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Maurer präsentiert „Bayern für die Hosentasche“

25. Juli 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Darauf haben wir gewartet: Dass Jörg Maurer uns sein Bayern erklärt. Jetzt ist es soweit. „Bayern für die Hosentasche“, sein neuestes Werk, ist kein Kriminalroman, sondern ein Sachbuch.

Darin verrät der belesene Schriftsteller auf unterhaltsame Weise „Was Reiseführer verschweigen“. Es ist ein Bayern-Buch, das sich vehement gegen das Klischee stemmt. Im Interview fragen wir den humorbegabten Kriminalschriftsteller, was er gegen Lederhosen, Schuhplattln und Jodeln hat. Außerdem sprechen wir über bayerische Gefängnisse, Zitronentee zur Weißwurst und bekommen einen Kurzsprachkurs.

„Der Märchenkönig, Karl Valentin, Hoeneß – da ist ja einer verrückter als der andere“ Jörg Maurer im Interview.

Herr Maurer, Sie haben das Buch „Bayern für die Hosentasche“ verfasst. Ist Bayern etwa ein derart kompliziertes Gebilde, dass man es erklären muss? Ich meine Lederhosen, Oktoberfest und CSU, das kapiert doch eigentlich jeder, oder?

Nein, niemand kapiert das Geheimnis der durchschlagenden Erfolge von Lederhosen, Oktoberfest, CSU und anderen bayrischen Erscheinungen. Aber gerade diese Aura des Unklaren, Undefinierbaren und Unergründlichen ist ein todsicherer Weg zur Weltmarke. Ein Gegenbeispiel: Die Zutaten für den hessischen Handkäs mit Musik sind mehr als eindeutig: Käse, Zwiebeln, Äppelwoi, basta. Aber der Handkäs ist auch nicht so weltberühmt wie die Weißwurst, bei der sich Unmengen von Fragen aufwerfen: Was ist drin? Wie, wann, wo und warum wird sie gegessen? Wer hat sie erfunden? … Unfassbar vage, gerade deshalb in aller Munde. – Und mit meinem Buch trage ich einen kleinen Teil zur Verunklarung bei.

Es gibt ja viele Bücher über Bayern. Was bei Ihnen auffällt: Sie kämpfen mit aller Macht gegen die Klischees an. Warum? Die sind doch wunderbar!

Gegen Klischees anzukämpfen ist doch ebenfalls wunderbar! Es macht mir immer wieder große Freude, nicht zu jodeln, nicht zu schuhplatteln – wenigstens nicht dauernd – und in Altmünchner Wirtschaften die megabayrische Dirndlbedienung nach echt Mainzer Handkäs mit Musik zu fragen.

Sie behaupten, der Bayer sei die Rampensau unter den deutschen Volksstämmen. Er liebe den Knalleffekt und die Selbstdarstellung. Wenn wir uns Sie jetzt einmal genauer anschauen: Sie füllen mit Ihrem literarischen Kabarettprogramm deutschlandweit die Hallen. Kann es sein, dass Ihr Bayernbuch genau genommen eine Art persönlicher Psychoanalyse ist? Selbsttherapie?

Oh! So habe ich das noch gar nicht gesehen.

Verstört sind wir, seit wir gelesen haben, dass Sie vermuten, die ersten Bayern könnten Sachsen gewesen sein – oder versprengte Preußen. Bitte erklären Sie diese tollkühnen Ideen.

Irgendwas anderes müssen die Bayern einmal gewesen sein, denn der Landstrich war bis vor 2.200 Jahren fast vollkommen menschenleer. Dann aber müssen fremde Volksstämme eingewandert sein, und hier gefällt mir die prussizistisch-saxonische Theorie am besten. Denn noch heute strömen gerade diese beiden Landsmannschaften aus dem Norden invasionsartig in den Freistaat. Wenn es ein kollektives Völkergedächtnis gibt, dann wiederholen sie unbewusst die erste Einwanderung.

Grandios an Ihrem Buch ist – neben vielem anderen – der Kurzsprachkurs für Bairisch. Sie reduzieren hierbei die komplexe bairische Sprache auf fünf Regeln. Bitte geben Sie uns die Kurzform dieses Regelwerks.

Schon Regel Nummer eins macht aus jedem hochdeutschen Schnack schon fast ein bairisches G’red: Man braucht dabei nur ab und zu ein Endungs-e durch einen gemütlichen Apostroph zu ersetzen. Damit sitz’n wir schon halb auf der Alpspitz‘ und hab’n gut’n Blick aufs ‚insam‘ G’birg. Jod’ln, Platt’ln und W’issbi’rschl’nz’n! Sch“ iss’s!

Teilweise fallen einem bei der Lektüre aber auch die Wadlstrümpfe von den Beinen. Etwa wenn Sie behaupten, Zitronen-Tee passe hervorragend zur Weißwurst. So etwas zu behaupten, ist unverzeihlich. Das wird Ihnen Ärger eintragen!

Natürlich trägt mir das Ärger ein, aber ich stehe dazu, denn die zitronige Note in der Original Münchner Weißwurst, die durch das (nach EG-Norm 17/8-C5) vorgeschriebene Zitronenpulver zustande kommt, wiederholt sich gut im Tee. Ich empfehle übrigens darüber hinaus, die Weißwurst nicht zum Tee, sondern im heißen Tee zu servieren, mit einer kleinen Dekorations-Brezn am Tellerrand und einem Löffelchen Senf als Süßungsmittel. ­– Au wei, das gibt jetzt richtig Ärger.

Sie stellen ja allerlei wichtige bayerische Persönlichkeiten vor – von Uschi Glas bis Ludwig Thoma ist da alles dabei von Rang und Namen. Haben Sie einen persönlichen Lieblingsbayer?

Es ist zwar ein virtueller Bayer, aber bayrischer gehts irgendwie nicht mehr: Alois Permaneder in Thomas Manns Roman Buddenbrooks ist eine feine Lübecker Zeichnung eines groben Münchner Charakters.

Interessant sind auch die Bräuche, in die Sie uns einweihen. Etwa rund um das bayerische Heiraten. Da berichten Sie vom Zumauern der Tür hinter dem Brautpaar und vom Scheitlknien. Oder in anderem Zusammenhang vom Haberfeldtreiben. Zeugen solche Absonderlichkeiten nun vom großen Humor der Bayern oder vom puren Gegenteil?

Humorlos ist der Bayer nicht, er hat nur manchmal einen recht grobgewirkten solchen.

Wenn einen eine bayerische Bedienung nicht niederschlage, gelte sie schon als freundlich, schreiben Sie an einer Stelle. Sind die Bayern verrückt?

Das liebt man ja gerade so an ihnen. Der Märchenkönig Ludwig II., Karl Valentin, Uli Hoeneß – einer ist verrückter als der andere, aber weltberühmt sind sie alle drei.

So schonungslos wie in Ihrem Buch wurde der Freistaat noch selten porträtiert. Deshalb rechnen wir damit, dass man Sie schon bald wegen Majestätsbeleidigung festnehmen wird. Aber da Sie in Ihrem Machwerk ja auch die schönsten bayerischen Gefängnisse porträtieren – in welches wollen Sie denn verbracht werden?

Da fällt die Auswahl schwer! Schlimm wäre es für mich, im Zellentrakt des Münchner Wiesn-Polizeireviers einzusitzen, vor allem wegen der Dauerbeschallung mit den aktuellen Wiesn-Hits. Ich persönlich würde die Landsberger JVA mit der schönen klassizierenden Jugendstilfassade wählen. Die sieht man zwar von drinnen nicht, aber nach sieben Jahren Haft, zum Beispiel wegen Majestätsbeleidigung, wirkt sie dann umso schöner. Einige berühmte Bayern wissen ein Lied davon zu singen!

Jörg Maurer
Jörg Maurer

Jahrelang betrieb er die Kabarettbühne „Unterton“ in München. Heute lebt er in Garmisch-Partenkirchen und schreibt die Krimis um Kommissar Jennerwein.
Zur Biografie von Jörg Maurer

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