
Frau Hennig, im Zentrum Ihres Romans „Lieber solo als allein“ steht eine Hochzeit in Italien: Leonie, die mit 24 kurz vor dem Ende ihres Touristik-Studiums steht, möchte den jungen Italiener Matteo heiraten. Es soll eine Traumhochzeit in Perugia werden. Die einzelnen Familienmitglieder reisen mit gemischten Gefühlen zu dem Hotel, das von Matteos Eltern betrieben wird. Fangen wir mal mit Katrin und Oliver an, Sophies getrennten Eltern …
Kind aus dem Haus, Karrieresprung und schier unbegrenzte Freiheit mit Top-Posten in einer Unternehmensberatung. Katrin konnte nicht widerstehen, zumal Oliver ihr mit seiner Arbeit im Home-Office die Luft zum Atmen abgeschnürt hat – er sich auch, aber ohne es zu merken. Doch ungezügelte Freiheit wird sehr schnell zur langweiligen Routine, wenn man zum fünften Mal im gleichen Luxushotel in Hongkong ist. Sie verliert gar ihren Wert, wenn man sie mit niemandem teilen kann. Und auch Oliver muss einsehen, dass „lieber solo als allein“ auch nicht das Gelbe vom Ei ist.
Was bewegt die italienischen Bräutigam-Eltern, die Hoteliers Sophia und Carlo?
Italiener wollen naturgemäß jede Menge Bambini. Eine glänzende Hochzeit für Tochter und Sohn. Hauptsache der Tradition folgen, auch wenn sie selbst bereits ein Leben weit abseits davon führen.
Matteos Schwester Angelina hütet vor den Eltern ein Geheimnis. Was bedeutet das für die Familie?
Höchstes Ungemach! So eine hübsche Tochter, erfolgreich im Beruf als Architektin. Sie könnte Angelina Jolie locker Konkurrenz machen. Dummerweise sucht sie keinen Brad Pitt. Somit scheidet sie für Carlo in Sachen Nachwuchs aus. Jetzt müssen Leonie und Matteo ran!
Auch Sophies Oma Gabriele hat sich auf den Weg gemacht. Sie beschäftigt vor allem das Gefühl der Einsamkeit?
Nach dem Tod ihres Mannes lebt sie nur noch für ihren Garten und zieht sich von der Welt immer mehr zurück. Ihre Tochter und Enkelin leben in München, sie in Altdorf bei Nürnberg. Aus dem Alleinsein wird schleichend lähmende Einsamkeit, doch dann erinnert sie sich an die Tage, als für sie Alleinsein keinen faden Nachgeschmack hatte.
Für Gabriele tut sich ein Lichtblick auf: die Begegnung mit dem Fremdenführer Francesco, der eigentlich jemand anderen am Bahnhof abholen wollte …
Francesco hat das gleiche Schicksal wie Gabriele ereilt, doch er steht mitten im Leben. Ein quirliger Kauz, der Touristen seine Heimat zeigt – auch Gabriele, deren Herz nicht nur für Bella Italia heftig zu schlagen beginnt. Wenn jemand sie aus dem Mief ihres Alltags holen kann, dann er.
Ihr Roman kreist auch darum, wie verschieden es sich anfühlen kann, allein zu sein. Sie beschreiben das sehr nachvollziehbar und lebensnah. Haben Sie hier auch auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen?
Wer kennt das nicht? In jungen Jahren cool das Singleleben genießen. Reisen allein? Aufregend. Viele Leute kennenlernen. Dann die große Liebe. Kinder. Der Fun-Freundeskreis wird zur erweiterten Kinderkrabbelgruppe. Alltag, Enge, Stress. Oh, wie schön wäre es jetzt mal wieder wie früher allein zu sein. Freude trennen sich. Der Mann jammert, die Frau wird dafür bewundert, sich befreit zu haben. Stirbt der Mann, wird sie bemitleidet. Dann kommt der Herbst des Lebens. Da möchte man nicht allein sein, weil die Kräfte schwinden und jede helfende Hand willkommen ist. Zu zweit lässt sich Vieles zudem besser ertragen. Kurzum: Alles ist eine Frage der Perspektive, die man einnimmt und letztlich gilt, dass aus Alleinsein nur dann Einsamkeit wird, wenn man das Glück in sich selbst nicht mehr findet, es erst wieder ausgraben und manchmal sogar neu entdecken muss.
Was macht Einsamkeit mit uns – und was Alleinsein?
Einsamkeit macht träge und krank, zersetzt die Seele. Vorher die Bremse ziehen. Raus ins Leben, sich dazu zwingen, und wieder lernen, dass das Alleinsein auch seine Vorteile hat. Sich an die glücklichen Tage des Alleinseins – meist in der Jugend – erinnern. Gabriele gibt das im Roman Kraft. Sie nimmt sich notgedrungen die Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Neues zu entdecken, neue Freunde zu finden, kommt mit hinzu, denn das Leben hat viel zu bieten.
Wenn man den Titel Ihres Romans weiterdenkt, könnte man auf die Idee kommen, dass es besser ist allein und glücklich zu sein, als zu zweit und unglücklich. Wie denken Sie darüber?
Beziehungen haben es manchmal so an sich, dass man sich trotz eines Partners allein (gelassen) fühlt. Dann lieber doch solo? Doch das ist auch nicht die Lösung, wie vor allem Katrin am eigenen Leib erfährt.
Fürs Solo-Sein braucht es Mut. Wie kann das Alleinsein gelingen – also einem ein gutes Gefühl geben?
Es gelingt, wenn man Lebensglück in sich selbst sucht, es bewahrt und nicht von äußeren Einflüssen abhängig macht – und schon gar nicht von Glücksrezepten, die einem medial verkauft werden. Einfach Ich-Sein! Die Ironie dabei ist, dass Menschen, die dazu in der Lage sind, den anderen, auch ihren Partnern, mehr Glück schenken können, was wiederum jeder Form von Beziehung zugutekommt.
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