Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima! Kritik | BUCHSZENE

Die Klimakatastrophe ist längst da. Dennoch können wir noch einiges retten – zum Beispiel die Menschheit. Jonathan Safran Foers sorgfältig recherchiertes Buch „Wir sind das Klima!“ motiviert dazu.

Jonathan Safran Foers „Wir sind das Klima!“ macht Lust darauf, auf eigene Faust die Menschheit zu retten

31. Januar 2020 | Jörg Steinleitner

Jonathan Safran Foer

Wir sind das Klima!

ISBN 978-3-462-05321-0

336 Seiten | € 22,00

Kiepenheuer & Witsch

Romantik (1/5)

Komik (2/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (4/5)

Unterhaltung (3/5)

Titelbild Wir sind das Klima

©nasti23033 shutterstock-ID 776572519

Wir haben trotz katastrophaler Daten und Fakten eine kleine Chance

Es hört sich abwegig an, aber Jonathan Safran Foers Ausführungen über die Klimakatastrophe zu lesen, macht tatsächlich Freude. Dies liegt zum einen an seiner Schreibkunst. Der Autor von „Wir sind das Klima! – Wie wir unseren Planeten beim Frühstück retten können“ formuliert sehr unterhaltsam. Zum anderen aber liegt es an dem grundsätzlich positiven und optimistischen Tonfall, den er gewählt hat. Zwar konfrontiert er uns mit den katastrophalen Daten und Fakten rund um den Klimawandel, aber er zeigt auch, dass wir nicht chancenlos sind.

Eine der größten Kraftanstrengungen der USA und das Klima

Gleich zu Beginn macht Jonathan Safran Foer einen zunächst seltsam wirkenden Vergleich auf: Er berichtet von der Kraftanstrengung, die die Menschen in den USA unternommen haben, um den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Sie schalteten an der Ostküste Amerikas das Licht aus, obwohl ihnen keine unmittelbare Gefahr drohte; „die Verdunklung sollte nur verhindern, dass deutsche U-Boote das Hintergrundleuchten der Städte nutzten, um auslaufende Schiffe zu entdecken und zu versenken. Im weiteren Verlauf des Kriegs verdunkelte man Städte im gesamten Land, auch weit weg von der Küste, um die Zivilisten den Krieg spüren zu lassen, dessen Schrecken sie nicht sahen, der sich jedoch nur gemeinsam gewinnen ließ.“

Bauern erhöhten den Ertrag und die Bürger zahlen mehr Steuern

Jonathan Safran Foer bringt weitere Beispiele für die Anstrengungen Amerikas, das nationalsozialistische Deutschland zu besiegen: Die Bauern erhöhten ihren Ertrag, obwohl sie weniger Arbeitskräfte und Gerät zur Verfügung hatten. Der Spitzensteuersatz wurde auf vierundneunzig Prozent angehoben, die dafür relevante Einkommensschwelle um das Fünfundzwanzigfache gesenkt. Der Staat legte Preise für Nylon, Fahrräder, Schuhe, Feuerholz, Seide und Kohle fest – und die Amerikaner nahmen es hin.

Wir können es schaffen – das ist die Message von „Wir sind das Klima!“

Was will Jonathan Safran Foer damit sagen? Dass menschliche Gemeinschaften Unmögliches möglich machen können, wenn sie nur wollen. Das scheinbar Unmögliche, vor dem die Menschheit heute steht, ist es, die Erderwärmung zu stoppen. Aber der Autor von „Wir sind das Klima!“ sagt: Wir können es schaffen. Wir müssen es schaffen. Jeder kleine Einsatz zählt. Und unsere Vorfahren haben bewiesen, dass kollektive Kraftanstrengungen und Verzicht von Erfolg gekrönt sein können, wenn eine Welle der Unterstützung entsteht.

Was jeder einzelne tun kann ist absolut machbar

Jonathan Safran Foer nennt ganz konkrete Maßnahmen, die jeder einzelne von uns ergreifen kann, um die Erderwärmung zu stoppen:

+ sich pflanzlich ernähren

+ Flugreisen vermeiden

+ auf ein Auto verzichten

+ weniger Kinder kriegen

Wenn wir keine tierischen Produkte zum Frühstück und Mittagessen konsumieren, schreibt Jonathan Safran Foer, sparen wir in unserer CO2-Bilanz jährlich 1,3 Tonnen. Verblüffend ist: Es bringt fürs Klima mehr, auf die beschriebene, vornehmlich vegetarische Ernährung umzusteigen als aufs Autofahren zu verzichten.

Wenn wir nicht umsteuern, werden die Folgen katastrophal sein

Und was, wenn wir unser Leben nicht ändern? Auch hier nimmt Jonathan Safran Foer „In wir sind das Klima“ kein Blatt vor den Mund: Selbst, wenn es uns gelingen sollte, das Pariser Abkommen einzuhalten (das ist unwahrscheinlich), wonach die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius gedrückt werden soll, „hält das uns nur am äußersten Rand der Katastrophe“. Der Meeresspiegel wird um 50 cm ansteigen. 143 Millionen Menschen werden zu Klimaflüchtlingen. Bewaffnete Konflikte werden um 40 Prozent wahrscheinlicher. 20 bis 40 Prozent des Amazonas werden zerstört. 400 Millionen Menschen werden an Wassermangel leiden. Die Hälfte aller Tierarten wird vom Aussterben bedroht sein. 60 Prozent aller Pflanzenarten wird vermutlich aussterben. Ernten werden geringer ausfallen. Das weltweite Bruttoinlandsprodukt wird um 13 Prozent fallen.

Der ganze Irrsinn unseres Daseins in einigen Zahlen und Fakten

Aber auch unser Alltag ist irr: Menschen nutzen 59 Prozent des auf der Erde verfügbaren Landes zum Anbau von Tierfutter. 70 Prozent der Antibiotika werden Nutztieren verabreicht. 60 Prozent aller Säugetiere werden nur gezüchtet, um sie aufzuessen. Amerikaner nehmen im Schnitt doppelt so viel Eiweiß zu sich wie empfohlen. Auf der Erde leben 23 Milliarden Hühner. Sie wiegen insgesamt mehr als alle übrigen Vögel zusammen. Seit den Anfängen der Landwirtschaft haben die Menschen 83 Prozent aller wild lebenden Tiere und die Hälfte der Pflanzen ausgerottet.

Jonathan Safran Foer macht in „Wir sind das Klima!“ eines überdeutlich

Wer gerne überleben möchte oder seinen Nachfahren ein Überleben gönnt, sollte sein Leben umstellen. Diese Message bringt Jonathan Safran Foer deutlich an den Leser und die Leserin. Und auch wenn „Wir sind das Klima!“ gegen Ende sowohl an Substanz als auch an schriftstellerischem Schwung verliert, so ist es doch eine zutiefst lohnende Lektüre, die Lust darauf macht, den eigenen Alltag unter die Lupe zu nehmen und Einschnitte vorzunehmen. Ohne Einschnitte wurde kein Krieg gewonnen und ohne Einschnitte werden wir auch unser Klima nicht retten, sondern untergehen. Und das wollen wir alle nicht. Also sollten wir heute damit beginnen, unsere Leben zu ändern. Sofort.

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