Julia Whelan: Mein Jahr mit dir. Frau Bluhm | BUCHSZENE

Zunächst denkst du, das ist ein normaler Liebesroman. Doch nach 50 Seiten schüttelt es dich richtig durch. Julia Whelans literarisches Debüt „Mein Jahr mit dir“, gelesen und vorgestellt von Frau Bluhm.

Julia Whelans „Mein Jahr mit dir“ erzählt von Liebe, Freundschaft, Krankheit und Tod

23. Januar 2019 | Frau Bluhm

Titelbild Mein Jahr mit Dir


Frau Bluhm liest „Mein Jahr mit dir“: 4 von 5 Blu(h)men


Ellas Zukunft liegt wie ein gut ausgearbeiteter Plan vor ihr

Ella aus Ohio mag Pläne. Seit ihrem 13. Geburtstag hatte sie den Plan, hart und motiviert zu arbeiten, um sich irgendwann ihren persönlichen Traum erfüllen zu können: ein Studium in Oxford. Nun, im Alter von 24 Jahren, steht sie am Ziel ihrer Träume. Als Stipendiatin nimmt sie im Herbstsemester ein Studium der englischen Literatur in Oxford auf. Eigentlich untypisch, denn wie alles, was Ella in die Hand nimmt, liegt ihre weitere Zukunft in einem gut ausgearbeiteten Plan vor ihr.

Das Ziel von Julia Whelans Heldin ist es, in die Politik zu gehen

Ihr Ziel ist es, in die Politik zu gehen, und just in dem Moment, als sie in Heathrow zum ersten Mal englischen Boden betritt, scheint sie diesem Ziel ein ganzes Stück näher zu kommen: Am Telefon meldet niemand anderer als der Wahlkampfmanager der nächsten Präsidentschaftskandidatin. Und er hat Ella aufgrund ihrer Leistungen im Grundstudium als Verstärkung für sein Team auserkoren. Ella nimmt dieses doppelte Arbeitspensum nur zu gerne auf sich, um den Oxford-Plan zu leben und parallel dazu ihre Karriereambitionen zu verfolgen. Doch dann geschieht etwas, das Ella wirklich nicht voraussehen konnte.

„Mein Jahr mit dir“ sieht aus wie ein gewöhnlicher Liebesroman

Man sollte ein Buch niemals nach seinem Cover beurteilen. Diesen Spruch hört man ja durchaus öfter. Im Fall von „Mein Jahr mit dir“ gehe ich sogar noch einen Schritt weiter: Man sollte ein Buch niemals nach den ersten 50 Seiten beurteilen. Nach Lektüre des Klappentextes und der eben erwähnten ersten 50 Seiten, hatte ich ein ganz klares Bild vor Augen: typischer Liebesroman, nicht einmal ein besonders guter. Was für eine kolossale Fehleinschätzung. Denn schon bald wurde mir klar, dass der Roman „Mein Jahr mit dir“ ganz und gar nicht das ist, was er auf den ersten Blick vermittelt. Zunächst scheint alles klar: Ella trifft Jamie, Ella findet Jamie gut, sie landen im Bett, keiner von beiden möchte eine Beziehung, am Ende verlieben sie sich doch. So weit so richtig. Doch was unter der oberflächlichen Grundgeschichte von „Mein Jahr mit dir“ schlummert, bietet eine Lektüre der ganz anderen Art.

Julia Whelans Roman hat nicht nur eine Überraschung parat

Im Klappentext steht: „Jamie hat ein dunkles Geheimnis.“ Jeder, der schon einige Romane dieser Art gelesen hat, wird zwangsläufig an Betrug, eine Leiche im Keller, eine geheime Ehefrau, ein bis zwei versteckte Kinder oder ähnliches denken. Aber Jamie ist anders: Er hat Krebs. Und zwar nicht den der „Komm, wir kämpfen, wir schaffen das“-Sorte, sondern eine sehr seltene und aggressive Form von Blutkrebs, die nach dem Stand der heutigen Forschung quasi unheilbar ist. Was als harmloser Liebesroman beginnt, entpuppt sich spätestens ab dieser Stelle als tiefsinnig und anrührend. War mir Ella am Anfang zu oberflächlich und, offen gesagt, sogar ein wenig unsympathisch, so hatte ich beim Lesen die Chance, mit ihr in diese unglaublich schwere Situation hineinzuwachsen.
Im Laufe von „Mein Jahr mit dir“ erfährt man immer mehr von Ellas Background, lernt sie zu verstehen und ihre Handlungen zu begreifen. Nichts bleibt mehr übrig von der Oberflächlichkeit der ersten 50 Seiten, die ich nach abgeschlossener Lektüre nun als gelungenes Stilmittel wahrnehme. Wir werden als Leser eingeladen, uns mit Ella auf eine Reise zu begeben, auf deren Weg die junge Frau nicht nur gegen den Krebs, sondern auch gegen ihre eigenen Zwänge und Pläne kämpfen muss.

„Mein Jahr mit dir“ entwickelt einen starken Sog

Geschickterweise erzählt Julia Whelan die Geschichte von Ellas Jahr in Oxford aus der Ich-Perspektive. Dass die Autorin selbst ein Jahr als Gaststudentin in Oxford verbracht hat, fühlt man beim Lesen ganz deutlich – wegen vieler präziser Details und der bildhaften und wunderschönen Beschreibung der Universitätsstadt. Zusätzlich ermöglicht diese Erzählperspektive eine direkte Teilnahme an Ellas Gedanken und Gefühlen, was mehr als einmal zu Tränen rührt. Die Geschichte entwickelt mit fortschreitender Seitenzahl einen emotionalen Sog, dem man sich beim Lesen kaum noch entziehen kann.

Julia Whelan hat mir ein sehr berührendes Leseerlebnis geschenkt

Untermalt mit liebevoll und passend ausgewählten kleinen Gedichten der viktorianischen Literaturepoche, führt uns Julia Whelan in „Mein Jahr mit dir“ durch 30 Kapitel und ihre Protagonistin Ella auf den Weg zu sich selbst. Die junge Frau, die so überzeugt von sich und ihren eigenen Plänen war, erfährt, dass einem der schönste Plan nichts nützt, wenn das Leben dazwischenkommt. Man beginnt unweigerlich seine eigenen Gefühle und Erfahrungen mit denen Ellas zu vergleichen. Und auch wenn diese Heldin eigentlich nur aus Papier und Tinte besteht, möchte ich soweit gehen zu sagen, dass mir ihre Geschichte eine der menschlichsten und authentischsten Erfahrungen geboten hat, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. „Mein Jahr mit dir“ ist eine Geschichte über Liebe, über Freundschaft, und ja, auch über Krankheit und Tod. Der Roman lässt mich nachdenklich, aber nicht bedrückt zurück. Ich werde jetzt nicht dazu übergehen und das Ende verraten, doch so viel will ich preisgeben: Bei diesem Buch ist der Weg das Ziel, und ich bin ihn gerne gegangen.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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