
Die Finger der Klavierlehrerin ertasten verbotene Stellen
Die Szene, mit der alles beginnt: Eine Klavierlehrerin, Mitte zwanzig, „rundes Gesicht, aufrecht, parfümiert, herb“. Der Junge, ihr Schüler, verspielt sich. „Ihre Finger fanden die Innenseite seines Oberschenkels, direkt unter dem Saum der grauen Shorts, und kniffen fest zu. Am Abend würde da ein winziger blauer Fleck sein. Ihre Hand fühlte sich kühl an, als sie unter seinen Shorts bis dahin hochwanderte, wo der Gummizug seiner Unterhose die Haut einschnürte.“ Später wird sie ihn noch schlagen, küssen und am Ende in die sexuelle Hörigkeit führen.
Ein Roman über eine geschädigte Welt und ein ganzes Jahrhundert
Der Missbrauch eines Jungen durch seine Klavierlehrerin und die daraus entstehende, asymmetrische Liebesbeziehung bilden Startpunkt und Rahmen für Ian McEwans großen Roman „Lektionen“. Denn die Deformierung, die der Junge Roland Baines durch den zu frühen Sex mit der erwachsenen Frau erfährt, wird sein ganzes Leben prägen. Am Ende der Geschichte ist Roland Baines ein alter Mann. Die letzte Szene beschreibt ihn als Großvater einer Enkelin, der gegenüber er sich schuldig fühlt: „Ja, es war ein Fehler gewesen dieses Buch zu erwähnen, da er ihr doch eine derart geschädigte Welt hinterließ.“ Das Buch, von dem hier die Rede ist, ist „das imaginäre Buch des einundzwanzigsten Jahrhunderts“.
Das Glück des Vögelns raubt Roland die Freiheit und zerstört sein Leben
Wir sind dabei, wenn der junge Roland Baines wegen seiner sexuellen Hörigkeit, wegen des Glücks des Vögelns, jegliche Freiheit verliert und sein Leben auf immer aus der Bahn gerät. Wir lernen Protagonisten kennen, die – versehrt vom Zweiten Weltkrieg – ungute, mitunter grausame Lebensentscheidungen treffen. Wir begleiten den jungen Erwachsenen Roland in die DDR und sind dabei, wie er verbotene Schallplatten in den sozialistischen Staat schmuggelt; wie seine DDR-Freunde verhaftet werden und – bestraft von einem skrupellosen Staatsapparat – vom Erdboden verschwinden. Wir leiden mit ihm, als ihn seine Frau mit dem vier Monate alten Baby sitzen lässt, weil sie glaubt, nur so eine große Schriftstellerin werden zu können. Hier wirft Ian McEwan nebenbei die Frage auf, ob wahre Kunst nur durch den Verzicht auf ein normales Leben und durch eine brachiale Rücksichtslosigkeit gegenüber seinen Nächsten erreicht werden kann. Eine Frage, über die er – womöglich auch aufgrund eigener Erfahrung – offensichtlich viel zu erzählen hat.

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