Beate Hanika Vom Ende eines langen Sommers | BUCHSZENE

Beate Teresa Hanikas „Vom Ende eines langen Sommers” ist ein Mutter-Tochter-Roman, der ans Herz geht

Titelbild Vom Ende eines langen Sommers - Beate Teresa Hanika

Foto © lakov Kalinin shutterstock-ID: 293278640

11. September 2018 | Frau Bluhm


Die Beziehung zwischen Marielle, 40, zu ihrer Mutter war nie gut. Doch nach dem Tod der Mama, erreicht Marielle ein Paket, das vieles verändert. Beate Teresa Hanikas „Vom Ende eines langen Sommers“.


Frau Bluhm liest „Vom Ende eines langen Sommers“: 4 von 5 Blu(h)men


Eine Tochter bekommt nach dem Tod der Mutter ein Paket

Marielle ist Anfang 40 und lebt in Amsterdam. Außer ihrer Katze und ihrer Nachbarin Roos, die gleichzeitig auch ihre beste Freundin ist, gibt es nicht viele Menschen in ihrem Leben. Doch irgendwann bekommt sie ein Paket, gefüllt mit Tagebüchern und Erinnerungen ihrer Adoptiv-Mutter Franka, die im Sommer zuvor starb. Als Franka noch lebte, war die Beziehung von Mutter und Tochter geprägt von Gefühlskälte und fast undurchdringlichem Schweigen. Doch durch den Inhalt dieses Paketes lernt Marielle ihre Mutter, und irgendwann auch sich selbst, besser kennen und verstehen, als jemals zuvor.

Beate Teresa Hanika arbeitet mit mehreren Erzählebenen

Frankas letzten Sommer verbringen Mutter und Tochter gemeinsam in Italien zu Gast bei Frankas Cousine Maria. Schon Franka hat in ihrer Jugend immer die Sommer dort verbracht und erlebte somit die letzte Zeit des zweiten Weltkrieges in Italien, wo die Familie gezwungenermaßen drei deutsche Soldaten beherbergte. „Vom Ende eines langen Sommers“ springt zwischen mehreren Zeitebenen hin und her: Einmal erleben wir die im Präsens geschriebene „aktuelle“ Marielle, die aus der Ich-Perspektive und immer wieder im Imperfekt aus dem letzten Sommer mit ihrer Mutter erzählt. Auf der dritten Zeitebene tauchen wir aus Frankas Sicht in die Zeit um 1944 ein. Anfangs empfand ich die stetig wechselnden Protagonisten und Erzählebenen als eher störend, doch im Laufe des Buches, wenn Marielle dank der Tagebücher immer mehr über ihre Mutter erfährt, werden diese Wechsel zu einer Art symbiotischen Erzählform, die das Zusammenwachsen von Mutter und Tochter schön widerspiegelt und sprachlich ergänzt. Dabei wird immer deutlicher, wie ähnlich sich Mutter und Tochter sind, obwohl sie es zu Frankas Lebzeiten niemals geschafft haben sich einander anzunähern.

Beate Teresa Hanikas Sprache ist poetisch, gefühlvoll und flüssig

Ich finde die Art, wie Beate Teresa Hanika Informationen nach und nach in ihre Erzählung einbettet ziemlich spannend. Die Geschichte beider Frauen ergibt durch diese immer zum richtigen Zeitpunkt eingebrachten Informationshäppchen mehr und mehr Sinn und wir Leser können immer genau so viel verstehen um mitfühlen zu können, begreifen aber zunächst immer zu wenig, als dass das Weiterlesen nicht mehr spannend wäre. Von der Erzählstruktur her ist das wirklich klasse gemacht! Ich empfinde die Sprache der Autorin als poetisch und gefühlvoll, dennoch ist das Buch flüssig und kurzweilig zu lesen.

Die Geschichte spielt in einem italienischen Städtchen – das passt gut

Das Setting in dem kleinen Städtchen in Italien ist von Beate Teresa Hanika sehr schön aufbereitet worden. Man glaubt fast die roten Tomatenpflanzen sehen und den Rosmarin riechen zu können, von denen sie schreibt. Auch geschichtliche Tatsachen sind authentisch und gut recherchiert. Es gelingt Beate Teresa Hanika eine Geschichte zu erzählen, die sich von 1944 bis 2004 über 60 Jahre erstreckt, was auf 320 Seiten gar nicht so einfach ist. Und doch zeichnet sie ihre Figuren und Schauplätze, sowie ihre Storyline gerade ausführlich genug, um den Leser zum Träumen einzuladen.

„Von Ende eines langen Sommers“ geht mir ans Herz

Die Geschichte von Marielle und ihrer Mutter Franka erschließt sich erst im Laufe des Buches. Es wird dabei immer wieder auf die unterkühlte Beziehung von Mutter und Tochter hingewiesen, die man aber erst mit dem Fortschreiten der Geschichte zu verstehen lernt. Was man von Anfang an verstehen kann, ist der Zustand des Hin- und Hergerissenseins, mit dem sich Marielle Tag für Tag auseinandersetzen muss: Sie liebt ihre Mutter, obwohl sie sich ihre Beziehung zueinander kaum erklären kann, und strebt doch täglich danach diese zu verbessern, ohne eigentlich wirklich zu wissen wie. Es ist eine Geschichte, die einem unweigerlich ans Herz geht und mit der man sich als Frau gut identifizieren kann. Es gibt eine Stelle in „Vom Ende eines langen Sommers“, da beschreibt Marielle ihren Schock darüber, zu sehen, dass ihre Mutter auch nur ein Wesen aus Fleisch und Blut sei. Ich kann das gut nachvollziehen, denn irgendwie sehen wir Töchter unsere Mütter immer gleichzeitig als Vorbild und Konkurrentin, und vor allem als unsterblich an. Beate Teresa Hanika hat dieses Thema auf sensible und sehr authentische Art aufgegriffen. „Vom Ende eines langen Sommers“ lässt mich nachdenklich und fast ein wenig traurig zurück, aber auch hoffnungsvoll, denn Beate Teresa Hanika hat mir die Möglichkeit geschenkt, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, dass das „das Vorher besser ist, als das Nachher“, wie die Autorin es ausdrückt. Wir alle wissen eben gerade nicht im Vornherein, wie unsere Zukunft aussehen wird. „Vom Ende eines langen Sommers“ hat mir einen wichtigen Denkanstoß geliefert, mit der Gegenwart bewusster umzugehen.

Einen einzigen Kritikpunkt möchte ich äußern

Der einzige Grund, warum ich nur vier Bluhmen statt fünf vergeben kann, ist der, dass ich mir tatsächlich am Ende noch ein paar Seiten mehr gewünscht hätte. Die Beate Teresa Hanika lässt das Ende ziemlich offen. Ein klein wenig mehr Erklärendes zum Schluss wäre mir wichtig gewesen.
Aber alles in allem ist „Vom Ende eines langen Sommers“ ein wunderschönes und sensibles Buch, das ich gerne jeder Tochter empfehlen würde. Und eigentlich auch jeder Mutter.

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