Wann wird ein Flirt oder Kompliment zum Übergriff? Kolumne | BUCHSZENE

Home >> Magazin >> Kolumnen >> Steinleitners Woche >>

„Ich liebe Frauen“ – Jörg Steinleitner macht sich Gedanken über die #MeToo-Debatte und die Liebe

Steinleitners Woche #Metoo Debatte und die Liebe

15. November 2017 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Sind Flirts und Annäherungsversuche noch erwünscht? Wann wird ein Mann gegenüber einer Frau übergriffig? Jörg Steinleitner über die #MeToo-Debatte und ihre Auswirkungen auf die Liebe.


Seit der #MeToo-Debatte bin ich verunsichert

Eigentlich hätte ich diese Kolumne gerne mit dem Satz „Ich liebe alle Frauen“ begonnen. Aber seit der #MeToo-Debatte bin ich verunsichert. Was darf man jetzt noch sagen als Mann zu Frauen und über Frauen, seit publik wurde, dass ein Filmproduzent auf ekelerregendste Weise seine Macht missbraucht hat? Und seit in aller Welt weitere schändliche Beispiele männlichen Dominanzmissbrauchs öffentlich werden?

Dass Frauen und Männer anders sind, ist doch gerade das Faszinierende

Wir Männer stehen jetzt unter Generalverdacht. Und „Ich liebe alle Frauen“ ist vermutlich ein Spruch, der – ohne weitere Fußnoten versehen – grandios machomäßig rüberkommt. Womöglich ist es ein Satz, den viele Frauen als sexistisch empfinden. Dabei ist es wirklich so: „Ich liebe alle Frauen!“ Warum? Weil sie anders sind als wir Männer. Und dieses Anderssein empfinde ich als aufregend, anregend. Frauen machen mich durch ihr Anderssein neugierig.

An welcher Stelle wird der Annäherungsversuch zum Übergriff?

Aber wie darf dieses Anderssein, das – so hoffe ich jedenfalls – auch für Frauen einen gewissen Reiz im Umgang mit uns Männern ausmacht, artikuliert werden? Wo liegen die Grenzen? Klar sind die Grenzen überschritten, wenn ein Mann eine Frau zum Vorstellungsgespräch ins Hotelzimmer bittet und dann im Bademantel vor ihr steht. Dass dieses Verhalten nicht erwünscht sein kann, liegt auf der Hand. Doch sind auch jegliche Annäherungsversuche verpönt – und falls nein: An welcher Stelle verwandelt sich der Annäherungsversuch in einen Übergriff?

Wie meine Liebesbeziehungen meist begannen

Wenn ich mich zurückerinnere, wie meine Liebesbeziehungen begannen, dann war es meist so, dass ich spät abends mit dem Mädchen oder der Frau, in die ich mich verliebt hatte, bei schummrigem Licht irgendwo saß, und irgendwann hat die Frau oder habe ich die Hand über den Tisch geschoben und die andere Hand berührt. Ein Annäherungsversuch. Diese Hand, die da kommt, die kann natürlich übergriffig sein, sofern die Liebe nur auf der einen Seite vorhanden ist und es sich insgesamt um ein Missverständnis handelt. Heißt das, dass dieser Annäherungsversuch dann nicht mehr stattfinden darf? Weil er von der anderen Seite als Übergriff wahrgenommen werden könnte? Weil man dieses Missverständnis unbedingt vermeiden muss? Ist die hinübergeschobene Hand schon zu viel? Ich kann mir das nicht vorstellen. Schon allein deshalb, weil mir die Phantasie fehlt, mir auszumalen, wie wir einander dann noch nahekommen können. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, denn nichts läge mir ferner, als jemanden anderen in seiner Intimität zu verletzen. Das gilt, glaube ich, auch für die meisten anderen Männer. Wir wollen es mit Frauen schön haben. Nicht gegen Frauen.

Sollten Männer mit Frauen umgehen wie mit anderen Männern?

Irgendwo in dieser notwendigen und verwirrenden #MeToo-Debatte habe ich den Vorschlag gelesen, wir Männer sollten einfach mit Frauen so umgehen wie mit anderen Männern. Dieser Gedanke bereitet mir großes Kopfzerbrechen. Ist es wirklich das, was wir wollen? Die totale Geschlechtsneutralität? Ich persönlich möchte von anderen Frauen sehr wohl als Mann wahrgenommen werden. Solche Momente sind doch bereichernd! Dass uns jemand anders attraktiv findet und uns dies momenthaft spüren lässt. Bin ich da als Mann völlig anders gestrickt, und Frauen mögen das wirklich nicht? Und widerspräche eine strikte Geschlechterneutralität nicht auch der jüngsten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass ein drittes Geschlecht öffentlich akzeptiert zu werden hat?

Dürfen wir noch flirten? Wo liegt die Grenze?

Zudem frage ich mich, ob das Leben nicht unglaublich öde wäre, wenn ich nicht mehr mit Frauen flirten dürfte. Apropos: Dürfen wir noch flirten? Und wenn ja: Wie? Wo liegt die Grenze? Dürfen wir noch Komplimente machen oder ist „Du siehst heute aber toll aus!“ ein sexistischer Satz, der mein Gegenüber auf missbräuchliche Art auf seine Körperlichkeit reduziert?

Wie wollen wir zukünftig miteinander umgehen?

Auf die meisten dieser Fragen fallen mir keine schlüssigen Antworten ein. Deshalb bin ich – und mit mir viele Männer – dankbar über die derzeit von Frauen geleistete Aufklärungsarbeit. Die meisten von uns Männern wollen sehr gerne wissen, wie wir zukünftig miteinander umgehen wollen. Was Frauen schätzen und wo rote Linien zu beachten sind. Wir Männer haben nämlich ziemlich sicher eine andere Wahrnehmung als Frauen. Aber wir wollen die weibliche Perspektive gerne verstehen lernen. Weil wir Frauen faszinierend finden. Weil wir sie lieben. Obwohl wir das vielleicht gar nicht mehr sagen sollten, weil es als sexistisch missverstanden werden könnte.

.

Liebe Ijeawele- Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden - Chimamanda Ngozi Adichie

Chimamanda Ngozi Adichie

Liebe Ijeawele: Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden

ISBN 978-3-596-29968-3

80 Seiten, € 8,00

S.Fischer

Untenrum frei - Margarete Stokowski

Margarete Stokowski

Untenrum frei

ISBN 978-3-498-06439-6

252 Seiten, € 19,95

Rowohlt

Wenn Männer mir die Welt erklären - Rebecca Solnit

Rebecca Solnit

Wenn Männer mir die Welt erklären

ISBN 978-3-442-71439-1

171 Seiten, € 9,99

btb

 

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Share this post:
Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Share this post:
Mehr zur Rubrik
Wie ich aus Liebeskummer zur See fuhr und ein anderer wurde
Ist ein allgemeines Dienstpflichtjahr sinnvoll? Eine Kolumne über Seemänner, Liebeskummer und das Leben
Kolumne Steinleitners Woche

Steinleitners Woche | 15. August 2018 | Jörg Steinleitner

Was macht ein junger Mann mit Liebeskummer? Zur See fahren, hatte unser Kolumnist in Romanen gelesen. Und es getan. Eine Kolumne über Abenteuer und die Sinnhaftigkeit eines Dienstjahrs für junge Leute.

Warum geht das Leben so schnell vorbei?, fragte mein Sohn
Wieso geht das Leben so schnell vorbei? Warum ist es endlich? Und was hat das mit Ferien zu tun?
Titelbild Kolumne Steinleitners Woche 152

Steinleitners Woche | 1. August 2018 | Jörg Steinleitner

Wieso die Zeit so schnell vergehe, fragte Jörg Steinleitners Sohn kürzlich. Und wieso das Leben endlich sei? Während er nach einer Antwort suchte, nahm sich der Kolumnist etwas für die Sommerferien vor.

Warum haben Männer größeren Hunger als Frauen?
Männer und Frauen – streiten Sie auch oft über das Essen? Auf den Spuren eines Ernährungs-Rätsels
Männer und Frauen Steinleitners Woche Kolumne

Steinleitners Woche | 18. Juli 2018 | Jörg Steinleitner

Warum haben Männer mehr Hunger als Frauen? Wieso lieben sie Fleisch und Frauen Joghurt? Und wieso gibt’s darüber immer wieder Streit? Steinleitners Woche heute über Männer, Frauen und Ernährung

Verlieren ist eher was für Loser, findet mein Sohn
Steinleitner spricht mit seinem Sohn anlässlich der Fußball-WM über das Verlieren
Titelbild Steinleitners Woche

Steinleitners Woche | 4. Juli 2018 | Jörg Steinleitner

Verlieren sei scheiße, sagt Steinleitners Sohn nach dem Ausscheiden der Deutschen bei der Fußball-WM. Verlieren sei was für Loser. Der Auftakt zu einem Krisengespräch mit versöhnlichem Ausgang.

Nach oben Zurück zur Übersicht

Mit der Nutzung von BUCHSZENE.DE erklären Sie sich damit einverstanden, dass unser Internetauftritt und unsere Tools/Plugins Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.