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Jörg Steinleitner über bayerische und andere Stammesriten
Kolumne – Wie ich kürzlich beinahe erschlagen worden wäre

Bild eines traditionellen Maibaums

4. Mai 2017 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Seit vielen Jahren ist sich Jörg Steinleitner darüber bewusst, dass Bayern ein mörderisches Land ist. Aber kürzlich wäre er beim Maibaumfest beinahe erschlagen worden. Wie das geschehen konnte, erzählt er in seiner Kolumne über bayerische und andere Stammesriten, Maiböcke, Maibäume, Dirndl, Lederhosen und den Wind des Todes.

Ist es nicht auch eine merkwürdige Sitte, mit Stäbchen Reiskörner zu essen?

Kürzlich, liebe Leserinnen und Leser, wäre ich beinahe erschlagen worden. Der 1. Mai ist ja der Tag, an dem man vielerorts auf der Welt zum Zeitvertreib Bäume fällt, sie aus dem Wald transportiert und wenig später, meist in Kirchnähe, wieder aufstellt. Dieser Aufwand mag einem Chinesen oder Afrikaner übertrieben erscheinen, aber ist es nicht auch merkwürdig, mit Stäbchen Reiskörner zu essen oder sich tellergroße Scheiben aus Ton in die Unterlippe einzubauen, weil dies schön aussehen könnte?

Der Bayer ist der Afrikaner Europas

Der Bayer, der nicht zuletzt wegen seiner archaischen Stammesrituale als Afrikaner Europas gilt, steht eben auf Baumfällen. Vor vier Jahren war ich bereits beim Maibaumfest dabei. Seinerzeit war der Baum vom Nachbardorf gestohlen worden und es hatte einen gefährlichen Streit gegeben, der mich zu meinem Krimi „Maibock“ inspiriert hat. In diesem Jahr ging es noch brutaler zu.

Der zermalmte Finger hätte uns eine Mahnung sein müssen

Zunächst sah alles nach einer perfekten Planung aus: Die Fichte sollte am Vortag des 1. Mais gefällt und dann die ganze Nacht von den Burschen unseres Dorfs bewacht werden. Doch schon beim Fällen kündigte sich Unheil an: Ausgerechnet der Stifter des Baums brachte seinen Finger in den Seilzug, sein Zeigefinger wurde zermalmt.

Scheinheilige Vertreter eines anderen Stammes

Nachts um drei stand dann plötzlich ein gutes Dutzend Männer vom Nachbardorf am Baum. Befragt nach ihrem Anliegen, erklärten sie scheinheilig, „nur zufällig vorbeigekommen zu sein“. Als sie erfuhren, dass der 40 Meter lange Maibaum aus Sicherheitsgründen um 4 Meter gekürzt werden sollte, boten sie an, beim Aufstellen mitzuhelfen, wenn wir die 4 Meter dranlassen würden. Dieses Angebot lehnten meine Stammesbrüder ab. Zum Glück!

Der kalte Wind als Vorbote des Grauens

Wegen einer schlechten Wettervorhersage war das Aufstellen des Baums um zwei Stunden vorverlegt worden. Und am 1. Mai sah dann zunächst auch alles großartig aus: Rund 40 Krieger meines Dorfes, darunter auch ich, stemmten sich nach einem gemeinsamen „Vater unser“ mit Manneskräften und langen Stangen gegen den Baum, so dass er nach und nach an Höhe gewann. Außen herum staunende Frauen und Kinder, gekleidet in unsere Stammestracht, die hierzulande aus Dirndln und Lederhosen besteht, sie bewunderten das Spiel unserer Muskeln. Doch irgendwann kam ein kalter Wind auf, ein Prophet hätte ihn als Vorboten des Grauens erkannt. Aber zunächst spielte uns der Wind in die Hände, denn er blies in genau die Richtung, in der wir den Baum aufrichteten.

Dann nahm das Drama seinen mörderischen Lauf

Das Maibaumaufstellen ist schwer, solange der Baum noch sehr flach liegt. Wenn er dann aber einen gewissen aufrechten Winkel erreicht hat, wird es plötzlich viel leichter. Nach knapp drei Stunden waren wir kurz davor, die Senkrechte zu erreichen. Der Maibaummeister gab sein letztes Kommando und wir hoben. Der Baum ging in die Senkrechte. Der Maibaummeister kommandierte „Halt!“ Wir hörten auf zu heben. Und jetzt passierte etwas Furchterregendes: Der Baum hörte nicht auf! Er neigte sich weiter und weiter, er verließ die ihm zugedachte senkrechte Position und – wandte sich Zentimeter für Zentimeter der anderen Seite zu.

Mein letzter Atemzug stand direkt bevor

Der Maibaummeister schrie „Halt!“, aber das war sinnlos, denn es schob ja schon lange niemand mehr. Wie gebannt blickten wir auf den mehrere Tonnen schweren Stamm, der langsam in Richtung der Frauen und Kinder kippte. Der Wind des Teufels blies. Der Maibaummeister brüllte den hinter dem Baum stehenden Leuten zu, sie sollten auf die Seite gehen. Der Baum würde nach unten stürzen und zerbrechen, er würde die vor ihm Stehenden zermalmen und mit einem gewaltigen Schnalzer nach hinten ausschlagen, wo wir Männer standen, woraufhin wir die Kontrolle über unsere langen Stangen verlieren würden. Unsere Stangen würden die seitlich von uns stehenden Frauen und Kinder erschlagen. Der Tod lag in der Luft.

Auch ein Baum kann zum Mörder werden

Doch dann hatten wir Glück. Das an der Rückseite des Baums angebrachte stählerne Sicherungsband und die dazugehörigen Schrauben verbogen sich zwar gehörig unter der gewaltigen Last, aber sie hielten. Mit der gebotenen Eile, und doch höchst vorsichtig, setzten einige meiner Stammesbrüder ihre Stangen auf der anderen Seite an und schoben den kippenden Baum behutsam in die Senkrechte. Er wurde fixiert – und dann stand er da. 36 Meter Holz. Wäre der Baum 4 Meter länger gewesen, er hätte uns getötet. Dann begann es zu schütten, als bestünde der Himmel aus Fässern.

P.S.: Das Bier schmeckt übrigens besser, wenn man überlebt hat.

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Andreas Föhr

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ISBN 978-3-426-51296-8

400 Seiten, € 9,99

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Jörg Steinleitner

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ISBN 978-3-492-30607-2

304 Seiten, € 9,99

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Buchcover Der Tote am Maibaum von Alexander Bálly

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Der Tote am Maibaum

ISBN 978-3-95400-328-0

328 Seiten, € 12,99

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Jörg Steinleitner
Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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