Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. Kritik | BUCHSZENE.DE

Eines Tages ist sie ganz allein in der Hütte im Marschland … Malerisch und berührend erzählt Delia Owens in „Der Gesang der Flusskrebse“ von Kya, die sich als Sechsjährige in der Wildnis durchschlägt.

In „Der Gesang der Flusskrebse“ erzählt Delia Owens von einem Mädchen, das in der Wildnis groß wird

17. September 2020 | Jörg Steinleitner

Delia Owens

Der Gesang der Flusskrebse

ISBN 978-3-446-26419-9

464 Seiten | € 22,00

hanserblau
Bestseller-Button Belletristik

Romantik (4/5)

Komik (1/5)

Weisheit (4/5)

Gänsehaut (4/5)

Unterhaltung (5/5)

Titelbild Der Gesang der Flusskrebse

©Ekaterina Jurkova shutterstock-ID 1358639219

Kyas Familie lebt in der Wildnis, inmitten von Tieren und reicher Natur

Als Kya sechs Jahre alt ist, beobachtet sie, wie ihre Mutter in hochhackigen Schuhen aus künstlichem Krokodilleder die Hütte verlässt. In der Hand trägt die Mutter den blauen Koffer. Kya ist sich in diesem Moment sicher, dass ihre Mutter zurückkehren wird. Doch dies ist nicht der Fall. Wenig später verlassen auch Kyas vier Geschwister die ärmliche Hütte im Marschland, einer sumpfigen, urwaldhaften und von vielen Tieren belebten Gegend, deren mäandernde Bäche mit dem Meer verbunden sind. Übrig bleiben Kya und ihr Vater.

Der cholerische Vater vertreibt nach und nach alle – außer Kya

Der Vater ist Alkoholiker, cholerisch und gewalttätig. Er verprügelt die Mutter, was der Grund dafür ist, dass diese eines Tages die Familie verlässt. Dann misshandelt er die Kinder und schließlich auch Kya. Als auch Pa verschwindet, wird die Marsch zu Kyas Mutter. Die Sechsjährige bringt sich selbst bei, Krebse und Fische zu fangen, den Bootsmotor anzuwerfen und Maisbrot zu backen. Sie lernt es, mit der Angst umzugehen, die einen unweigerlich befallen kann, wenn man allein in der Wildnis lebt.

Delia Owens erzählt faszinierend vom Aufwachsen im Marschland

Es ist faszinierend wie Delia Owens vom Aufwachsen dieses außergewöhnlichen Mädchens erzählt. Als Zoologin versteht es die Schriftstellerin auch fesselnd von den Tieren in dieser sumpfigen Gegend und von ihren Pflanzen zu erzählen. Kya wächst zu einer hübschen jungen Frau heran, die von den jungen Männern im Dorf wahrgenommen wird. Einer von ihnen, Tate, kümmert sich rührend um sie. Die beiden verbindet das große Interesse und die Liebe zur Natur. Er bringt ihr, noch im Teenageralter, das Lesen bei und versorgt sie mit Fachliteratur über die Flora und Fauna des Marschlands. Kya wird zu einer Privatgelehrten. Dies mag sich erstaunlich anhören, doch wie Delia Owens dies erzählt, ist es glaubwürdig.

Die Wette der Jugendlichen: Wer wird das Marschmädchen entjungfern?

Als Kya eine begehrenswerte Frau geworden ist, schließen die jungen Männer Wetten ab, wer sie – die im Dorf als „das Marschmädchen“ und Aussätzige gilt – entjungfern wird. Auch der coolste Jüngling im Dorf, der aus einer angesehenen Familie stammt und obendrein ein bewunderter Sportler ist, wirft ein Auge auf sie. Parallel dazu entwickelt sich Kyas Beziehung zu Tate, dem Jungen, der sie von klein auf unterstützt hat. Am Ende von „Der Gesang der Flusskrebse“ liegt ein junger Mann tot unter dem Feuerwachturm. Ein Unfall, ein Selbstmord – oder war es sogar Mord? Auch Kya gerät in Verdacht und wird vor Gericht gestellt. Klar, dass ihre Position im Prozess als in der Wildnis verwahrlost aufgewachsenes Kind eines Alkoholikers schwach ist.

Die Stärken und Schwächen von „Der Gesang der Flusskrebse“

Besonders das erste Drittel von „Der Gesang der Flusskrebse“, in dem Kayas Kindheit und Jugend erzählt wird, liest sich unglaublich spannend. Delia Owens erzählt detailreich und malerisch. Es berührt zutiefst zu erfahren, wie ein Kind in der Wildnis, völlig auf sich selbst gestellt, aufwächst. Ein wenig erinnert dieser Teil des Romans an Jeannette Walls‘ hervorragenden Roman „Schloss aus Glas“ über eine Außenseiterfamilie. Leider nervt „Der Gesang der Flusskrebse“ ab dem Zeitpunkt, zu dem Kya Frau wird und das Thema Liebe und Erotik in ihrem Leben eine Rolle zu spielen beginnt. Plötzlich bedient sich Delia Owens nicht mehr des Stils einer großen Erzählerin, sondern eher dessen einer Autorin von Highschool-Romanen. Die Geschichte wird platter, die Figuren verlieren ihre Mehrdimensionalität und die Geschichte wird voraussehbar.

Ein Gerichtsthriller und eine erstaunliche Pointe ganz zum Schluss

Zum Ende von „Der Gesang der Flusskrebse“ hin kratzt Delia Owens aber noch einmal die Kurve und entfacht Spannung durch einen von beeindruckenden Plädoyers geprägten Gerichtsthriller-Part. Insgesamt ist dieser Roman sehr gelungen und gerade die Eindrücke seines ersten Teils über das Aufwachsen der berührenden Hauptfigur bleiben tief im Gedächtnis haften. Ganz zum Schluss wartet Delia Owens zudem mit einer ziemlich unverfrorenen Pointe auf, mit der man ganz sicher nicht rechnet.

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