Wie ich einmal beinahe entführt wurde – Jörg Steinleitner auf dem Weg nach Peking | BUCHSZENE.DE

Wenn der Pilot von mechanischen Problemen spricht und einen merkwürdigen Zickzackflug beginnt, stärkt dies nicht das Sicherheitsgefühl. Lesen Sie eine Reisekolumne mit Elke Heidenreich, keinem Alkohol und zwei Wolldecken.

Wie ich einmal beinahe entführt wurde – Jörg Steinleitner auf dem Weg nach Peking

19. Mai 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Mechanical problems auf 10.338 Metern Höhe.

Es war gegen Nachmittag, als der Pilot sagte: „We have mechanical problems, dont‘ worry“. Da wir uns in einer Flughöhe von 10.338 Metern befanden, machten wir uns eben gerade schon Sorgen. Ich legte Elke Heidenreichs Geschichtensammlung „Alles kein Zufall“ zur Seite und hörte, wie der Pilot in seinem Stolperenglisch noch anfügte: „We fly back to Amsterdam.“ Kurz darauf verloren wir dramatisch an Höhe und die Temperatur in der Kabine wurde so eisig, dass ich mir meine Alpakawolljacke und die Skimütze anzog.

Eigentlich wollten Helena, die Kinder und ich ja von München nach Peking, Umsteigen in Amsterdam. Aber jetzt drehten wir über Travemünde bei. Das Flugzeug ratterte verdächtig, die chinesischen Mitreisenden schnatterten aufgescheucht – und roch es nicht plötzlich auch verbrannt? Tatsächlich zeigte die Flugkarte, die wir auf dem Bildschirm im Sitz aufrufen konnten, dass wir eine Kurve flogen und schon wieder über Bremen waren. Für kurz waren wir dem Piloten für seine Ehrlichkeit dankbar. „Mechanical problems“ löst man lieber im Luftraum über Bremen als in der mongolischen Wüste.

Alles kein Zufall. Wurden wir gerade entführt?

Doch was war das: Kurz vor Amsterdam ging das Flugzeug wieder auf über 10.000 Meter Höhe, machte eine Kurve und flog zurück in Richtung Travemünde! Elke Heidenreichs Buch, es lag noch immer auf meinen Schoß, bekam mit einem Mal eine völlig andere Bedeutung: „Alles kein Zufall“! Wurden wir gerade entführt?

Kurz darauf drehten wir schon wieder um! Jetzt schwieg der Pilot, keine Erklärung. Und die Stewardessen gaben vor, nichts zu wissen. So flogen wir im Kreis. Dreieinhalb Stunden lang. Elsa weinte. Leonhard musste mal. Das mittlere Klo war total verkackt. Das hintere hatte sich in ein stinkendes Schwimmbad verwandelt, jemand hatte auf den Boden gepisst.

“Thank you for your cooperation“, sagte der Pilot. Aber verdammt, wir waren nicht kooperativ!

Isabella bekam Hunger. Die Chinesen hinter uns mussten die chinesische Stewardess bestochen haben, sie brachte ihnen, versteckt unter einer Serviette, geheime Sandwiches. Sie mampften. Der Lautsprecher knackte, der Pilot: „We have mechanical problems. Thank you for your cooperation.”

Ich. Bin. Nicht. Kooperativ, verdammt! Die spanische Frau rechts vor mir, verlangte Rotwein und bekam Wasser. Kein Alkohol – sind die Entführer vom IS? Werden wir überleben?

Wir überlebten. Nach Stunden landeten wir und stiegen aus, wir waren zurück an Gate E8, Flughafen Amsterdam. Keine neuen Informationen. Zwei weitere Stunden später trat eine Dame von der Fluggesellschaft ans Mikrophon, Stolperenglisch: „Sie können sich auf unsere Kosten ein Hotelzimmer nehmen.“ Kurze Pause. „Es gibt aber vermutlich keine Zimmer.“ Es war 22 Uhr. Die Frau weiter: „Wir stellen Ihnen aber auch zwei Decken zur Verfügung, dann können Sie hier übernachten.“ Ich ließ meinen Blick über die von Neonlampen grell beleuchtete Sitzlandschaft, über meine kleine Familie schweifen. Zwei Decken.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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