Vom Träumen der Kühe

Jörg Steinleitners Kuhlumne über Pansen-Gärgase, die AFD und die totale Seitenlage

Vom Träumen der Kühe

4. Mai 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner

„Elite“, das Magazin für Milcherzeuger beweist es: Kühe sind schon viel weiter als Menschen. Am Kraftfutterautomaten verdrängt die stärkere Kuh die schwächere. Hat die Kuh die Wahl, wählt sie das Liegen. Auch sonst gereicht uns die Kuh in vielen Lebensbereichen zum Vorbild.

Derzeit liest man beinahe täglich von Menschen mit interessanten Träumen, etwa träumt die Führung der AFD davon, die EU abzuschaffen und Kinder früher in Gefängnisse zu stecken. Auch sollen endlich mehr Waffen unters Volk gebracht werden, weil dann wird alles sicherer. Wenn man von solcherlei menschlichen Träumen hört, vergisst man gerne, dass auch Kühe Träume haben. Als aufmerksamer Leser von „Elite“, dem Magazin für Milcherzeuger, möchte ich diese Tatsache hiermit einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen. Leider ist die Wissenschaft kuhmäßig noch nicht so weit wie bei der Erforschung der AFD: Die Wissenschaft vermag noch nicht genau zu sagen, was Kühe träumen.

Die AFD findet, dass psychisch Kranke und böse Kinder ins Gefängnis gehören

Allerdings wissen die Forscher, dass die Kuh nicht gerne lange schläft. Bereits nach zwölf Minuten beendet sie in der Regel die totale Seitenlage, weil in der Seitenlage keine Gärgase aus dem Pansen abgegeben werden können. Wie sehr würden wir uns wünschen, dass die AFD sich häufiger und länger in totale Seitenlage begibt, denn dann würden den Mündern ihrer Wortführer nicht ständig als politische Wortmeldungen getarnte Gärgase entweichen.

Werden Kühe wellnessmäßig nicht optimal gehalten und müssen sie sich zwischen Fressen, Sozialkontakt und Liegen entscheiden, so wählen sie das Liegen. Die AFD fühlt sich, wie man hört, derzeit noch nicht optimal in Deutschland wohl. Dennoch unterscheidet sie sich hier in ihrer Reaktion auf diesen suboptimalen Zustand gravierend von der Kuh: Anstatt mehr zu liegen, bemüht man sich um mehr soziale Kontakte. Um diese sozialen Kontakte besser zu verstehen, möchte die Partei laut Parteiprogramm die Befugnisse der Geheimdienste ausweiten. Weil psychisch Kranke und Drogenabhängige zu Sozialkontakten ohnehin nicht fähig sind, möchte die fortschrittliche Partei sie in Gefängnisse sperren.

66 Prozent der Besuche von Kühen an Kraftfutterstationen werden durch Verdrängen beendet

Was für den Drogenabhängigen das Gefängnis ist, ist für die Kuh der Stall. „Elite“, das Magazin für Milcherzeuger, macht uns hier Mut, denn eine im Stall lebende Kuh frisst vier bis sieben Stunden weniger als eine freie Kuh. Wenn wir also alle Drogenabhängigen und psychisch Kranken, zu denen übrigens auch viele Kolumnisten zählen, in Gefängnisse sperren, können wir viel Futter sparen. Diese Ersparnis können wir dann dazu verwenden, die finanziellen Ausfälle auszugleichen, die entstehen, wenn die AFD ihr Ziel verwirklichen sollte, die Erbschaftssteuern und Gewerbesteuern abzuschaffen.

Interessant ist im Übrigen auch, dass laut „Elite“, dem Magazin für Milcherzeuger, 66 Prozent der Besuche von Kühen an Kraftfutterstationen durch Verdrängen beendet werden – die stärkere Kuh verdrängt die schwächere. Hier ist die Kuh weiter als der Mensch. Es ist uns noch nicht gelungen, alle Andersbetenden und Andersaussehenden aus unserem Land zu verdrängen. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.

P.S.: Das Schicksal der Kuh liegt Jörg Steinleitner am Herzen. Deshalb begibt er sich demnächst auf diplomatische Mission nach China und wird am 18. Mai 2016 in Peking einen als Krimikabarettlesung getarnten politischen Vortrag zum Thema „Was sagt der Horst zum Scheich“ halten. Das nebenan abgebildete Plakat wurde eigens für diesen Zweck angefertigt – mit original chinesischen Schriftzeichen. Eine AFD gibt es in China nicht. Das ist kuhl.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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