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Herr Poschenrieder, Ihr Buch „Der unsichtbare Roman“ erzählt eine unerhörte Geschichte: Der für seinen erfolgreichen „Golem“-Roman bekannte Schriftsteller Gustav Meyrink bekommt vom Außenministerium in Berlin den Auftrag, ein Buch zu schreiben, in dem den Freimaurern die Schuld am Ersten Weltkrieg zugeschoben wird. Er sagt zu, obwohl er keine Lust hat, aber Meyrink ist pleite und fürchtet um seine schicke Villa am Starnberger See. Wieviel Wahrheit steckt in diesem irrwitzig klingenden Plot? 67,56% – nein, natürlich nicht. Ich wünschte, es gäbe eine Maßeinheit für Wahrheit, aber das scheint mir ein binärer Begriff zu sein: Entweder ist etwas „wahr“ oder „nicht wahr“, also falsch. Wahr ist: Es gab diesen Auftrag an Meyrink. Das lässt sich aus den Dokumenten im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde belegen. Aber die Dokumente scheinen mir auch nicht vollständig zu sein. Leider weiß ich noch immer nicht, warum und wie die Herren im Auswärtigen Amt auf diese Idee gekommen sind, und warum sie ausgerechnet Gustav Meyrink auserwählt haben. Obwohl – das lässt mir natürlich auch den Raum, meine eigenen Vorstellungen zu entwickeln … Dass Meyrink sich Sorgen machen musste um seine Zukunft, ist dagegen sehr klar. Die Romane nach dem Bestseller „Der Golem“ liefen von Mal zu Mal schlechter und der „Simplicissimus“ als Auftraggeber war zu dem Zeitpunkt schon ausgefallen. Sie haben für dieses Werk viel recherchiert – davon zeugen unter anderem auch die über den Text verteilten Recherchenotizen, die noch einmal eine ganz eigene spannende Geschichte erzählen – kann man sagen, dass Sie während des Schreibens immer mehr in der Figur des Schriftstellers Meyrink aufgegangen sind? Es geht hier ja auch sehr viel um das Schriftstellersein, um Schreibkrisen und finanzielle Probleme, die Literaten allzu häufig heimsuchen … Meine Figuren halte ich mir durchaus vom Leib, und so sehr ich vieles von dem, was Meyrink, der Autor, erleben musste, nachfühlen oder zumindest nachvollziehen kann (manches auch gar nicht) – zu einer „Verschmelzung“ oder ähnlichem darf es nicht kommen. Brächte ja auch nichts: echter als Meyrink selbst kann ich auch nicht werden. Ich zeige nur, was ich in ihm sehe, aber aus meinen Augen gesehen, auf meinem eigenen Erfahrungshorizont. Das kann mit einer völlig fiktionalen Figur anders sein, die kann man sich, wenn man will, sozusagen auf den Leib schneidern. Mit einem gelebten Leben, das Spuren in der Wirklichkeit hinterlassen hat, funktioniert das nicht. Meyrink hat in Ihrem Roman ja eine veritable Schreibkrise. Hatten Sie sowas schon mal? Nein, meine Methode war bisher: Lange über die Geschichte nachdenken, vielleicht hier und da Skizzen anfertigen, und dann schnell und konzentriert schreiben. Ich muss auch nicht sequentiell vorgehen, meistens habe ich mehrere Baustellen gleichzeitig offen. Wenn es an der einen wegen Material- oder Ideenmangels nicht recht weitergeht, springe ich zu einer anderen Baustelle. Das hat bisher recht gut geklappt. Kreativität lässt sich ja nicht erzwingen, auch Ideen „stellen sich ein“, und das, wann und wie sie wollen. Möglicherweise ist eine echte, anhaltende Schreibblockade ja auch ein Indikator … dass die Geschichte nicht funktioniert, dass man keinen Zugang zum Stoff findet. Im Falle Meyrinks natürlich ein (verständlicher) Widerwille. Sie lassen historische Figuren auftreten wie etwa Erich Mühsam und Kurt Eisner, es sind die Tage der Revolution in München. Sie erfinden Gespräche, Treffen, Gedanken. Wie ist es, so nah an der deutschen Geschichte zu schreiben – hilft das oder ist es auch ein Hemmnis, weil man stets im Kopf haben muss, dass irgendein Schlaumeier daherkommt und sagt, dass das aus diesem oder jenem historischen Grund so gar nicht gewesen sein kann? Die Schlaumeier hoffe ich mir durch sorgfältige Recherche vom Hals zu halten – was das klassische „Gscheithaferl“ natürlich nicht abschreckt. Aber das gehört zum inhärenten Risiko solcher Bücher. Die Freiheit, von den „Fakten“ abzuweichen, wenn sie mir nicht passen, oder nicht in den Erzählfluss passen, nehme ich mir ja ohnehin. Es ist halt nur blöd, wenn man aus Bequemlichkeit nicht einmal die leicht Google-baren Tatsachen hinbekommt; bei so etwas möchte ich nicht erwischt werden. Und wenn man den Kontext kennt und die Motivlage der Figuren, dann ist das mit den Gesprächen und Gedankengängen nicht ganz so schwierig. Das bekommt dann schon seine innere Stimmigkeit, sofern man eine gewisse Distanz zu den Figuren nicht unterschreitet und ein bisschen Selbstvertrauen mitbringt. Literatur soll in „Der unsichtbare Roman“ zur politischen Waffe werden. Davon können wir heute nur träumen, oder kommt das wieder? Die Zeiten, falls es sie je gegeben haben sollte, sind vorbei. Dass Literatur politische Durchschlagskraft hat – glaube ich nicht. Höchstens noch in Diktaturen, und da dann indirekt; eher als eine Art von Zwischen-den-Zeilen-Literatur. In einer offenen, demokratischen Gesellschaft dürften literarische Werke, wenn sie denn von einem genügend großen Querschnitt der Gesellschaft wahrgenommen werden, immerhin zur Debatte beitragen. Meistens spielt sich das allerdings in den beschränkten Kreisen des „Betriebs“ und des Feuilletons ab. Wer als Autor richtig politisch wirksam werden will, sollte wohl besser in den Ortsverein/-verband einer zu ihm/ihr passenden Partei eintreten. Das soll wiederum nicht heißen, dass Politik nichts in Romanen zu suchen hätte, im Gegenteil. Gustav Meyrink hatte einen Hang zur Esoterik und zum Okkulten. Er machte Yoga und nahm an Séancen teil. Ist er in diesem Sinne nicht ein Mensch, der auch sehr gut in unsere Gegenwart passen würde, wo an jeder zweiten Ecke Münchens ein Yoga-Studio öffnet? Dieser Meyrink war ein Suchender und seine Methode, scheint mir, ein ziemlich brachiales Ausschlussverfahren: Alles probieren und sehen, was am Ende bleibt. Das war für ihn das Yoga (er nannte es noch „der“ Yoga). Und damals kannte er drei Formen von Yoga, heute gibt es wohl dutzende, wenn nicht hunderte Sorten und Geschmäcker. Ob ihn das gefreut hätte – eher nicht. Später hat er auch manchen Scharlatan im okkulten Business entlarvt. Er war wohl sehr offen, aber sich für dumm verkaufen lassen, das wollte er sicher nicht.
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