Alan P. Stern: Redesigning Civilization Interview | BUCHSZENE

Ein Unternehmen lässt sich von Grund auf neu gestalten. Aber würde dieselbe Methode auch mit unserer Zivilisation funktionieren? Im Interview über „Redesigning Civilization“ erklärt Alan P. Stern seine Idee.

Im Interview über sein Werk „Redesigning Civilization“ denkt Alan P. Stern darüber nach, wie wir die Zivilisation neu gestalten können

1. August 2019 | Interview: Bernhard Berkmann

Titelbild Redesigning Civilization

© istockphoto

Herr Stern, Ihr Buch „Redesigning Civilization – Wie erschaffen wir die westliche Zivilisation neu?“ möchte unser Zusammenleben völlig neu erfinden. Sind Sie ein Idealist?

Ich akzeptiere nur das, was logisch erklärt oder empirisch beobachtet werden kann. So jemanden nennt man einen Realisten, oder? Wenn man sich mit komplexen sozialen Systemen befasst, kommt man zwangsläufig zu dem Geistigen: zum menschlichen Denken, Fühlen, Glauben und Wollen. Wenn man sich mit dem Leben als komplexes System beschäftigt, muss man irgendwann einsehen, dass das Leben nicht auf die Vorgänge innerhalb der Materie reduziert werden kann. Wenn man sein eigenes Selbst praktisch und empirisch erforscht, müsste man blind sein, um nicht das Bewusstsein als eine eigenständige Realität zu beobachten. Ich bin nicht nur ein Realist, sondern ein bodenständiger Empiriker.

Aber Sie schreiben Sätze wie „Der Rohstoff der Welt ist Liebe.“ Widerspricht das nicht unserer Erfahrung?

Wir haben diese Erfahrung in einem sozialen System gemacht, das den Egoismus geradezu zwangsläufig produziert, und halten das Mitgefühl und die Uneigennützigkeit für Idealismus. Wir haben ein Wirtschaftssystem geschaffen, das auf Gier aufbaut und schließen daraus, dass Menschen von Natur aus gierig sind. Wir ernten einfach das, was wir gesät haben.

Was ist also die Lösung?

Wir müssen das System so gestalten, dass es Liebe produziert oder ihr mindestens genügend Raum lässt. Für die menschliche Gesellschaft ist das System die Zivilisation. Diese wächst auf dem Boden der Kultur.

Kann man die Kultur gestalten?

Die Kultur ist das, woran wir glauben, was wir als richtig und wahr betrachten. Das ist uns nicht aus dem Himmel gefallen. Unsere Kultur entsteht aus unserem Denken, auf das wir Einfluss nehmen können. Die Zivilisation wiederum ist ein System, das nach bestimmten Regeln funktioniert. Diese könnte man doch bewusst gestalten. Diese Regeln bringen Verhaltensweisen hervor, die wiederum unser Denken beeinflussen. Wir hätten Einfluss auf beides, wenn wir es wollten.

Sie benutzen die Methode des systemischen Gestaltens, um die westliche Zivilisation neu zu denken. Was lässt Sie daran glauben, dass sie dafür geeignet ist?

Die Erfahrung. Glauben Sie nie. Nutzen Sie Ihren Verstand! Wenn man mit dieser Methode ein großes Unternehmen völlig neu gestalten kann, so dass es sich danach grundsätzlich anders verhält, anders mit seiner Umgebung interagiert, andere Resultate produziert, warum kann man ein System aus Unternehmen, also die Wirtschaft, nicht neu gestalten? Ein Unternehmen hat übrigens auch eine Kultur, die sein Verhalten beeinflusst und die verändert werden kann. Dafür wird allerdings bewusste, andauernde Arbeit von Menschen guten Willens benötigt, Menschen, die Verantwortung übernehmen. Die Wirtschaft ist nur größer, komplexer. Deswegen wird die Aufgabe größer und komplexer sein. Die Methode ist aber dieselbe.

Ihr Designprozess führt zu einem zusätzlichen Wirtschaftskreislauf, in dem alle das Gleiche verdienen. Hatten wir dieses Experiment nicht schon mal in der Sowjetunion oder in China?

Nein. Dem Kommunismus lag die Idee zugrunde, dass alles allen gehört. Er wollte das Privateigentum abschaffen. Der neue Wirtschaftskreislauf soll auf Genügsamkeit basieren. Wie wollen Sie sonst die Zerstörung der Natur beenden? Wie wollen Sie mit dem unwiderruflichen Verbrauch der natürlichen Ressourcen aufhören, wenn wir immer mehr produzieren? Sagen Sie es mir?

Ich weiß es nicht.

Das ist es. Unsere Zivilisation hat eingebaute Fehler, die sie zerstören werden, wenn wir sie nicht beseitigen.

Herr Stern, sind Sie ein Amerikaner oder ein Deutscher?

Ich bin ein Deutscher. Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Schauen Sie: Meine Vorfahren sind ausgewandert und haben sich entschieden, Amerikaner zu werden. Ich bin vor 30 Jahren nach Deutschland gekommen und habe mich in dieser Kultur, unter diesen Menschen, in dieser Sprache zuhause gefühlt, also habe ich mich entschlossen, ein Deutscher zu sein. Heute liegt die Zukunft auf dieser Seite des Atlantiks und ganz besonders bei uns in Deutschland. Das ist doch eine ähnliche Geschichte, wobei man heutzutage solche Entscheidung bewusster treffen kann als vor 150 Jahren.

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