Simon Beckett: Die ewigen Toten. Buchkritik | BUCHSZENE

Ein Krankenhaus soll abgerissen werden. Doch dann finden sich überall in der modrigen Ruine eingemauerte Leichen. In „Die ewigen Toten“ schickt Simon Beckett seinen Helden David Hunter durch die Hölle.

Simon Becketts „Die ewigen Toten” ist der sechste Band der Serie um den Anthropologen David Hunter

19. Juni 2019 | Frau Bluhm

Simon Beckett

Die ewigen Toten

ISBN 978-3-805-25002-3

480 Seiten | € 22,95

Wunderlich

Romantik (2/5)

Komik (2/5)

Weisheit (3/5)

Gänsehaut (5/5)

Unterhaltung (5/5)

Titelbild Die ewigen Toten

© KION shutterstock-ID:577110331


Frau Bluhm liest „Die ewigen Toten“: 4 von 5 Blu(h)men


Überall eingemauerte Leichen – ein sadistischer Serienmörder?

In „Die ewigen Toten“, dem sechsten Teil der Bestsellerreihe um David Hunter, verirrt sich der forensische Anthropologe in ein verlassenes Krankenhaus im schäbigsten Viertel Londons. Eigentlich soll das Haus zum Abriss freigegeben werden und wird nur noch von Junkies und anderen zwielichtigen Gestalten frequentiert. Doch bei einer Begehung finden die Arbeiter eine mumifizierte Leiche, die hinter geschlossenen Türen lag. Ein Fall für die Polizei, die David Hunter als Sachverständigen hinzuzieht. Bei der Begutachtung der Leiche stürzt ein Mitarbeiter durch die Decke, wodurch noch weitere, eingemauerte Leichen gefunden werden. Der Fall wird immer mysteriöser, denn die Ermittler fragen sich, ob diese Fälle zusammenhängen, und ein sadistischer Serienmörder am Werk ist.

David Hunter ermittelt auf eigene Faust und gerät in Gefahr

Wie man David Hunter kennt, so fängt er auch auf eigene Faust an zu ermitteln. Er kann es einfach nicht sein lassen mit dem Gutmenschentum und der Neugier. Und das bringt ihn irgendwann in lebensbedrohliche Schwierigkeiten.

Simon Becketts Held ist ein cooler Typ, bodenständig und uneitel

David Hunter ist ein eher stiller Typ, der mit beiden Beinen fest im Leben steht. Manchmal scheint es, als könne er mit den Toten besser umgehen, als mit den Lebenden, was auch in diesem aktuellen Fall wieder ganz charakteristisch zum Tragen kommt. Fast empfinde ich sein gutes Herz schon als anstrengend, wie im Fall von Lola Lennox, einer alten Dame, der er sich in diesem Band fast schon aufdrängt. Doch hin und wieder blitzt der für ihn als Engländer so typische, durch Sarkasmus geprägte schwarze Humor auf, was ihn zu einem sehr angenehmen und sympathischen Zeitgenossen macht. Meistens versucht er der Konfrontation aus dem Weg zu gehen und entgleisende Situationen mit Worten oder Ignorieren zu Entschärfen. Unter dem Strich ist David Hunter einfach ein cooler Typ, von dem ich immer gerne wieder lese. Am besten an ihm gefällt mir, dass er in seinem Fach unbestreitbar der Beste ist, aber dennoch sehr bodenständig und uneitel auftritt.

Man sieht die dunklen Gänge und riecht den Moder

Simon Beckett hat die Gabe, eine wunderbar unheimliche und dichte Atmosphäre zu schaffen, mit den richtigen Worten, beim Leser Bilder im Kopf entstehen zu lassen, vor allem seine Settings betreffend. Egal, ob weitläufige Heide oder kaltes und verregnetes Sumpfland, wie in den vorherigen Bänden seiner Hunter-Reihe, oder eben wie hier, ein altes, leerstehendes Krankenhaus: Man fühlt sich beim Lesen jedes Mal wie in die Situation hineingepflanzt. Man sieht die staubigen, und zum Teil verfallenen, dunklen Gänge des verlassenen Krankenhauses vor sich, riecht den abgestandenen Moder und fühlt vor allem die bedrückende und unheimliche, zwielichtige Atmosphäre des alten, aus der viktorianischen Zeit stammenden Gebäudes.

Sogar Verwesungsgestank beschreibt Simon Beckett poetisch

Auch sprachlich gelingt es dem Autor in „Die ewigen Toten“, sofort eine für ihn sehr charakteristische Aura herzustellen. Ich liebe diese Einführung, in der er die olfaktorischen Eindrücke des Verwesungsprozesses bis ins kleinste Detail beschreibt. Könnte wahnsinnig ekelhaft sein, zugegeben, doch mit der wunderbar poetischen Ausdrucksweise gelingt es Simon Beckett die Liebe, die David Hunter zu seinem Beruf verspürt, aufzugreifen, und an den Leser weiterzugeben.

Spannend, viele überraschende Wendungen, authentische Figuren

Doch nicht nur die Atmosphäre ist ein Highlight, sondern auch die Story selbst. Spannend, von Anfang bis Ende und bestückt mit vielen überraschenden Wendungen, ist das Buch nach „Totenfang“, dem für mich eher enttäuschenden vorhergehenden Band der Reihe, wieder ein absoluter Pageturner der Extraklasse. Die Charaktere bleiben authentisch, ausgefeilt und facettenreich gezeichnet; nur das Ende fand ich dann doch etwas zu übertrieben, was aber dem Lesevergnügen keinerlei Steine in den Weg legt.

Beckett findet in „Die ewigen Toten“ zu alter Form zurück

Ein kleines Fazit: Nach jahrelanger Hunter-Abstinenz ist Simon Beckett mit „Die ewigen Toten“ in die Welt des Anthropologen zurückgekehrt und zwar besser denn je. Der Schriftsteller hat zu seiner alten Form zurückgefunden und ich freue mich auf weitere, ebenso hochkarätige Bücher der Reihe.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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