Dadurch, dass sie ein brandenburgisches Dorf als Miniaturwelt verwendet, gelingt es ihr, den Zustand unserer Gesellschaft und ihrer Menschen widerzuspiegeln. Es gibt nur einen Kritikpunkt, der aber zugleich auch eine Stärke ist. Lesen Sie auch unser Interview mit Juli Zeh, in dem sie erklärt, wie sie sich in „Unterleuten“ selbst plagiierte!
„Nachbar Schaller war eine Katastrophe. Er war Gerhards und Jules persönliches Armageddon.“
Es wird ja immer wieder beklagt, dass es in Deutschland – im Gegensatz zu den USA – keine Schriftsteller gäbe, die in der Lage seien, einen sogenannten „großen Gesellschaftsroman“ zu schreiben. Juli Zeh beweist mit „Unterleuten“, dass sie das sehr wohl kann. In dieser Dorfgeschichte spiegeln sich mehr oder weniger alle kleinen und großen Themen unserer Zeit wieder – Landsehnsucht, Ökotrend, Geldgier, Erziehung, Spektakeljournalismus und eine Politik, die nichts mehr zu entscheiden hat, und wenn sie mal darf, sich vor lauter Sachzwängen mit Alternativlosigkeit konfrontiert sieht. Juli Zehs Kunst hierbei ist es, die Dinge mithilfe treffend formulierter Sätze auf den Punkt zu bringen. Sie schreibt eine klare, mitunter augenzwinkernde Sprache. Man weiß als Leser stets, woran man ist – und natürlich auch wo: in Unterleuten, einem Kaff, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt. Unterleuten ist ein Dorf wie es sie vermutlich Tausende in Deutschland gibt. Und wegen der Nähe zur Hauptstadt leben hier nicht nur die Ureinwohner, die sich seit Jahrzehnten beharken, sondern auch etliche Stadtflüchtlinge mit allerlei Sehnsüchten, Träumen und Überzeugungen. „Die Menschen von heute konnten nichts lassen, wie es war, auch das Gute nicht.“ Die Autorin widmet jedem einzelnen dieser Bewohner ein eigenes Kapitel. Und so lernen wir sie alle kennen: den Soziologen Gerhard etwa, der die Nase voll von der Stadt hatte und für einen Job bei der Vogelschutzwarte aufs Land zog. Jetzt zählt Gerhard Kampfläufer, es sind derzeit 33. Seine Partnerin Jule ist wesentlich jünger als er, sie haben ein Baby. Ferner gibt es den Nachbarn Schaller, einen Automechaniker, den beide nur „das Tier“ nennen, auch weil er ständig entsetzlich qualmenden Müll verbrennt. Jule fürchtet deshalb um die Gesundheit ihres Kinds. Rudolf Gombrowski betreibt den Ökologica-Hof und seine Frau Hilde stellt eine Frage, die tief blicken lässt: „Seit wann regeln wir Angelegenheiten mit der Polizei?“ Karl, der Indianer, lebt in einem Tipi und die Bereiterin Linda schüttet dem Großgrundbesitzer aus Bayern, der sich quasi zum Jux eine riesige Fläche Land ersteigert hat, Wasser in den Tank, damit er noch länger bleiben muss. Sie will ihn dazu bringen, ihr Land für einen Pferdehof zu verkaufen. Ob er dies tun wird? „Hätte man die Beziehungsfäden sichtbar machen können, wäre für den Uneingeweihten ein Knäuel zum Vorschau gekommen. Ein Experte wie Kron hingegen sah ein logisches System.“ Es gibt noch viele andere Figuren mit Schrullen, Geheimnissen und teils schillernden Eigenschaften. Doch so richtig unter Druck gerät die Dorfgemeinschaft erst, als ein feiner Herr Pilz von der Vento AG sein Windkraftprojekt vorstellt.
Juli Zeh
Unterleuten
Hardcover
Familiengeschichten
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