Wie mich Senta Berger anrief

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Wie mich Senta Berger anrief

13. Februar 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Interviews mit Schauspielern sind gefährlich.

heute Morgen beim Aufwachen habe ich mich daran erinnert, wie wunderbar es war, Senta Bergers Stimme auf dem Anrufbeantworter zu haben. Ich führe ja regelmäßig Interviews mit bekannten Leuten. Senta Berger rief mich an, weil sie mir sagen wollte, dass sie Zeit für ein Gespräch mit mir habe. Vermutlich war ich gerade auf der Toilette oder beim Holzhacken. Was für ein Glück, denn so hatte ich dieses „Guten Tag, Herr Steinleitner, hier spricht Senta Berger …“ auf dem Anrufbeantworter. Diese Stimme! Natürlich habe ich das monatelang nicht gelöscht.

Interview

Man muss aber auch sagen, dass Interviews mit Schauspielern gefährlich sind. Denn leider gibt es viele Darsteller (Senta Berger gehört nicht dazu), die verwechseln die Bedeutung der Rollen, die sie spielen, mit ihrer eigenen Bedeutung. Sie halten sich nicht nur für herausragende Schauspieler, was sie ja oft auch sind, sondern auch für herausragende Menschen. Das aber ist nicht immer der Fall. Viele Schauspieler sind ganz normale Menschen mit normaler Intelligenz, die normales Zeug reden. Das wäre auch nicht weiter tragisch. Aber gerade gute Schauspieler sind es eben gewöhnt, dass sie gute Texte sprechen, weil sie ihnen von guten Autoren geschrieben werden. Der Job des Schauspielers ist es, diesen Text gut zu sprechen. Mehr nicht.

Mir ist es mehrmals passiert, dass Schauspieler – nachdem ich das Gespräch, das wir geführt hatten, niedergeschrieben hatte – sich bei mir beschwerten. Dann fielen so Sätze wie: „Aber Herr Steinleitner, das hat ja gar nicht Feuilleton-Niveau, was Sie da aufgeschrieben haben.“ Ich konnte da natürlich schlecht antworten „Ja, Frau Sowieso, aber es hatte ja auch nicht Feuilleton-Niveau, was Sie da geredet hatten! Ich habe einfach nur den Mist aufgeschrieben, den Sie gesagt haben. Da müssen Sie eben was Schlaueres sagen!“

Hätte ich dies gesagt, dann wäre Frau Sowieso zutiefst beleidigt gewesen und hätte mir gar keinen Text freigegeben. Aber ich musste ja etwas in der Redaktion abliefern! Als mir dies zum ersten Mal passiert ist, habe ich mir deshalb überlegt, was Frau Sowieso gesagt haben könnte. Etwas, das sich intelligent und Feuilleton-Niveau-mäßig anhört! Ich habe mich in die Schauspielerin hineinversetzt und mir vorgestellt, wie sie sich wohl sieht und habe dann Sätze formuliert, die zu diesem Lebensbild, das sie von sich haben könnte, passen könnten. Ich war ziemlich nervös, als ich diesen Text aufs Fax legte (viele, gerade ältere Schauspieler ziehen es vor, per Fax und nicht per E-Mail zu kommunizieren). Aber die Aufregung war unnötig. Eine halbe Stunde später kam ein Fax mit dem Interview zurück, an dessen Ende nur stand: „Fabelhaft! Und sogar der Wortlaut stimmt!“

Seither schaue ich mir die Schauspieler, mit denen ich Interview führe, viel genauer an und versuche einzuschätzen, wie sie sich selber sehen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich toller finden als das ist, was sie sagen, dann mache ich ihre Texte auch ganz sanft ein bisschen toller.

Mein aufregendstes Interview führte ich aber nicht mit einem hauptamtlichen Schauspieler, sondern mit Gerhard Polt. Es war ein Gespräch am Telefon. Ich durfte den großen bayerischen Kabarettisten und Filmemacher zuhause anrufen. Meine Vorfreude auf dieses Gespräch war riesig, weil ich Polts Humor unverwechselbar finde.

Aber Polt kam gerade vom Schneeschaufeln und war extrem kurz angebunden. Auf alle Fragen, die er nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten konnte, antwortete er nur mit „Ja“ oder „Nein“. Auf Fragen, bei denen dies nicht ging, versuchte er, mit möglichst kurzen Vier-Wort-Sätzen zu antworten. Sehr bald hatte ich alle meine Fragen gestellt, aber eigentlich keine richtige Antwort bekommen. Ich begann gewaltig zu schwitzen. „Das kann ich so nicht veröffentlichen, das kann ich so nicht veröffentlichen!“ schoss es mir durch den Kopf.

Folgerichtig lautete mein vorletzter Satz: „Da bin ich jetzt auch ratlos.“

Und das letzte, was Polt sagte, war: „Ich find’s eher komisch.“

Wir verabschiedeten uns und ich saß wie gelähmt am Schreibtisch. Wie sollte daraus ein lesbarer Interviewtext werden?

Erst während ich den Tonbandmitschnitt in den Computer tippte, begriff ich, was das für ein Text geworden war: Kabarett! Dieses Polt-Interview ist das lustigste Interview, das ich jemals geführt habe. Und obwohl Gerhard Polt mich in dieser halben Stunde, in der wir telefonierten, wirklich gequält hat, bin ich ihm dankbar. Er ist eben ein ganz Großer – und er hat genau gewusst, was er tut. Leider habe ich seine Stimme nicht auf dem Anrufbeantworter.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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