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Schriftstellerin Anna Stothard im Interview über ihren Roman „Museum der Erinnerung“

Museum der Erinnerung

Shutterstock: © Anton Watman Bildnummer: 411018865

31. Juli 2017 | Interview: Ingola Lammers | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


„Museum der Erinnerung“ erzählt von einer jungen Engländerin, die als Konservatorin am Berliner Naturkundemuseum arbeitet. Es ist eine Geschichte von kindlicher Unschuld und großer Liebe. Im Interview erklärt Anna Stothard, was sie mit ihrer Hauptfigur verbindet, wie sie schreibt und entspannt.


Frau Stothard, die Genauigkeit, mit der Sie Cathys Sammlung beschreiben, ist bemerkenswert. Entspricht das Ihrem Naturell?

Die meisten von Cathys Objekten stammen aus meiner eigenen Sammlung. Ich hamstere Erinnerungsstücke. Auf meinem Schreibtisch habe ich Zinnsoldaten aus meiner Kindheit aufgereiht, unmittelbar neben einem Exemplar einer Polymita Muschelschnecke, die mir mal ein Junge in einem Beachclub in Kuba geschenkt hat. In meinem Bücherregal stehen ein goldener Buddha aus Plastik, den ich in Los Angeles auf dem Bürgersteig gefunden habe, diverse Champagnerkorken, präparierte Schmetterlinge und ein Puppenkopf. Als ich das „Museum der Erinnerung“ schrieb, hielt ich immer einen meiner Zinnsoldaten oder Balletttänzer in der Hand, den ich ständig drehte sowie den Kopf von einer Maus oder eine Muschel. Diese Dinge inspirieren mich.

Sie haben wie Ihre Hauptfigur Cathy eine Zeitlang in Los Angeles gelebt. Gibt es weitere Parallelen?

Gewissermaßen sind alle meine Romane Paralleluniversen, die ich mit unterschiedlichen Versionen von mir belebe. Obwohl die Ereignisse im „Museum der Erinnerung“ sämtlich erfunden sind, trifft dies auf die Orte und die skizzierten Manien und Vorlieben nicht zu. Wie Cathy habe ich auch meine Kindheit damit verbracht, nach Tierköpfen und Muscheln im Marschland von Essex zu wühlen, beide haben wir einige Jahre in Los Angeles und Berlin gelebt. Sie und ich horten persönliche Erinnerungen und lieben die Naturgeschichte, doch wenn Sie mich treffen würden, könnten Sie keinerlei Ähnlichkeit mit Cathy feststellen.

Sie kennen sich ja nicht nur im Naturhistorischen Museum in Berlin gut aus; auch das Medizinhistorische Museum der Charité hat es Ihnen angetan. Wie kommt es zu diesen Vorlieben?

Ein Thema, mit dem ich mich in all meinen Romanen beschäftige, ist die Ausstrahlung und die Besonderheit des menschlichen Körpers. Es ist immer wieder faszinierend, über Körper zu schreiben und von welchen Verletzungen die Haut und die Knochen erzählen. Während der Recherchen zu „Museum der Erinnerung“ habe ich Stunden im Dachgeschoss des Medizinhistorischen Museums der Charité verbracht und die Wirbelsäulen, Herzen und anatomische Abbildungen studiert. In Cathys privatem Museum gibt es Haifischzähne, Milchzähne und einen Backenzahn, der ihr als Kind ausgeschlagen wurde. Ihr Exfreund schickt ihr Wirbel, Kieferknochen und Klauen. Sie glaubt, dass die Narben auf ihrem Körper eine Ansammlung von Erfahrungen sind, also ebenfalls so etwas wie ein Stück Medizingeschichte darstellen.

Können Sie sich vorstellen, einen Krimi zu schreiben?

„Das Museum der Erinnerung“ bringt seine Leser dazu, Cathys Geheimnisse zutage zu fördern, aber ich habe nie einen klassischen Kriminalroman geschrieben. Ich liebe „Rebecca“ von Daphne du Maurier, „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Hoeg und „Kaltblütig“ von Truman Capote.

Schreiben Sie aus Freude, Berufung oder möchten Sie die Welt ein wenig verändern?

Ich schreibe, weil es für mich die einzige Möglichkeit ist zu leben. Ich habe mir nie vorgestellt, für andere zu schreiben.

Wie finden Sie Ablenkung und Entspannung?

Bei einem Wodka mit vier Eiswürfeln und einer Limettenscheibe.

Gibt es etwas, das Sie unbedingt einmal machen möchten?

Manchmal träume ich von der „Galerie der Paläontologie und Vergleichender Anatomie“ im Naturkundemuseum in Paris. In meinem Traum unternimmt eine Geisterarmee aus tierischen Skeletten einen Spaziergang und ich muss zurückgehen, um nachzusehen, ob sie wirklich alle noch tot sind. Das Gebäude ist nie renoviert worden, es ist zeitlos, gruselig und faszinierend zugleich.

Seit wann schreiben Sie?

Ich war ein ziemlich unsozialer Teenager, und im Alter von fünfzehn Jahren, als meine Freunde ihre ersten Liebesgeschichten erlebten und Erfahrungen mit Alkohol machten, schrieb ich Geschichten. Eine hieß „Feenland“ und die andere „Fieberaugen“, beide sind skurrile Erzählungen, die von Meerjungfrauen und psychisch kranken Kindern handelten.

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wodka mit vier Eiswürfeln und einer Limettenscheibe.

Anna Stothard
Anna Stothard

Geboren 1983 in London, wuchs Anna Stothard in Washington, Peking und New York auf. Nach ihrem Abschluss in Englischer Literatur in Oxford bekam sie ein Stipendium des American Film Institute…
Zur Biografie von Anna Stothard

Anna Stothard
Anna Stothard

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