
Frau Caspian, der sechste und damit finale Band Ihrer Serie „Gut Greifenau“ beginnt mit einem Paukenschlag. Meinen Sie, wir können verraten, was geschieht?
Am Ende des fünften Bandes steht Alexanders Leben auf der Kippe. Den Grund dafür kennt nur Katharina. Nun muss sie Julius Alexanders großes Geheimnis verraten, damit er ihrem Bruder hilft. Doch anders als früher ist Julius dieses Mal nicht bereit, schon wieder für ein Familienmitglied von Katharina in die Bresche zu springen. Obwohl er so modern und liberal ist, will er nichts mehr mit Alexander zu tun haben.
Ganz gleich, ob es um die frühe Luftfahrt, die Filmbranche, die Arbeitslosenversicherung oder gesellschaftliche Konventionen geht – Sie erzählen Ihre Gut-Greifenau-Romane vor dem Hintergrund sorgfältig recherchierter historischer Fakten. Wie kommt das Wissen in Ihre Bücher? Wie und wo recherchieren Sie?
Da verbinde ich meine Leidenschaft mit der Arbeit. Ich lese selbst furchtbar gerne. Und die Recherche besteht zum größten Teil aus Lesen. Ich lese Chroniken, sehr viele Artikel, digitalisierte alte Zeitungsberichte, gerne auch Tagebüchern, aber vor allem natürlich von Fach- und Sachbüchern zu bestimmten Themen. Geschichtsbücher, Biographien und ähnliches. Die sind dann am Ende bunt durchmarkiert und gespickt mit vielen Post-its. Vor allem schaue ich sehr gerne TV-Dokumentationen über historische Themen. Mein Mann leidet sehr unter dem einseitigen TV-Programm, und rächt sich mit Fußballübertragungen.
Ein spektakulärer Bankraub, der historisch verbürgt ist, spielt auch in das Schicksal der Familie hinein. Das müssen Sie erklären.
Tatsächlich habe ich über die legendären Saß-Brüder eine spannende TV-Dokumentation gesehen. Und wollte sie unbedingt mit im Buch haben. Da ich aber immer versuche, historisch genau zu bleiben, muss ich meine Geschichte den geschichtlichen Daten anpassen. Das ist oft sehr kniffelig. Da springt dann mein Ehrgeiz an, solche Ereignisse nicht nur nebenbei zu erwähnen, sondern wirklich Teil der Geschichte werden zu lassen, die das Geschick der Figuren beeinflusst. Und beim spektakulären Diskonto-Bankraub der Saß-Brüder hat es dann perfekt funktioniert, eine dramatische Verkettung von Ereignissen hinzubekommen. Obwohl der Coup zunächst nach nicht mehr als großen Schlagzeilen in den Zeitungen aussieht, verursacht dieser clevere Raubzug bei Katharina existenzielle Probleme.
Gibt es eine oder mehrere reale Familiengeschichten, die Ihnen Inspiration für die Geschichte des Grafenhauses von Auwitz-Aarhayn gegeben hat?
Die Personen von Gut Greifenau sind bis auf wenige Ausnahmen – Politiker – alle fiktiv. Sie bewegen sich aber in einer sehr akribisch recherchierten historischen Umgebung. Diese Kombination gefällt mir gut, kann ich doch so meine Charaktere schön an die Wände bekannter oder unbekannter tatsächlichen Ereignisse prallen lassen. Das würde mir vermutlich nicht so einfach gelingen, wen ich da jemanden Bestimmtes im Kopf hätte. Nicht, wenn ich historisch korrekt blieben will.
Also gab es gar kein Vorbild?
Am ehesten noch eine ebenfalls fiktionale Familie – die Crawleys von Downton Abbey. Vom Konzept her habe ich Gut Greifenau ähnlich gestaltet – eine Grafenfamilie vor dem Ersten Weltkrieg auf einem Landgut mit ihrer Dienerschaft. Doch da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Zwar zeige ich ebenfalls die damalige gesellschaftliche Entwicklung, die aber war ja komplett anders als in Großbritannien. Der Verlust des Krieges, das Ende der Monarchie, die anschließende Revolution, die in einer demokratischen Republik mündete …
Alex ist durch den Überfall auf ihn schwer verletzt – vor allem an den Händen. Was bedeutet das für seine Zukunft als Pianist?
Oh je, der Arme. Bei mir müssen ja immer alle Charaktere leiden. Aber bei Alexander habe ich das Gefühl, ihn trifft es über Gebühr. Und doch ist er ein Steh-auf-Männchen. Das mag ich so an ihm. Ein leiser Held. Aber Klavierspielen wird er wohl nicht mehr können, zumindest nicht mehr so gut, dass er sich seinen Lebensunterhalt damit verdienen kann. Erst einmal fällt er in ein tiefes Loch. Was soll er nun tun? Von heute auf morgen ist alles dahin – sein eigenständiges Leben, sein Beruf, sein gewohntes Leben. Und das sind ja nicht alle Probleme, mit denen er kämpfen muss. Aber er kämpft. Er gibt nicht auf. Und schließlich bedankt er sich bei Konstantin und Rebecca mit einer riskanten Aktion dafür, dass sie ihn aufgenommen haben. Doch dieser Winkelzug hat weitreichende Konsequenzen.
In „Sternenwende“ kehrt die Köchin Bertha mit einem Baby auf Gut Greifenau zurück. Lieselotte umgibt ein Geheimnis …
Lieselotte ist das Produkt einer Liaison, die Bertha niemals hätte haben dürfen. Und deswegen wird auch verschwiegen, dass das Baby ihres ist. Glücklicherweise hat sie einflussreiche Mitverschwörer, die einen ausgeklügelten Plan ausgeheckt haben. Anderseits gibt es da jemanden, der „Unsittlichkeit“ auf fünf Meter wittert. Und Bertha das Leben schwer macht. Das ist immerhin ein Beispiel dafür, dass sich Dinge doch zum Besseren ändern. Heute wird bei uns keine ledige Mutter mehr so bedrängt.
Wenn Sie Ihr Figuren-Tableau anschauen: Gibt es da Figuren, in denen Sie sich selbst auf irgendeine Weise wiederfinden – sei es, weil Sie sie besonders mögen oder weil Sie mit Ihnen Eigenschaften teilen?
Jede meiner Figuren repräsentiert einen Aspekt, den ich gerne mit in der Geschichte haben wollte. Rebecca steht für die Idee der Demokratie, die in dieser Zeit wuchs. Konstantin steht für den damals herrschenden Konflikt zwischen moderner Technologie und überkommenen Traditionen. Katharina steht natürlich für die Emanzipation der Frau. Nikolaus und Feodora für die Adeligen, die es nicht verwinden können, dass der Adelsstand gekippt wurde und alle Klassenvorrechte verlor.
Und was ist mit der persönlichen Seite?
Alle Figuren tragen auch einen Teil von mir in sich. Mir am ähnlichsten ist vermutlich die dickköpfige Rebecca. Aber jede einzelne Figur weist in speziellen Situationen Ähnlichkeiten mit mir auf. Alexander, der sich nicht anpassen will und sein Leben gegen alle Konventionen lebt. Katharina, die Kämpferin. Wiebke, die hart arbeitet. Bertha, die gerne genießt. Eugen, ach Eugen. Er ändert sein Schicksal, als er merkt, so wird er nicht glücklich, und sucht sein Glück in der Fremde. Feodora, tja, auch in mir schlummert eine Feodora, die aber nicht raus darf, weil ich gelernt habe, höflich zu bleiben. Aber so manches Mal wäre ich gerne wie Feodora – kompromisslos egoistisch. Bei Begegnungen mit unverschämten Zeitgenossen würde es mir das Leben sehr vereinfachen. Dank Feodora und Nikolaus kann ich meine dunkle Seite ausleben. Deswegen sind sie mir alle ans Herz gewachsen. Die einen mehr, die anderen weniger.
Julius und Katharina begeben sich in diesem Band auf eine Flugreise. Doch diese nimmt einen dramatischen Verlauf …
Fliegen war damals deutlich aufregender und gefährlicher. Die Flugzeuge waren technisch noch lange nicht ausgereift. Die zurückgelegten Strecken waren relativ kurz. Der Transatlantikflug wurde gerade erst von einigen mutigen Pionieren erprobt. Im Flieger fanden gerade so 16 bis 20 Passagiere Platz. Fliegen war ein echter Luxus, den sich nur sehr wenige leisten konnten. Aber immerhin: Die Luft Hansa zeigte damals schon Filme während des Fluges. Und die Stewards bedienten nicht nur die Passagiere, sondern waren am Boden auch dafür zuständig, die Flugzeuge zu betanken.
Nachdem Julius seine großen Reisepläne nach Argentinien aufgeben muss, weil Katharina wieder schwanger ist, geht es „nur“ nach London. Von Berlin aus war das damals immerhin noch ein Flug mit zwei Zwischenlandungen. Zunächst flog man nach Köln. Von dort weiter nach Brüssel und dann erst nach London.
Katharina, die bereits einmal geflogen ist, weiß, dass sie unter Flugangst leidet. Und tatsächlich nimmt der Flug ein böses Ende. Die beiden werden nie in London ankommen.
Dieser Schicksalsschlag trifft Katharina umso härter, als sie zum Zeitpunkt des Unglücks schwanger ist. Wird sie jemals wieder emotionalen Halt finden?
Katharina findet ja immer halt auf Greifenau und bei einigen Mitgliedern ihrer Familie. Das Herrenhaus ist ihr Fluchtort. Vielleicht, wenn man wie die Adeligen damals dazu erzogen wurde, seine Gefühle hinter einer Fassade zu verstecken, fällt es leichter, sich nicht geschlagen zu geben. Und Katharina ist nun leider erprobt darin, Schicksalsschläge einzustecken und das jeweils Beste daraus zu machen. Sie ist eine Kämpferin. War sie schon immer. Und seit sie erwachsen ist und Mutter, geht sie auch deutlich strategischer vor als früher. Aber die Narben ihrer Schicksalsschläge bleiben. Die prägen sie und ihre Einstellung zum Leben.
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