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Frau Bluhm liest C.J. Tudors „Der Kreidemann“, in dem ein Lehrer von der Vergangenheit eingeholt wird

Titelbild Der Kreidemann C J Tudor

shutterstock © Stokkete Bild ID: 150531830

22. Juni 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Stephen King findet dieses Buch gut! C.J. Tudor erzählt in „Der Kreidemann“ von einem Lehrer, der glaubte, ein gruseliges Kindheitserlebnis für immer verdrängen zu können. Doch dem ist nicht so.


Frau Bluhm liest:„Der Kreidemann“ 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Ein Lehrer wird mit den Lügen der Vergangenheit konfrontiert

Zwölf Jahre alt ist Eddie, als er das erste Mal mit dem Kreidemann in Berührung kommt. Dreißig Jahre später ist Eddie Lehrer und er denkt, die Vergangenheit liege hinter ihm. Doch plötzlich bekommt er Besuch von einem alten Freund und die Dinge geraten ins Rollen: Lügen und Versäumnisse von einst graben sich wieder an die Oberfläche und versetzen die Bewohner der kleinen Stadt in Aufruhr. Was damals war?

1986 fanden vier Jungen im Wald eine kopflose Leiche

Es war das Jahr 1986, als im Wald eine kopflose Leiche gefunden wurde. Die Jungen, die die Entdeckung machten, waren durch mit Kreide gezeichnete Strichmännchen zum Tatort geführt worden. Unheimlich und gruselig. Der vermeintliche Täter beging nur wenige Tage nach der Tat Suizid. Doch dreißig Jahre später bekommt nun Eddie einen Brief. Einziger Inhalt: Die Zeichnung eines Strichmännchens und ein Stückchen weißer Kreide. Vor Allem Eddies damalige Gang scheint mehr über den Tod des Mädchens im Wald zu wissen, als es in der Vergangenheit schien und langsam schimmert Licht durchs Dunkel der Ereignisse. Ob es die Beteiligten wollen, oder nicht …

Stephen King ist begeistert von C.J. Tudors „Der Kreidemann“

Stephen King sagte über dieses Buch: „Wenn Sie meine Bücher mögen, werden Sie auch dieses verschlingen.“ Und wer wäre ich, den Meister in Frage zu stellen. Recht hat er, der gute Mann! Aber von Anfang an:
Wir begegnen unserem Protagonisten Eddie, nach einem absolut geheimnisvoll daherkommenden und mehr als gruseligen Prolog, das erste Mal im Jahr 2016. Aus seiner Sicht erleben wir die ganze Geschichte, und zwar sowohl damals als auch heute. Während der privat wie auch beruflich glücklose Eddie zu begreifen beginnt, dass die Vergangenheit ihn einholt, folgen wir ihm immer wieder zurück ins Jahr 1986. Die Autorin verbindet hierbei wirklich wahnsinnig geschickt die damaligen Ereignisse mit den heutigen. Vieles ergibt in der Gegenwart keinen Sinn, bis man Eddies Erinnerungen kennt. Wirklich geschickt gelöst. Dabei gefiel mir am besten, dass die Perspektive schon allein durch den Schreibstil sehr klar war. Man konnte immer genau den Unterschied zwischen dem erwachsenen und dem Kinder-Eddie wahrnehmen. Durch diese wechselnden Perspektiven erlaubt uns C.J. Tudor die Vorkommnisse durch Eddies Augen hautnah mitzuerleben und zieht uns mit hinein in ein Puzzlespiel, das wirklich erst ganz am Ende ein vollständiges und logisches Bild ergibt. So als würde man das Bild auf der Packung nicht kennen. Und wenn man es dann sieht, schüttelt man ungläubig den Kopf, weil man niemals geahnt hätte, welches Endergebnis dabei rauskommt.

Ausgereifte Charaktere und eine Storyline, die funktioniert

Doch genau wie bei Stephen Kings Büchern gibt es auch bei C.J. Tudor neben der spannenden und teils gruseligen Atmosphäre auch noch ein Stück soziale Dramaturgie in der Geschichte. Man beobachtet die vier Jugendlichen beim Erwachsenwerden. Oder auch nicht. Mit Eddies Gang hat die C.J. Tudor vier wirklich ausgereifte und authentische Charaktere entworfen, die sehr an Stephen Kings „Stand by me“ erinnern, ohne ihn zu kopieren. Die Storyline der persönlichen Beziehungen innerhalb dieser kleinen Gruppe erscheint einem beim Lesen als mindestens genauso spannend, wie die eigentliche Kriminalgeschichte. Die Autorin versteht es sehr gut, den Leser emotional an das Schicksal dieser vier Jungen zu binden. Und sie zeigt sehr anschaulich, wie die vier sich später als Erwachsene in ihrem Netz aus kleinen und großen Lügen verheddern.

Die Wahrheit steht aus teuflisch vielen Aspekten

Denn zu verheimlichen hat in diesem Buch jeder etwas. Jeder hat im Verlauf der schrecklichen Ereignisse bewusst oder auch unbeabsichtigt dazu beigetragen, dass die unglückselige Geschichte ihren Lauf nahm. Und wie Eddie bald feststellen wird, ist etwas zu verschweigen fast noch schlimmer, als zu lügen. Außerdem begreift er, dass die Wahrheit, die alle so dringend suchen, aus ganz vielen verschiedenen Aspekten besteht. Eddie kann plötzlich niemandem mehr trauen. Weder den Männern, die er sein ganzes Leben lang kennt, noch sich selbst.

Auf den letzten zehn Seiten kommt eine satte Überraschung

C.J. Tudor gelingt es in „Der Kreidemann“ aufs Vortrefflichste das Innere ihres Protagonisten nach Außen zu kehren. Sie tut es aber so subtil, dass es den Spannungsbogen sogar noch erhöht. Und nachdem man 370 Seiten mit Eddie auf der Suche nach der Wahrheit war, erlebt man auf den letzten zehn Seiten nochmal eine Überraschung, von der man denkt, man hätte doch schon viel früher draufkommen müssen. Ist man aber nicht! Und genau das macht die Größe des Buches für mich aus.

Fazit: Meister Stephen King hat recht: Ich mag seine Bücher und C.J. Tudors Debüt „Der Kreidemann“ mag ich auch. Beide Daumen hoch, fünf Bluhmen.

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