Ich staune, wie verletzlich mich meine Liebe zu ihm macht – Lily Kings „Vater des Regens“

Was macht die besondere Beziehung zwischen Tochter und Vater aus? Wieviele Verletzungen erträgt die Liebe zwischen den beiden? Lily King hat einen fesselnden Roman geschrieben, der eine eigentlich gar nicht so besondere Geschichte erzählt – von einem Vater und einer Tochter, von einer Scheidung und dem Leben danach im Amerika der 1960er-Jahre. Aber mit welcher Liebe zu den Figuren und mit welcher Genauigkeit King dies erzählt, das ist umwerfend.

Ich staune, wie verletzlich mich meine Liebe zu ihm macht – Lily Kings „Vater des Regens“

21. Oktober 2016 | Annika von Schnabel

Lily King

Vater des Regens

ISBN 978-3-406-698-057

399 Seiten | € 21,95

C.H. Beck

Romantik (4/5)

Komik (3/5)

Weisheit (4/5)

Gänsehaut (1/5)

Unterhaltung (4/5)

„Manche Leute kann man besser aus der Ferne liebhaben.“

An einer Stelle des Romans wird die Ich-Erzählerin Daley gefragt, ob sie das „schon mal erlebt hat, dass dein Herz in Stücke zerbricht?“ Daley antwortet schlicht mit „Ja“. Später fügt sie noch an: „Du meinst die Art, wo du jeden Morgen aufwachst und dich fühlst wie von einem Panzer überrollt und nicht normal atmen kannst.“

„Als ich klein war, dachte sich mein Vater am laufenden Band Überraschungen aus.“

Ja, dies ist ein ernstes Buch. Lily King erzählt die Geschichte einer Tochter und ihres Vaters. Von zweien, die sich lieben, wie nur Tochter und Vater einander lieben können, und sich verletzen, wie dies auch nur in dieser Konstellation möglich ist. Das Drama nimmt seinen Lauf, als Daley elfjährig heimlich mit der Mutter das Elternhaus verlässt und nicht wiederkehrt. Die Scheidung – in den 50er-Jahren noch stigmatisiert – trifft den Vater ohne jede Vorwarnung. Und Daley fühlt sich der Komplizenschaft schuldig. Eben erst hat er ihr noch einen Hund geschenkt, und jetzt ist sie weg.

„Wie kommt es, dass Klänge aus meiner Vergangenheit etwas Beruhigendes haben, obwohl die Vergangenheit selbst so gar nicht beruhigend war?“

Daley liebt den Vater, obwohl er zu viel trinkt, obwohl er sich mitunter unmöglich benimmt. Sie liebt ihn mit all seinen Schwächen. Und der Vater liebt sie: Er baut ihr einen Pool, er macht Blödsinn mit ihr, er steht zu ihr. Aber er lässt sie auch immer wieder im Stich. Seine Verfehlungen sind schmerzhafte Stiche in ihr Herz. Aber muss eine Tochter ihrem Vater nicht verzeihen? Diese Frage ist für Daley der Antrieb bis in ihr eigenes Erwachsenenalter, immer wieder dem Vater zu helfen, obwohl er es so oft gar nicht verdient.

„Es war noch nie klug, die Welt meines Vaters mit irgendeiner anderen Welt zusammenbringen zu wollen.“

Natürlich passieren solche Geschichten millionenfach auf der Welt. Und dennoch entwickelt Lily Kings Erzählung einen Sog, dem man sich schlechterdings nicht widersetzen kann. Es ist die gefühlvolle Genauigkeit, die Präzision, mit der diese so unglaublich talentierte Autorin Szene für Szene aufbaut; ihre Fähigkeit, bei der Beschreibung zwischenmenschlicher Verbindungen und Spannungen stets ins Schwarze zu treffen und dabei noch neue, nie gelesene Bilder zu verwenden, die diesen Roman so einzigartig macht.

„Auch jetzt wieder staune ich, wie verletzlich mich meine Liebe zu ihm mich macht, wie ganz und gar wehrlos.“

Verhandelt werden tatsächlich alle Facetten einer schwierigen familiären Beziehung (aber ist nicht jede Familie schwierig auf ihre ganz eigene Art?); erzählt werden zwei Leben in einem Amerika des Wohlstands, dessen miefige Spießigkeit nur durch Drinks und die moralische Verlotterung seiner Protagonisten aufgebrochen wird. So bekommt der Leser wunderbar beiläufig einen Eindruck davon, warum die Befreiung durch die Revolten der 1968er-Generation so notwendig war. Insofern ist dieses Buch auch ein großer Amerika-Roman, obwohl es vornehmlich um Familie geht.

„Ich hatte nicht gewusst, dass man Liebe spürt wie einen Luftzug, wenn sie nur stark genug ist.“

Am faszinierendsten aber ist, wie liebevoll und genau Lily King die einzelnen Charaktere malt. Wer das Buch gelesen hat, kann sie sich genau vorstellen; gerade so, als wäre er oder sie im Kino gewesen – oder ihnen sogar ganz real begegnet. „Ein Gefühl steigt in mir auf und überschwemmt mir die Brust, kribbelt mir bis hoch in die Kehle und hinunter in die Waden. Ich brauche ein bisschen bis ich es einordnen kann. Glück.“

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Lily King

Geboren 1962, wuchs Lily King in Massachusetts auf und studierte Englische Literatur und Creative Writing an der University of North Carolina at Chapel Hill und an der Syracuse University. Sie hat diese Fächer auch an verschiedenen Universitäten und High Schools in den USA und im Ausland unterrichtet. King lebt mit ihrem Mann und den beiden… Weiterlesen »


Zur Biografie von Lily King



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