Bernhard Aichner: Kaschmirgefühl. Buchtipp | BUCHSZENE

Ein Mann ruft eine Sexhotline an. Eine Frau hebt ab. Es beginnt ein überraschender Dialog. Aber warum ruft der Mann immer wieder an? Bernhard Aichners Liebeserzählung heißt „Kaschmirgefühl“.

In „Kaschmirgefühl“ zeigt sich der Thrillerautor Bernhard Aichner seit langem erstmals wieder als Romantiker

3. Mai 2019 | Birte Vandar

Titelbild Kaschmirgefühl

© Elnur shutterstock-ID:1315333268

Sie arbeitet für eine Sexhotline, er ruft bei ihr an

Dieser Roman hat keine Einleitung. Joe ruft Yvonne auf ihrer Sexhotline an, und sie errät schnell, dass er nicht Joe heißt, und natürlich heißt auch sie nicht Yvonne. Sind Gottlieb und Marie nun ihre echten Namen? Das wird erst kurz vor Schluss aufgelöst. Sie ist gut in ihrem Job, sie lässt sich nicht täuschen: Er will gar keinen Sex am Telefon. Aber warum hat er sie dann angerufen? Auf die Auflösung müssen wir lange warten. Gottlieb und Marie werden mehrere Male vom System getrennt und Gottlieb muss erneut anrufen.

Warum nur ruft Gottlieb immer wieder bei Marie an?

Dennoch entsteht ein Dialog zwischen den beiden. Sie beginnen, einander von sich zu erzählen: Er ist in eine andere Frau verliebt und sie möchte die Geschichte hören. Er erzählt, aber immer wieder fliegen Täuschungen der beiden auf. Warum nur ruft er immer wieder an? Warum wird sie immer privater? Sogar in Streit geraten die beiden; gleichzeitig wird offenbar, dass Marie ein bisschen eifersüchtig auf Gottliebs „andere“ ist.

„Kaschmirgefühl“ besteht ausschließlich aus Telefondialogen

Aber er ruft immer wieder an. Bernhard Aichner lässt uns diesen Telefonaten beiwohnen, ohne dass er sie mit begleitenden Worten rahmen würde. Es gibt nichts als diesen Dialog. Gottliebs und Maries Gespräche unterteilt der Autor wie in Kapitel. Statt Überschriften kommt jedes Mal eine farbige Seite, die uns mitteilt, um welche Uhrzeit der neue Anruf startet.

Er erzählt eine romantische und spannende Liebesgeschichte

Die Liebesgeschichte, die Gottlieb Marie erzählt, ist besonders, fesselnd, romantisch, spannend, und dennoch geraten die beiden manchmal in Streit oder legen aus anderen Gründen zwischendurch auf. Ist es wirklich nur die Eifersucht? Ist es Zufall, dass auch die andere Frau Marie heißt?

Aber eine Frage stelle ich mir am Ende doch …

Das Ende macht das Buch rund. Marie und Gottlieb haben von 20.15 bis 5.46 Uhr, also die ganze Nacht telefoniert – und wer die Zeit hatte, hat in Echtzeit mitgelesen – und alles passt plötzlich. Dennoch: Ich weiß nicht, ob ich mit den beiden tauschen möchte. Eine beginnende Liebesgeschichte, die auf Lügen beruht, auch wenn sie alle aufgedeckt wurden … meins wäre das nicht.

Bernhard Aichner

Geboren 1972, in Innsbruck, brach Bernhard Aichner 17-jährig das Gymnasium ab und arbeitete als Kellner und Fotolaborant.


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