
© Gaby Gerster
Wie verbringt ein Alpenkrimi-König den Heiligabend? Was stört ihn an „Stille Nacht“? Und welche Weihnachtskarten gehen gar nicht? Jörg Maurer beantwortet Jörg Steinleitners unverschämte Fragen.
Herr Maurer, Sie gelten, seit Sie das Weihnachtsbuch „Stille Nacht allerseits“ geschrieben haben, als Koryphäe, ja, als eine Art Helmut Schmidt oder auch Daniel Barenboim der Weihnachtswissenschaft. Wie feiern Sie selbst Weihnachten? Bitte scheuen Sie sich nicht davor, Intimitäten preiszugeben, wir sind unter uns!
Intimitäten wollen Sie? Nun denn! Da ich bekanntlich aus Bayern stamme, versuche ich an diesem Tag sämtliche Klischees der alpenländischen Weihnacht durchzuhecheln. Der 24. beginnt bei mir mit einem langen, blauweiß verschneiten Jodler, einem Weißwurstwettessen unter Freunden und einer Rede bei der Weihnachtsfeier des Gebirgsschützenvereins. Stille Nacht – bum! Es folgt eine Abfahrt ins Tal mit dem historischen Hornschlitten, dann ab nach Hause zum traditionellen Fingerhakeln im engeren Familienkreis. Die Weihnachtstanne ist mit gewilderten Hasen geschmückt, der Opa spielt im Hintergrund Zither, die Kinder führen einen Schuhplattler auf und singen dazu Weihnachtslieder. Es geht weiter mit einem saftigen Weihnachtsschmaus, einem Schweinsbraten mit Lametta-Knödeln, dann kommt die festliche Mitternachtsrauferei draußen auf dem vereisten Dorfweiher … Nach diesem Tag sinke ich erschöpft ins Bett und schlafe bis Heiligdreikönig durch. Die nordrhein-westfälische Weihnacht ist vermutlich nicht so anstrengend.
Ihr Weihnachtsbuch kommt froh und munter daher, aber es ist ein Wolf im Schafspelz. Sie schrecken nicht einmal vor einer harschen musikalischen und textlichen Kritik unseres liebsten Weihnachtslieds „Stille Nacht“ zurück. Was bitte gibt es an diesem wunderschönen Lied auszusetzen?
Eigentlich alles. Beim genaueren Hinsehen ist jeder Ton und jedes Wort reinster Pfusch. Die absteigenden Noten am Anfang des Liedes sind ein Schulbeispiel für einen kakophonischen und handwerklich miserablen Einstieg. Dann der lauwarme Walzertakt im Schneckentempo. Und die Originaltonart D-Dur: das ist die Tonart der Mittelmäßigkeit. Ins stilistische Auge sticht auch die grausame Silbentrennung Sti-hil-le Nacht gleich im ersten Wort. Oder das unsinnige „lockige Haar“, das das Haupt des Neugeborenen zieren soll … Mit einem Wort: Herrlich! Ein Genuss!
Sie weisen auf eine ungeheuerliche Tatsache hin: Nur im Weihnachtsevangelium von Matthäus steht etwas von Geschenken. Die anderen Evangelisten schweigen. Ist die ganze Schenkerei also die Erfindung gewiefter Marketingleute und Matthäus ein gekaufter Schmierfink?
Ja, alle Geschäftsleute sollten Matthäus dafür eine babelturmhohe Kerze anzünden. Obwohl natürlich gerade das Schenken etwas Archaisches, Vor-Kapitalistisches hat. Das Einpacken, das Verschnüren und das Wiederauspacken sind nämlich schwer oder gar nicht digitalisierbar. Man kann sich inzwischen alles Mögliche virtuell vorstellen: Plätzchenbacken vollautomatisch mit Thermomix, gepixelte leuchtende Kinderaugen, künstliches Kaminfeuer – aber Geschenke muss man nun einmal händisch auswickeln, wie Matthäus es vor 2.000 Jahren bei den Heiligen Drei Königen beobachtet hat. Und so wie der Hl. Balthasar seine Myrrhe aus dem Papier gepfriemelt hat, soll es auch heut noch sein.
In der Vorweihnachtszeit drohen wieder all die Betriebs- und Vereinsweihnachtsfeiern. Was zeichnet solcherlei Zusammenkünfte aus ihrer Sicht aus?
Das grundlegende Bedürfnis des Menschen nach Qual und Verzweiflung, nach erstickender Mühseligkeit und tödlicher Langeweile. Diese negativen Aufwallungen müssen von Zeit zu Zeit befriedigt werden, und das ist in unserer frischfröhlichen und auf Spaß, Jux und Dollerei getrimmten Zeit gar nicht so einfach. Einmal im Jahr jedoch kann man sämtliche masochistische (und sadistische) Triebe ausleben: bei der Betriebsweihnachtsfeier.
Was ist Ihr Lieblingsweihnachtslied?

Alpenkrimi-König Jörg Maurer im Jahr 1953 beim Bestaunen eines Christbaums. (Großansicht bei Klick auf Bild)
„The little drummer boy“ mit dem schönen Ohrwurm „Parapapapam“. Auch der Inhalt des Liedes ist herrlich skurril: Alle, die zum Stall in Bethlehem kommen, bringen dem Jesuskind Geschenke, nur der kleine Trommlerjunge hat keines dabei, also bietet er Maria an, für sie und das Kind zu trommeln. Die Jesusmutter hat ein Einsehen und nimmt sein „Parapapapam“ an. Man stelle sich vor, es wäre kein Trommlerjunge vorbeigekommen, sondern ein Pianist (klimperdiklimp), ein Tenor (knödeldiknö). Oder ein Politiker (schwafeldischwaf).

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