Buch „Ein Jahr – ein Leben“ – Interview mit Iris Berben

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Buch „Ein Jahr – ein Leben“ – Interview mit Iris Berben

28. April 2014 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Iris Berben über ihr Israel-Hörbuch, die 68er, Ernsthaftigkeit und Erotik.

Jörg Steinleitner:  Die „Rosa Roth“-Krimis und viele andere erfolgreiche Filme haben Sie einem Massenpublikum bekannt und als Frau begehrt gemacht. Weniger Schlagzeilen trächtig, weil ernster und weniger sexy ist Ihre Arbeit an Ihren Israel-Projekten wie dem Hörbuch Ewigkeit dringt in die Zeit oder der im ZDF laufenden Dokumentation „Und jetzt Israel?“. Sie haben sich schon als Jugendliche für Israel interessiert. Was brachte Sie als 17-jähriges Mädchen dazu, nach Israel zu reisen?

Iris Berben:  Ich war damals im Internat. Dort war das Thema Drittes Reich mit einer großen Sprachlosigkeit belegt. Die Lehrer wollten sich ihm nicht stellen. Wir durften nur ausgesuchte Nachrichtensendungen sehen. In einer habe ich dann etwas über den Sechs-Tage-Krieg in Israel gesehen. Und plötzlich ist da was geöffnet worden in mir über ein Land, über das ich gar nichts wusste. Und ich habe erfahren, dass dieses Land unter anderem entstanden ist aufgrund des Holocaust. Also war da eine Verbindung zu meinem Land. Gleichzeitig gab es eine weltweite Euphorie von jungen Leuten, die nach Israel gereist sind.

Jörg Steinleitner:  Wenn Sie die „Rosa Roth“-Krimis und Ihr Israel-Engagement gegenüberstellen – ist das eine der Beruf, das andere Ihre Berufung?

Iris Berben:  Ich versuche das immer gar nicht so emotional zu besetzen. Auch in „Rosa Roth“ versuche ich sehr genau die Befindlichkeiten in Deutschland zu beschreiben. Auch da gab es zum 50-jährigen Bestehen Israels einen Stoff, den ich mir gewünscht habe und z.B. einen Film, der sich mit Neo-Nazis auseinandergesetzt hat. Ich versuche in manchen meiner Arbeiten den Einfluss zu haben, auch politische Dinge zu erzählen. Aber Sie haben Recht, das eine ist meine Arbeit und das andere meine private Haltung. Ich habe diese vielen Lesungen zum Thema Israel und Drittes Reich sehr still, unbeobachtet und privat gemacht, weil ich natürlich um die Mechanismen unserer Medien weiß und ich eine große Scheu habe, dass man das, was man privat macht, in Kontext zum Beruf setzt. Dann muss man sich nämlich auf einmal rechtfertigen. In der Zwischenzeit weiß ich, ich muss mich gar nicht rechtfertigen. Dieser Spagat zwischen Feuilleton und Boulevard ist geglückt. Deshalb kann ich nun mit einer anderen Gelassenheit meine Popularität für beides nutzen.

Jörg Steinleitner:  Sie wurden bereits mit dem „Leo-Baeck-Preis“, das ist der höchste Preis des Zentralrates der Juden in Deutschland, und dem „European Hero“ des Time-Magazines ausgezeichnet…

Iris Berben:  Ja, diese großartigen Auszeichnungen bestätigen mich sehr in meiner Arbeit. Sie machen mich aber auch immer ein bisschen unsicher, ob das nicht genau das ist, wodurch man sich von den Menschen entfernt. Wodurch man auf diesen imaginären Sockel gestellt wird. Ich möchte ja, dass wir nicht nur an Gedenktagen, nicht nur nach einem Anschlag, sondern im Alltag an die Geschichte denken. Ich finde das auch nicht so außergewöhnlich, dass man sich dafür interessiert, die Geschichte seines eigenen Landes zu kennen. Es ist ein Anliegen, das mich als Bürger dieses Landes, als Mitglied dieser Gesellschaft angehen muss. Es ist ein Thema, das zu unserem Leben und unserer Biografie dazugehört. Ich habe gemerkt, wie unterschiedlich auf das Gefühl für Verantwortung mit Geschichte reagiert wird: entweder mit Abhaken oder Kritik an einem vermeintlichen Übermaß. Da hört man dann: „Es ist zu viel“. Häufig wird auch mit absolutem Desinteresse reagiert. Insofern ist es mein Ziel gewesen, meine eigene Populariät zu nutzen, um etwas, was ich als Bürgerin – nicht als Künstlerin – für wichtig halte, an die Öffentlichkeit zu bringen.

Jörg Steinleitner:  Welches Gefühl vermitteln Ihnen die jüdischen Geschichten von „Ewigkeit dringt in die Zeit“ in Kombination mit Giora Feidmans wunderbarer Klarinettenmusik?

Iris Berben:  Die Geschichten sind sehr warm, eindringlich, zärtlich, komisch. Aber auch von einer Traurigkeit, die mich berührt. Sie passen fantastisch zu Giora Feidmans Musik, der übrigens ein wunderbarer Mann ist.

Jörg Steinleitner:  Von was handeln die Geschichten?

Iris Berben:  Auf ganz naive Weise werden Gefühle und Ängste von Menschen beschrieben. Auch unfreiwillig komisch Dinge. Es gibt eine Geschichte, in der eine Christin und eine Jüdin so viele Jahre Nachbarn sind und jede versucht, Ihre Kinder von den religiösen Ritualen der anderen fernzuhalten. Ansonsten versteht man sich gut und auf einmal ist es dann sogar möglich, einen einzigen Raum miteinander zu teilen. Die Geschichte will uns sagen: Es ist möglich, einen unterschiedlichen Glauben zu haben und doch zusammenzuleben.

Jörg Steinleitner:  Wie viel Zeit des Jahres verbringen Sie in Tel Aviv?

Iris Berben:  Das ist ganz unterschiedlich. Durch die Reportage war ich fünf Wochen dort. Manchmal bin ich vier, fünf mal im Jahr dort. Israel ist mir eine Heimat geworden. Aber ich bin ja doch jemand, der gerne beschäftigt ist. Ich arbeite gerne und empfinde es als großes Privileg so arbeiten zu können, wie ich das tue: meine filme selbst aussuchen zu können, meine lesungen selbst zusammenzustellen. Es ist schön, sich immer wieder einbringen zu dürfen mit den Dingen, die für einen selber wichtig sind. Manchmal merke ich dann auch, dass mir für die sogenannte Freizeit ein bisschen wenig Raum bleibt. Vielleicht haben Sie Recht und ich sollte einfach nur mal wieder in Israel sein, um die Seele baumeln zu lassen. Da müsste ich mir allerdings die Zeit ein bisschen geschickter einteilen.

Jörg Steinleitner:  Sprechen Sie hebräisch oder jiddisch?

Iris Berben:  Jiddisch spreche ich nicht und hebräisch zu wenig. Ich weiß zwar meistens, worum ein Gespräch sich dreht, aber das ist leider viel zu wenig. Das bedauere ich sehr. Auch mein Sohn, den mein jüdischer Lebensgefährte mit groß gezogen hat, seit er vier Jahr alt ist, ist leider nicht zweisprachig aufgewachsen. Das liegt einfach daran, dass alle unsere Freunde in Israel deutsch, englisch und französisch sprechen. Und mir hat einfach der Tritt in den Hintern gefehlt, damit ich einen Crashkurs mache. Ich finde Hebräisch aber eine sehr schöne Sprache.

Jörg Steinleitner:  Für einen Fernseh-Werbespot haben Sie die Kamera unter Ihren Mini-Rock blicken lassen – es war nur ein Slip zu sehen – dennoch war Deutschland in Aufruhr. Ist Ihr lockerer Umgang mit Erotik – genauso wie Ihre politische Sensibilität – auch ein Ergebnis Ihrer Prägung durch die 68er-Jahre?

Iris Berben:  Ich denke schon. Ich bin durch diese Zeit ganz stark geprägt. Allerdings sehe ich den Spot weniger erotisch, als ironisch. Und ich habe den Eindruck, dass die Zeit, die mich geprägt hat, eine weniger verlogene und freiere Zeit als die heutige war. Man hat sich eher von Altem gelöst und Neues ausprobiert. Das ist ja heute verpönt. Dabei gibt es ganz andere Dinge, die ich für bedenklich halte.

Jörg Steinleitner:  Stehen dieser Spot und Ihr „ernsthaftes“ politisches Engament nicht im Widerspruch zueinander?

Iris Berben:  Nein, denn eine ernsthafte politische Haltung, eine Ernsthaftigkeit im Beruf, ein ironischer Werbespot und Erotik, das sind alles Facetten des Lebens. Ich wünsche mir so viele Facetten wie möglich. Und finde es lächerlich, wenn man immer über die Äußerlichkeit definiert wird. Aber die Zeit der Erklärungsnot, der Verteidigung, dass man tatsächlich so aussieht und dann auch noch drei zusammenhängende Sätze formulieren kann, ist zum Glück vorbei.

Jörg Steinleitner:  Auf welche Bilder dürfen wir uns in Ihrer ZDF-Dokumentation „Und jetzt Israel?“ freuen?

Iris Berben:  Wir zeigen, wie die Menschen abseits der täglichen Nachrichten leben. Wir haben ganz bewusst den israelisch-arabischen Konflikt ausgelassen, weil ich eine Reportage über das Innenleben der Israelis wollte, über ihr Seelenleben. Natürlich kommt man dabei an der Politik nicht vorbei. Aber ich wollte in erster Linie das Land zeigen, wie ich es seit 35 Jahren kenne: mit seinem kulturellen Leben – Literatur, Rockmusik – seiner Genforschung, seinem Wassermanagement… Wir zeigen, wie eine Milliarde Zugvögel in Eilat zwischenlandet.

Jörg Steinleitner:  Warum wählten Sie diesen Blickwinkel?

Iris Berben:  Wenn man irgendwann das Wort Israel sagte, dann war das nur behaftet von Intifada und Konflikt. Ich will den Alltag zeigen. Ich wollte auch nicht den einen Palästinenser wie ein Alibi haben. Nein, ich will die Menschen, das Leben erkären, das dort alltäglich stattfindet. Ich habe versucht, die Vielfalt dieses Landes, in dem 90 Nationen zusammenleben, mit einem Kaleidoskop von Menschen zu zeigen.

Iris Berben

Iris Berben, geboren 1950 in Detmold, brach das Gymnasium ab und kam Ende der 60er Jahre zum Film. Nach einer Tanz- und Bewegungsausbildung in London sowie einer Sprech- und Gesangsausbildung…
Zur Biografie von Iris Berben

Iris Berben

Iris Berben, geboren 1950 in Detmold, brach das Gymnasium ab und kam Ende der 60er Jahre zum Film. Nach einer Tanz- und Bewegungsausbildung in London sowie einer Sprech- und Gesangsausbildung…
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