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Schriftsteller und Regisseur Chris Kraus im Interview über seinen Roman „Das kalte Blut“

Chris Kraus

Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

10. Juli 2017 | Interview: Redaktion | Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten


Der Roman „Das kalte Blut“ des Schriftstellers und Regisseurs Chris Kraus umspannt das 20. Jahrhundert und entfaltet ein überwältigendes Drama um Verrat, Betrug, Moral und verhängnisvoller Liebe.


Interview © Silvia Zanovello und Kerstin Beaujean, Diogenes Verlag

 

Herr Kraus, was war Ihr Ausgangspunkt für „Das kalte Blut“?

Um eine umfangreiche Vorgeschichte kurzzufassen: Ich habe mich für die Vergangenheit meines Großvaters interessiert, zehn Jahre Recherchearbeit geleistet und bin dabei auf eine mir bislang fremde Version meiner Familiengeschichte gestoßen.

Das hört sich spannend an.

Ja, ich wusste lange nicht, dass ich aus einer Täterfamilie komme.

Ist „Das kalte Blut“ dann überhaupt Fiktion – oder doch eher eine Dokumentation der historischen Wirklichkeit?

Es ist ein Roman. Bei meinen Recherchen habe ich entdeckt, dass die jüngere deutsche Geschichte anders gelaufen ist, als es uns beigebracht wurde. Deutschland wurde nach dem Krieg stark von Mitläufern und bekennenden Nationalsozialisten aufgebaut. Das ist der Kern der Fiktionalisierung. Ich wollte wissen, was das für Menschen waren, und ihre Beweggründe durchspielen. Der Romanhintergrund ist nah an den historischen Fakten, die Konstellation der Hauptfiguren frei erfunden.

Halten Sie es für wichtig, an die Gräuel der Vergangenheit zu erinnern?

Das Verrückte ist: Die Gräuel bleiben immer gleich, da ist nichts besser geworden. Die mentale Ausstattung zur Bestialität trägt der Mensch in sich, sie kann jederzeit durchschlagen. Genau dafür ist Geschichte wichtig, dass man möglichst nicht vergisst – und dafür ist Politik wichtig, dass diese Situation nicht eintrifft.

Darum geht es in Chris Kraus‘ „Das kalte Blut“ – Inhaltsangabe

München, 1974: Der 63-jährige Koja Solm liegt mit einer Kugel im Kopf und einer Hirnhautentzündung im Krankenhaus. Er teilt das Zimmer mit einem Hippie, der Zeuge eines erbitterten Streits zwischen Koja und dessen älteren Bruder Hub wird. Daraufhin erzählt Koja seine Familiengeschichte. Sie führt von Riga über Moskau, Berlin und München bis nach Tel Aviv und zeigt, wie aus sich aufrichtig liebenden Brüdern Rivalen werden. So lässt sich der sensible Koja in den dreißiger Jahren von dem extrovertierten Hub nicht nur in die NS-Bewegung in Lettland und später in Berlin hineinziehen – beide lieben auch ihre Adoptivschwester Ev leidenschaftlich. Als herauskommt, dass Ev jüdische Wurzeln hat, gelingt es dem in der SS aufgestiegenen Koja, sie zu retten. Nach dem Krieg muss er sich neu erfinden, verstrickt sich aber als Doppelagent zunehmend in den eigenen Lügen. Selbst Ev gegenüber, die nur eines will: die Wahrheit über die Täter von damals aufdecken. Packend und anrührend erzählt Chris Kraus mit „Das kalte Blut“ ein Familienepos – und schreibt zugleich die Geschichte Deutschlands neu.

Chris Kraus
Chris Kraus

Geboren 1963 in Göttingen, lebt Chris Kraus heute als Regisseur, Drehbuchautor und Romancier in Berlin. Sein literarisches Debüt „Scherbentanz“ verfilmte er 2002 mit Jürgen Vogel und Margit Carstensen.
Zur Biografie von Chris Kraus

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Geboren 1963 in Göttingen, lebt Chris Kraus heute als Regisseur, Drehbuchautor und Romancier in Berlin. Sein literarisches Debüt „Scherbentanz“ verfilmte er 2002 mit Jürgen Vogel und Margit Carstensen.
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