Kampfläufer in der Idylle – Juli Zehs Roman „Unterleuten“

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Kampfläufer in der Idylle – Juli Zehs Roman „Unterleuten“

Juli Zeh

© Thomas Müller

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik


Komik

Weisheit


Gänsehaut


Unterhaltung


21. April 2016 | Tim Pfanner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Juli Zehs Roman „Unterleuten“ ist ein Roman über ein Dorf. Er ist unterhaltsam geschrieben und sprachlich wertvoll, ohne anstrengend zu sein. Dadurch, dass sie ein brandenburgisches Dorf als Miniaturwelt verwendet, gelingt es ihr, den Zustand unserer Gesellschaft und ihrer Menschen widerzuspiegeln. Es gibt nur einen Kritikpunkt, der aber zugleich auch eine Stärke ist. Lesen Sie auch unser Interview mit Juli Zeh, in dem sie erklärt, wie sie sich in „Unterleuten“ selbst plagiierte!

„Nachbar Schaller war eine Katastrophe. Er war Gerhards und Jules persönliches Armageddon.“

Es wird ja immer wieder beklagt, dass es in Deutschland – im Gegensatz zu den USA – keine Schriftsteller gäbe, die in der Lage seien, einen sogenannten „großen Gesellschaftsroman“ zu schreiben. Juli Zeh beweist mit „Unterleuten“, dass sie das sehr wohl kann. In dieser Dorfgeschichte spiegeln sich mehr oder weniger alle kleinen und großen Themen unserer Zeit wieder – Landsehnsucht, Ökotrend, Geldgier, Erziehung, Spektakeljournalismus und eine Politik, die nichts mehr zu entscheiden hat, und wenn sie mal darf, sich vor lauter Sachzwängen mit Alternativlosigkeit konfrontiert sieht.

Juli Zehs Kunst hierbei ist es, die Dinge mithilfe treffend formulierter Sätze auf den Punkt zu bringen. Sie schreibt eine klare, mitunter augenzwinkernde Sprache. Man weiß als Leser stets, woran man ist – und natürlich auch wo: in Unterleuten, einem Kaff, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt. Unterleuten ist ein Dorf wie es sie vermutlich Tausende in Deutschland gibt. Und wegen der Nähe zur Hauptstadt leben hier nicht nur die Ureinwohner, die sich seit Jahrzehnten beharken, sondern auch etliche Stadtflüchtlinge mit allerlei Sehnsüchten, Träumen und Überzeugungen.

„Die Menschen von heute konnten nichts lassen, wie es war, auch das Gute nicht.“

Die Autorin widmet jedem einzelnen dieser Bewohner ein eigenes Kapitel. Und so lernen wir sie alle kennen: den Soziologen Gerhard etwa, der die Nase voll von der Stadt hatte und für einen Job bei der Vogelschutzwarte aufs Land zog. Jetzt zählt Gerhard Kampfläufer, es sind derzeit 33. Seine Partnerin Jule ist wesentlich jünger als er, sie haben ein Baby. Ferner gibt es den Nachbarn Schaller, einen Automechaniker, den beide nur „das Tier“ nennen, auch weil er ständig entsetzlich qualmenden Müll verbrennt. Jule fürchtet deshalb um die Gesundheit ihres Kinds. Rudolf Gombrowski betreibt den Ökologica-Hof und seine Frau Hilde stellt eine Frage, die tief blicken lässt: „Seit wann regeln wir Angelegenheiten mit der Polizei?“

Karl, der Indianer, lebt in einem Tipi und die Bereiterin Linda schüttet dem Großgrundbesitzer aus Bayern, der sich quasi zum Jux eine riesige Fläche Land ersteigert hat, Wasser in den Tank, damit er noch länger bleiben muss. Sie will ihn dazu bringen, ihr Land für einen Pferdehof zu verkaufen. Ob er dies tun wird?

„Hätte man die Beziehungsfäden sichtbar machen können, wäre für den Uneingeweihten ein Knäuel zum Vorschau gekommen. Ein Experte wie Kron hingegen sah ein logisches System.“

Es gibt noch viele andere Figuren mit Schrullen, Geheimnissen und teils schillernden Eigenschaften. Doch so richtig unter Druck gerät die Dorfgemeinschaft erst, als ein feiner Herr Pilz von der Vento AG sein Windkraftprojekt vorstellt.

Neben den uralten, teils noch aus DDR-Zeiten in die Gegenwart greifenden Interessenkonflikten, treten jetzt völlig neue zutage. Die unsichtbaren, das Dorf zerteilenden Grenzlinien lassen sich nun nicht mehr so einfach ziehen, Widersprüchlichkeiten werden offenkundig: Klar findet man als ökologisch veranlagter Mensch Windkraft gut. Aber will man ein Windrad direkt vor der Nase? Verschandelt es nicht den Blick? Brummt es nicht entsetzlich laut? Andererseits gibt es Leute im Dorf, die mit diesem Windrad eine Menge Geld verdienen könnten. Am Ende ist das Dorf alles, nur keine Idylle mehr. Hätten die neu Hinzugezogenen doch nur eine wichtige Regel von Spieleentwickler Frederik beherzigt: „Was Dorfangelegenheiten betraf, gab es eigentlich nur ein Rezept: Raushalten.“

„Was Dorfangelegenheiten betraf, gab es eigentlich nur ein Rezept: Raushalten.“

Juli Zehs Roman ist kein Dorfroman, sondern ein Roman, der im Dorf spielt. Letztlich nutzt er das Dorf lediglich als Kulisse, als Miniaturwelt, um viele der verschiedenen Gruppierungen, die derzeit unsere Gesellschaft tragen, auf engstem Raum aufeinanderprallen zu lassen. Das Buch liest sich unterhaltsam, seine Sprache ist literarisch, aber nicht so anspruchsvoll, dass es die Lesefreude mindern würde. Der einzige Kritikpunkt, den man äußern möchte – es sind sehr viele Figuren, die dem Lesern zugemutet werden und über die man auch mal den Überblick verlieren kann – ist zugleich auch eine Stärke des Werks: So facettenreich wie die beschriebene Gemeinschaft kann auch ein echtes Dorf strukturiert sein. Wir bewegen uns also bei aller Schreib- und Erzählkunst sehr nah an der Wirklichkeit. Dies lesend festzustellen, macht Freude.

 

Juli Zeh

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig sowie Europa- und Völkerrecht. Sie schloss mit einer Promotion ab und lebte längere Zeit in New York und…
Zur Biografie von Juli Zeh

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