GWWO plant mutmaßlich Leseverbot

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GWWO plant mutmaßlich Leseverbot

11. August 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Leseaktivistin Hertha K. hält mit öffentlichen Lesesessions dagegen.

Vor einigen Tagen entdeckte ich bei einem Spaziergang im Hafen von Rostock eine lesende Frau auf dem Quermast eines Segelboots. Die Frau trug ein Piratenkopftuch und es sah nicht gemütlich aus, wie sie sich da schlangengleich um den Mast gewickelt hatte. Man kann gemütlicher lesen als auf dem Mast eines Piratenschiffs. Aber bald schon begriff ich: Wer die Welt und das Buch retten will, muss unkomfortable Situationen auf sich nehmen.

Bo Geb, Na Geb, Schweden 080

Die Seeräuberin entpuppte sich als die Leseaktivistin Hertha K. Mit raunender Stimme machte sie mich auf geheime Pläne der Geheimen Weltwirtschaftsorganisation (GWWO) aufmerksam. Seither bin ich Alarmstufe Rot. Hertha K. sagt nämlich, dass die GWWO sich die erfolgreiche Durchsetzung des Rauchverbots zum Vorbild nehmen möchte: Im Geheimen bereitet sie die Einführung eines Leseverbots vor. Denn laut GWWO und einer unveröffentlichten Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWF) lesen zu viele Menschen zu viel. Die GWWO befürchtet drastische Folgen für das Wirtschaftswachstum.

Laut der IWF-Studie hält die viele Zeit, die viele Menschen lesend verbringen, dieselben Menschen davon ab, Geld zu verdienen oder dasselbe für umsatzstärkere und weniger Zeit raubende Waren als Bücher auszugeben. Die Studie geht davon aus, dass jeder durchschnittliche Mensch (DM) durchschnittlich 28 durchschnittliche Minuten pro durchschnittlichen Tag liest. Wenn dieser DM gerade nicht liest, denkt er laut Studie zudem durchschnittlich weitere 13 Minuten über das Gelesene nach und tauscht sich durchschnittlich 15,5 Minuten mit anderen durchschnittlichen Lesern (DL) über das Gelesene aus. Dabei kommen brisante Themen zur Sprache wie: Was habe ich gelesen? Was hast du gelesen? Wie war es? Und: Was liest du als nächstes?

Hinzu kommt laut IWF, dass fast alle DL sich pro Tag 12 Minuten mit dem Kauf von und der Recherche nach Büchern beschäftigen; 3 Minuten mit dem Einordnen von Büchern in Bücherregale sowie 4 Minuten mit dem Aufheben von Büchern vom Boden, dem Entstauben und Aufstapeln derselben. Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass zu viele Menschen 1,2583333333 Stunden pro Tag dem Buch und seiner Pflege widmen. Würden diese Menschen in diesen knapp eineinhalb Stunden Aktien im Wert von 1 Million Euro kaufen und der Aktienkurs würde um nur 1 Prozent steigen, würden diese Menschen einen Mehrwert von mehr als 10.000 Euro schaffen – in nur 1,2583333333 Stunden!

Die GWWO glaubt, auf diesen Mehrwert nicht mehr verzichten zu können, denn bei 80 Millionen Deutschen würde sich der Gewinn pro Stunde auf rund 800.000.000.000 Euro erhöhen. Anders herum und einzeln betrachtet, könnte ein nicht lesendes Individuum mit seinen 10.000 Euro zum Beispiel den linken vorderen Blinker eines durchschnittlichen Porsche kaufen und so die deutsche Autoindustrie, deren Absatzzahlen laut einer anderen aktuellen IWF-Studie auf dem chinesischen Markt demnächst einbrechen werden, stützen.

„Nur eine Stunde Leseverzicht pro Tag würde die deutsche Autoindustrie retten“, stellt deshalb der Leiter der Studie und IWF-Direktor Prof. Dr. Hösenköttel-Münch fest. Und erläutert auch gleich, wie dieser Leseverzicht erreicht werden soll: Ähnlich wie beim Rauchverbot sollen Bücher zukünftig nicht mehr mit manipulativ ansprechenden Aufdrucken versehen werden, sondern mit Fotos von Lesegeschädigten. Hösenköttel-Münch denkt an Menschen mit dicken Brillengläsern, krummen Rücken und Sehnenscheidenentzündungen vom vielen Umblättern. Man ist bereit, neue Wege zu gehen. Sogar das Bild eines von einem Bücherregal erschlagenen DL aus Wuppertal soll der Illustration dienen.

Insgesamt zeigt sich Hösenköttel-Münch zuversichtlich. Die ersten Schritte in Richtung Leseverringerung tragen bereits Früchte. Etwa zeitigt die Einführung des eBooks – ähnlich wie jüngst die Einführung der eZigarette – erste positive Wirkungen: Die Zeit, die Menschen mit dem Besuch von Buchhandlungen, dem Einsortieren von Büchern in Regale sowie dem Aufstapeln verplempern, konnte dank eBook um 39,4 Prozent verringert werden. Der eigentliche Clou an der eBook-Strategie aber sei, so Hösenköttel-Münch, dass sie die GWWO in naher Zukunft in die Lage versetzen wird, jedes volkswirtschaftsschädigende Lesen handstreichartig und komplett abzustellen: Dann nämlich, wenn alle DL und DM auf eBooks umgestiegen sind. Es sei angedacht, so Hösenköttel-Münch, „an diesem Tag X den Stecker zu ziehen und so auf einen Schlag sämtlichen digitalen Bibliotheken den Strom abzustellen.“

Die Leseaktivistin Hertha K. findet dies alles nicht gut. „Ich will doch einfach nur lesen“, sagt die patente Großhandelskauffrau. „Und zwar was ich will, wo ich will, wann ich will und wie viel ich will.“ Aber sie sieht ihre libertäre Lebensphilosophie von der immer weiter um sich greifenden Regelungswut der GWWO bedroht. Deshalb hat sie sich den Leseaktivisten angeschlossen und liest seither noch öffentlicher, tabuloser und provokanter. „Wir Leser müssen ein Lesezeichen setzen“, fordert sie. Vor einigen Tagen hat sie es mit ihrer Lesesession in Rostock auf dem Schiffsmast getan. Und sie will es immer wieder tun. „Lesen ist für mich wie Sex“, sagt Hertha K. „Ohne habe ich keinen Höhepunkt.“ Dafür will sie kämpfen. Keine Ahnung, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser dazu stehen, aber ich finde: Vor Frauen wie Hertha K. kann man nur das Piratentuch ziehen.

 

P.S.: Hertha K. fordert alle DL auf, sich mit demonstrativem Lesen in der Öffentlichkeit gegen das drohende Leseverbot zur Wehr zu setzen: „Setzt ein Lesezeichen! Nur wenn wir lesen worauf wir Lust haben, werden wir gewinnen.“

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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