Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt | BUCHSZENE

Erst strandet ein halbtoter, nackter Mann an der Küste von St. Piran. Kurz darauf stirbt fast ein Wal. John Ironmongers „Der Wal und das Ende der Welt“ ist ein Endzeitroman mit optimistischer Aussage.

John Ironmongers „Der Wal und das Ende der Welt“ hat eine tröstliche Botschaft für uns alle

27. März 2019 | Frau Bluhm

Der Wal und das Ende der Welt

John Ironmonger

Der Wal und das Ende der Welt

ISBN 978-3-103-97427-0

480 Seiten | € 22,00

S.Fischer

Romantik (2/5)

Komik (2/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (5/5)

Unterhaltung (5/5)

Titelbild Der Wal und das Ende der Welt

© Sergey Uryadnikov shutterstock-ID:548729362

Ein halbtoter, nackter Fremder und ein gestrandeter Wal

Zwei merkwürdige Zufälle geschehen an einem Spätsommertag an der Küste von Cornwall in dem Örtchen St. Piran: Der Müllsammler Kenny Kennet sichtet einen Wal; und außerdem wird ein nackter, halb erfrorener Mann angespült. Den Mann ziehen vier Bewohner des 307-Seelendorfes aus dem Wasser, den Wal rettet dann einen Tag später der angespülte Joe Haak selbst. Als das riesige Säugetier strandet, zögert Joe keine Sekunde und bringt so gut wie alle Einwohner dazu, bei der Rettung des Wals zu helfen. In St. Piran, wo sonst nie wirklich etwas geschieht, ist das eine Sensation. Irgendetwas an diesem nackten Fremden und „seinem“ Wal, wie er schon bald genannt wird, ist außergewöhnlich und besonders. Joe selbst sieht den Wal gleichermaßen als Lebensretter wie als Omen. Denn mit besonderen Zufällen kennt Joe sich aus.

Joe entwickelte ein Programm zur Vorhersage von Börsencrashs

Noch wenige Tage vor den Ereignissen führte Joe Haak ein Leben der ganz anderen Art. Als Mathematiker bei einem Börsenunternehmen angestellt, war er dafür verantwortlich ein Programm zu entwickeln, das Crashs an der Börse und damit saftige Gewinne für die Firma Lane-Kaufmann vorhersehen kann. Mit Erfolg, denn nach fünf Jahren Forschung, Arbeit und Stress geht „CASSIE“ ans Netz. Joe wird zum gefeierten Helden der Firma, sein Gehalt ist für einen Mathematiker mit Anfang 30 astronomisch, und sein Vorgesetzter könnte nicht zufriedener sein. Doch dann macht „CASSIE“ einen Fehler und Joe flieht in Schimpf und Schande aus London und fährt so lange, bis es keine Straße mehr gibt: Endstation St. Piran. Nachdem er Bekanntschaft mit dem eiskalten Meerwasser gemacht und den Wal gerettet hat, beginnt er sich in dem kleinen Örtchen am Ende der Welt einzuleben und Freundschaften mit den 307 Einwohnern zu schließen. Doch eines Tages sagt „CASSIE“ eine internationale Katastrophe voraus, die sich nicht allein auf den Finanzmarkt beschränken wird.

Was zählt im Leben?, fragt John Ironmonger in seinem Roman

John Ironmonger hat, inspiriert von der biblischen Geschichte von Jonas und dem Wal, mit „Der Wal und das Ende der Welt“ ein wunderschönes Abbild vom Zustand der Erde geschrieben. Am Beispiel von St. Piran erörtert er auf einfühlsame und poetische Weise, wie weit es die Menschheit mit ihrer Zerstörungswut bisher gebracht hat, und konfrontiert seine Leser*innen mit der Frage, wie weit sie es noch treiben wird. Ohne auch nur ein einziges Mal den moralischen Zeigefinger zu erheben, bringt er die Leser*innen zum Nachdenken über die Dinge im Leben, die wirklich zählen. Themen wie die Erschöpfung unserer natürlichen Ressourcen und der Wandel der Wirtschaft werden von ihm in eine fast schon märchenhaft anmutende Erzählung gepackt und lassen einen nachdenklich zurück, aber nicht mit der emotionalen Schwere, die mit solchen Themen meist einhergeht.

Das Verhalten des Menschen lässt sich eben nicht ausrechnen

John Ironmonger setzt den Fokus beim Erzählen nämlich genau auf den einzigen Faktor, den „CASSIE“ nicht berechnen kann: Das Verhalten der Menschen. Im Zentrum der Geschichte steht Joe, aber letztlich geht es um alle Einwohner von St. Piran. Der Autor verknüpft diese vielen Personen zu einem lebenden und atmenden Netz voller Menschlichkeit, Liebe und Natürlichkeit. Das Verhalten der Menschen in Zeiten von Not und Katastrophe hat in der Vergangenheit zahllose Autoren beschäftigt, und doch glückt es John Ironmonger etwas Neues, sehr Einfühlsames und wahrhaft Großes aus dieser Idee zu machen. Während wir beim Lesen mit Joe durch die Krise gehen, behält der Autor die Ruhe und schafft es, dieses eigentlich fiktionale Thema zu etwas sehr Lebensnahem und Persönlichem zu machen. Verwoben mit vielen kleinen Weisheiten, ermöglicht er seinen Lesern, gemeinsam mit Joe zu sinnieren und sich unweigerlich zu fragen, wie man sich selbst in einer vergleichbaren Situation verhalten würde.

Es geht in „Der Wal und das Ende der Welt“ um den Schmetterlingseffekt

Je länger ich über diese Geschichte nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, wie nahe sie der Realität ist: Würden ein paar wenige, scheinbar zufällig auf der Welt stattfindende Ereignisse tatsächlich ausreichen, um die Menschheit an den Rand ihrer Existenz zu bringen? Die wahrscheinlichste Antwort auf diese Frage ist wahrscheinlich: „Ja!“ Spätestens seit „Jurassic Park“ und der wundervollen Figur des Dr. Ian Malcolm, ist uns allen der Schmetterlingseffekt bekannt, der besagt, dass selbst der Flügelschlag eines Insekts ausreicht, um das Wetter am anderen Ende der Welt zu verändern. John Ironmonger zeigt, was passieren kann, wenn ein kleines Ereignis die Welt verändert. Doch er deutet auch an, was ein einzelner Mensch verändern kann, wenn er sich auf das besinnt, was seine eigene Menschlichkeit ausmacht: Er kann andere überzeugen und dem Lauf der Welt eine andere Richtung geben.

John Ironmonger hat eine schöne Botschaft für uns

„Dieses Buch gibt einem den Glauben an die Menschlichkeit zurück“, schrieb die Elle über „Der Wal und das Ende der Welt“. Das trifft es sehr gut. Denn John Ironmongers Roman gibt uns die Hoffnung, dass in der Menschheit etwas Besseres steckt, als wir in Zeiten von fast schon täglichen Horror- und Terrornachrichten zu hoffen wagt. Dass jeder einzelne Mensch die Welt ein Stückchen besser machen kann, ist ein wirklich schöner Gedanke.

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Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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