie zu verschiedensten Schreibübungen – man solle z.B. in Gedanken durch das Haus seiner Kindheit gehen und darüber schreiben. Oder sie schlägt Themen vor, über die man ins Schreiben finden kann: Warum nicht an eine bestimmte Musik denken und über sie in die Situation eintauchen, in der man sie hörte? Was hat man in dieser Situation erlebt? Und schon kann man loserzählen.

Und braucht man dieses Buch nun unbedingt? Lohnt es sich?

Auch über Essen und Lügen, über das Verliebtsein oder ein Kleidungsstück kann man schreiben, findet Doris Dörrie und macht es selbst gleich vor. Ihr Erzählen entwickelt dabei – trotz mitunter „schwerer“ Themen – eine Leichtigkeit, der man gerne folgt. „Lesen, atmen, schreiben“ ist ein eigenwilliges Buch. Eines, das man nicht unbedingt braucht, wenn man sein Schreiben verbessern möchte. Aber es ist eines, das inspiriert und einem helfen kann, sich freizuschreiben. Insofern ist es nicht nur, wie der Untertitel verspricht „Eine Einladung zum Schreiben“, sondern tatsächlich eine regelrechte Brücke zum Schreiben, über die man mühelos spazieren kann.

 


Datenschutz
Wir, ContentPilots. Eine Marke der Buchwerbung der Neun GmbH (Firmensitz: Deutschland), verarbeiten zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Datenschutz
Wir, ContentPilots. Eine Marke der Buchwerbung der Neun GmbH (Firmensitz: Deutschland), verarbeiten zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in unserer Datenschutzerklärung.