Ich staune, wie verletzlich mich meine Liebe zu ihm macht – Lily Kings „Vater des Regens“

Home >> Buchempfehlungen für Ihr Leseglück >> Bestseller von SPIEGEL im Härtetest – Der Bestseller-Check >>

Ich staune, wie verletzlich mich meine Liebe zu ihm macht – Lily Kings „Vater des Regens“

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik


Komik


Weisheit


Gänsehaut


Unterhaltung


21. Oktober 2016 | Annika von Schnabel | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Was macht die besondere Beziehung zwischen Tochter und Vater aus? Wieviele Verletzungen erträgt die Liebe zwischen den beiden? Lily King hat einen fesselnden Roman geschrieben, der eine eigentlich gar nicht so besondere Geschichte erzählt – von einem Vater und einer Tochter, von einer Scheidung und dem Leben danach im Amerika der 1960er-Jahre. Aber mit welcher Liebe zu den Figuren und mit welcher Genauigkeit King dies erzählt, das ist umwerfend.

„Manche Leute kann man besser aus der Ferne liebhaben.“

An einer Stelle des Romans wird die Ich-Erzählerin Daley gefragt, ob sie das „schon mal erlebt hat, dass dein Herz in Stücke zerbricht?“ Daley antwortet schlicht mit „Ja“. Später fügt sie noch an: „Du meinst die Art, wo du jeden Morgen aufwachst und dich fühlst wie von einem Panzer überrollt und nicht normal atmen kannst.“

„Als ich klein war, dachte sich mein Vater am laufenden Band Überraschungen aus.“

Kleines Foto von Lily KingJa, dies ist ein ernstes Buch. Lily King erzählt die Geschichte einer Tochter und ihres Vaters. Von zweien, die sich lieben, wie nur Tochter und Vater einander lieben können, und sich verletzen, wie dies auch nur in dieser Konstellation möglich ist. Das Drama nimmt seinen Lauf, als Daley elfjährig heimlich mit der Mutter das Elternhaus verlässt und nicht wiederkehrt. Die Scheidung – in den 50er-Jahren noch stigmatisiert – trifft den Vater ohne jede Vorwarnung. Und Daley fühlt sich der Komplizenschaft schuldig. Eben erst hat er ihr noch einen Hund geschenkt, und jetzt ist sie weg.

„Wie kommt es, dass Klänge aus meiner Vergangenheit etwas Beruhigendes haben, obwohl die Vergangenheit selbst so gar nicht beruhigend war?“

Daley liebt den Vater, obwohl er zu viel trinkt, obwohl er sich mitunter unmöglich benimmt. Sie liebt ihn mit all seinen Schwächen. Und der Vater liebt sie: Er baut ihr einen Pool, er macht Blödsinn mit ihr, er steht zu ihr. Aber er lässt sie auch immer wieder im Stich. Seine Verfehlungen sind schmerzhafte Stiche in ihr Herz. Aber muss eine Tochter ihrem Vater nicht verzeihen? Diese Frage ist für Daley der Antrieb bis in ihr eigenes Erwachsenenalter, immer wieder dem Vater zu helfen, obwohl er es so oft gar nicht verdient.

„Es war noch nie klug, die Welt meines Vaters mit irgendeiner anderen Welt zusammenbringen zu wollen.“

Natürlich passieren solche Geschichten millionenfach auf der Welt. Und dennoch entwickelt Lily Kings Erzählung einen Sog, dem man sich schlechterdings nicht widersetzen kann. Es ist die gefühlvolle Genauigkeit, die Präzision, mit der diese so unglaublich talentierte Autorin Szene für Szene aufbaut; ihre Fähigkeit, bei der Beschreibung zwischenmenschlicher Verbindungen und Spannungen stets ins Schwarze zu treffen und dabei noch neue, nie gelesene Bilder zu verwenden, die diesen Roman so einzigartig macht.

„Auch jetzt wieder staune ich, wie verletzlich mich meine Liebe zu ihm mich macht, wie ganz und gar wehrlos.“

Verhandelt werden tatsächlich alle Facetten einer schwierigen familiären Beziehung (aber ist nicht jede Familie schwierig auf ihre ganz eigene Art?); erzählt werden zwei Leben in einem Amerika des Wohlstands, dessen miefige Spießigkeit nur durch Drinks und die moralische Verlotterung seiner Protagonisten aufgebrochen wird. So bekommt der Leser wunderbar beiläufig einen Eindruck davon, warum die Befreiung durch die Revolten der 1968er-Generation so notwendig war. Insofern ist dieses Buch auch ein großer Amerika-Roman, obwohl es vornehmlich um Familie geht.

„Ich hatte nicht gewusst, dass man Liebe spürt wie einen Luftzug, wenn sie nur stark genug ist.“

Am faszinierendsten aber ist, wie liebevoll und genau Lily King die einzelnen Charaktere malt. Wer das Buch gelesen hat, kann sie sich genau vorstellen; gerade so, als wäre er oder sie im Kino gewesen – oder ihnen sogar ganz real begegnet. „Ein Gefühl steigt in mir auf und überschwemmt mir die Brust, kribbelt mir bis hoch in die Kehle und hinunter in die Waden. Ich brauche ein bisschen bis ich es einordnen kann. Glück.“

Lily King

Geboren 1962, wuchs Lily King in Massachusetts auf und studierte Englische Literatur und Creative Writing an der University of North Carolina at Chapel Hill und an der Syracuse University. Sie…
Zur Biografie von Lily King

Lily King

Geboren 1962, wuchs Lily King in Massachusetts auf und studierte Englische Literatur und Creative Writing an der University of North Carolina at Chapel Hill und an der Syracuse University. Sie…
Zur Biografie von Lily King

Mehr zur Rubrik
Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“ im Bestseller-Check
Was man von hier aus sehen kann

Bestseller-Check Gegenwartsliteratur Slider posts | 14. Dezember 2018 | Jörg Steinleitner

Ein buddhistischer Mönch, der sich verliebt, obwohl das eigentlich nicht geht. Und eine junge Frau, die Luise heißt und ein Dorf zusammenhält. Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“.

Wolf Haas‘ Roman „Junger Mann“ im Bestseller-Check von Jörg Steinleitner
Titelbild Junger Mann

Bestseller-Check | 3. Dezember 2018 | Jörg Steinleitner

Er ist vierzehn und zu dick. Sie ist zwanzig, wunderschön und verheiratet mit einem ziemlich männlichen Lastwagenfahrer. Hat Wolf Haas‘ „Junger Mann“ trotzdem eine Chance auf die Erfüllung seiner Liebe?

Babylon-Berlin-Autor Volker Kutscher im Interview über seinen Gereon-Rath-Krimi „Marlow“
Titelbild Marlow

Bestseller-Check Interviews | 16. November 2018 | Jörg Steinleitner

Volker Kutscher im Interview – über Geldhaie, den Morphium-süchtigen Göring und Erich Kästner, unsere gefährdete Demokratie, seine Fernsehserie „Babylon Berlin“ und den neuen Gereon-Rath-Krimi „Marlow“.

Thomas Raabs Kriminalroman „Walter muss weg – Frau Huber ermittelt“ im Bestseller-Check
Titelbild Walter muss weg

Bestseller-Check Gegenwartsliteratur | 2. November 2018 | Jörg Steinleitner

Frau Huber hat sich über den Tod ihres Mannes gefreut. Die Ehe war nix. Aber dann poltert bei der Beerdigung eine falsche Leiche aus dem Sarg. Thomas Raabs „Walter muss weg“ im Bestseller-Check.