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Der Roman „Schwindelfrei ist nur der Tod“
„Bei mir gibt’s täglich Breznknödel“ – Alpenkrimi-König Jörg Maurer im Interview

18. Juli 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Jörg Maurer schreibt nicht nur ungeheuer gewitzte Kriminalromane, er ist auch ein sehr unterhaltsamer Gesprächspartner. Dies liegt zum einen an seinem hintergründigen Humor, zum anderen an seinem großen Wissen. Der Schriftsteller-Kabarettist ist nämlich äußerst belesen. Im Gespräch mit buchszene.de verrät er nicht nur die schrecklichsten bairischen Schimpfwörter, sondern auch wie man andere Menschen bestiehlt, ohne dass sie es merken. Diebereien und Raubüberfälle stehen im Mittelpunkt seines neuesten Jennerwein-Falls „Schwindelfrei ist nur der Tod“.

Der Schriftsteller über Banküberfälle,
Schimpfwörter und seinen Roman
„Schwindelfrei ist nur der Tod“

Herr Maurer, Ihr Krimi Schwindelfrei ist nur der Tod befasst sich intensiv mit Bösartigkeiten wie Raub und Diebstahl. Sie erzählen so lebendig davon – verfügen Sie über Erfahrungen aus erster Hand?

Leider nicht! Die Industrie- und Handelskammer bietet keine Trickdiebausbildung an, von Bankraub rät sie gänzlich ab – dieses Handwerk würde sich nicht mehr lohnen, weil doch das Bargeld abgeschafft werden soll. Die Zunft der Diebe und Räuber arbeitet heutzutage digital, und da hat man als über Dreizehnjähriger den Anschluss längst verloren.

Im Mittelpunkt von Kommissar Jennerweins neustem Fall steht neben einer Ballonfahrt mit schrecklichem Ende auch ein Banküberfall, der im München des Jahres 1971 tatsächlich passiert ist. Sie stellen in Ihrem Roman eine völlig neue Theorie über den Verbleib der seinerzeit erbeuteten Millionen auf. Verfügen Sie über Insiderwissen?

Eher ein luftiges Outsider-Wissen. Ich bin damals zum Studium nach München gezogen, ich wohnte in einer WG in der Prinzregentenstraße, vom Balkon hatten wir einen guten Blick auf den Eingangsbereich der Deutschen Bank. Überall dudelte der Sommerhit Chirpy Chirpy Cheep Cheep, und als das Spektakel begann, dachten wir, das da drüben wäre ein neues Open-Air-Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder.

Bei der Lektüre Ihres Krimis fiel uns beinahe das Buch aus der Hand, denn auf einer der ersten Seiten verwenden Sie das Wort „Brezel“. Wurden Sie wegen dieser schamlosen Verballhornung eines zentralen bairischen Lebensmittels – standardbairisch heißt das ja wohl „Brezn“! – bereits von militanten Dialektverteidigern tätlich angegangen?

Ja, mir wurden tatsächlich schon Lastwagenladungen voller steinharter altbayrischer Brezn in den Garten gekippt, ein knochentrockenes Bekennerschreiben vom Verein für Pflege der Altbairischen Mundart e.V. lag im Briefkasten. Seitdem gibt es bei mir keine Semmelknödel mehr, sondern Breznknödel. Und zwar täglich.

Wenn wir es richtig im Kopf haben, tritt in „Schwindelfrei ist nur der Tod“ Jennerweins Vater zum ersten Mal in Erscheinung. Sie dichten ihm mit zum Himmel schreiender Unverfrorenheit eine Vergangenheit als Verbrecher an. Ein triftiger Grund für uns, uns nach Ihrem Erzeuger zu erkundigen: Herr Maurer, mit was hat eigentlich Ihr eigener Vater sein Geld verdient? Und jetzt bitte keine Schwindeleien – wir sind schwindelfrei und wollen dies auch bleiben!

Mein Beruf ist ja der Schwindel! Aber gut, ichs wills mal versuchen: Mein eigener Vater war immer wieder mal zwei Jahre weg und er hat gesagt, das wäre eine spezielle Fortbildung. Ich bin aber ganz froh, dass Sie mich nicht nach meiner Mutter gefragt haben.

An einer Stelle Ihres Werks schreiben Sie: „Wem ist es nicht schon so ergangen? Man kommt nach Hause und findet eine Kleinigkeit in seiner Wohnung verändert. Es gibt keine Erklärung dafür.“ Wann kamen Sie so zuletzt nach Hause? Was war verändert? Zu welcher kriminalistischen Hypothese kommen Sie?

Ich war bloß ein paar Stunden weg, bei einem Kollegen, der mich zu Kaffee und Kuchen eingeladen hat. Als ich heimkam, hatte jemand das Schlüsselwort meines Computers geknackt und meinen Roman weitergeschrieben – und das gar nicht so schlecht, wie ich finde. Ich habe bis heute keine Erklärung dafür. (Ich fahre übrigens jetzt sechs Wochen weg, und wenn bis dahin der aktuelle Roman fertig wäre …)

Vom Kniabiesler über den Gschwollschädel bis zum Plattnsimmal – vermutlich gibt es kein Werk der deutschsprachigen Literatur, in dem mehr Schimpfwörter verewigt wurden als in „Schwindelfrei ist nur der Tod“. Woher rührt Ihre literarische plötzliche Wut?

Essen Sie doch mal ein halbes Jahr lang täglich Breznknödel!

Welche drei bayerischen Schimpfwörter halten Sie für die zielführendsten und weshalb?

Erstens „Loas“, zweitens „Mensch“ und drittens „Fregger“. Bei „Du Loas!“ denkt die Angeschimpfte an Laus, hält es für eine zärtliche Neckerei. In Wirklichkeit ist „Loas“ der oberbayrische Ausdruck für Muttersau. Ich kann also grob und beleidigend poltern, sie fühlt sich geneckt – wenn das keine Win-Win-Situation ist. „Das Mensch“ – mit sächlichem Artikel – ist eine alemannische Sottise. Im Schwäbischen sind bei „Oba doba hoggad d‘ Menscha“ die jungen Frauen gemeint, die auf irgendwas draufsitzen. Und es ist nicht ehrenvoll gemeint. Diese verdrehte Stilform des „toto pro pars“ finde ich ausgesprochen merkwürdig und so unerklärbar wie den Schwaben selbst. Das harmlose fränkische Kosewort „Fregger“ bedeutet so viel wie Lausbub, zwischen dem F und dem r ist aber ein klitzekleines e zu hören, was auf die garstige Wortherkunft „Verrecker“ hindeutet.

Der Ganove Dirschbiegel hält sich mit gymnastischen Übungen fit. Machen Sie auch gelegentlich Turnübungen?

Meine Lieblingsgymnastik ist das Ross-Fraser’sche Manöver, mit dem man an den Bauchbeutel von Touristen kommt. Die Arbeitsschritte müssen innerhalb von zwei Sekunden in einem Schwung durchgeführt werden: Leichtes Anrempeln des Opfers; Öffnen eines der Hemdknöpfe mit Daumen und Ringfinger; Durchschneiden des Haltegürtels mit der Fingerschere; Herausziehen des Beutebeutels. Dann schnell und locker weglaufen.

Jennerwein zeigt sich in diesem Krimi den Errungenschaften der Digitaltechnik gegenüber äußerst aufgeschlossen. Er rettet sogar mithilfe einer Jammer-App, die in der Lage ist, Handys zu stören, sein Team. Wir kannten den Kommissar bislang als Vertreter der guten alten bayerischen Tradition. Müssen wir befürchten, dass er für den nächsten Fall sein sympathisches Team durch Roboter ersetzt und das Garmischer Polizeirevier virtualisiert?

Nein, das muss man nicht befürchten. Er hat vom Team Apps auf sein Handy gespielt bekommen, alle mit einer persönlichen Note. Der „Peakfinder“, der jeden Berggipfel identifizieren kann, stammt von Hauptkommissar Ludwig Stengele, dem Allgäuer Bergfex. Die Polizeipsychologin Dr. Maria Schmalfuß wiederum hat ihm eine Audiodatei installiert, auf der das beruhigende Geräusch des stetigen Umrührens in einer Kaffeetasse zu hören ist. Das selbstgeschnitzte urige Smartphone-Holzkasterl aus Werdenfelser Zirbelholz stammt von Polizeihauptmeister Johann Ostler. Kommissarin Nicole Schwattke hat ihm die besagte Jammer-GPS-App heruntergeladen – sehr praktisch bei längeren Bahnfahrten. Das Geschenk von Polizeiobermeister Franz Hölleisen, dem Metzgerssohn, ist schließlich eine Weißwurst-Restaurant-Finder-App, die sogar in Helsinki zwei Ergebnisse liefert.
Kommissar Jennerwein selbst wäre natürlich nie auf solch einen Schmarrn gekommen.

Jörg Maurer
Jörg Maurer

Jahrelang betrieb er die Kabarettbühne „Unterton“ in München. Heute lebt er in Garmisch-Partenkirchen und schreibt die Krimis um Kommissar Jennerwein.
Zur Biografie von Jörg Maurer

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