Buch „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann“ – Interview mit Senta Berger

Buch „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann“ – Interview mit Senta Berger

28. April 2014 | Interview: Jörg Steinleitner


Senta Berger über Hollywoods Produzenten und ihr Hörbuch „Fräulein Else“.

 

Jörg Steinleitner:  Herzlichen Glückwunsch, Frau Berger, Sie gewannen in diesem Jahr den Deutschen Hörbuch-Preis mit Schnitzlers „Fräulein Else“. Den Stoff haben Sie sich selbst ausgesucht. Was verbindet Sie mit diesem Stück?

Senta Berger:  Ich habe in den 80er Jahren in Mailand einen Film gedreht und bin zuffällig auf eine Neuausgabe von „Fräulein Else“ auf Italienisch gestoßen. Beim Lesen dachte ich mir, das ist ja unglaublich. Was dieser Mann für eine Imagination hat, wie genau er die Psychologie der Situation erfasst. Welches Wissen über Pubertät, Sexualität und Unterdrückung er vorwegnimmt, zu einer Zeit, in der man wenig Verständnis hatte für die Psyche eines jungen Mädchens.

Jörg Steinleitner:  Sie teilen mit Arthur Schnitzler Ihre Heimatstadt Wien…

Senta Berger:  Deshalb ist mir die Sprache von „Fräulein Else“ so vertraut. Diese innere Stimme ist ja das Tolle an der Erzählung. Aber durch die Stimme der Außenwelt erkennen wir erst, was in Elses Seele passiert. Das ist in dramatisierter Form auf der Bühne nicht so spannend, wird viel banaler, als bei einer Lesung. Ich finde, man muss es nicht wienerisch machen, obwohl der jeweilige Dialekt, die jeweilige Färbung der Sprache und damit die mühelose Charakterisierung der Personen großen Reiz hat.

Jörg Steinleitner:  Was reizt Sie, die Sie schon in Hollywood mit Kirk Douglas und John Wayne gedreht haben, am Medium Hörbuch?

Senta Berger:  Es ist das Nachdenken über Literatur und Text. Das ergreift mich, das tut mir weh, das tut mir gut. Das möchte ich lesen – leise oder laut. In Amerika war es für mich eine Art Therapie. Ich habe dort erst erkannt, was es bedeutet, dass ich aus Mitteleuropa komme. Horvath, Oskar Maria Graf und all die anderen habe ich erst dort begriffen. Ich habe mir Bücher gekauft, mit denen bin ich gereist wie mit Freunden und habe sie so kennengelernt. Meine Lehrjahre, was Europa angeht, fanden in Amerika statt.

Jörg Steinleitner:  Dann kamen Sie zurück nach Deutschland…

Senta Berger:  … und begegnete einer Sprache, die ich über 10 Jahre nicht mehr gesprochen hatte. Die musste ich mir zurückerobern. Plötzlich habe ich jedes Komma abgeklopft. Und dann hat man mich gefragt, ob ich bei den Salzburger Festspielen eine Rezitation machen will. Ich liebe diese Rezitationen, ich bin da mein eigener Regisseur und Dramaturg. Ich beschäftige mich auf der Suche nach einem Programm mit Literatur, ich bin erstaunt… Das ist ein schönes kleines Abenteuer, das nur mir gehört. Aus den Rezitationen hat sich dann die Idee mit den Hörbüchern entwickelt.

Jörg Steinleitner:  Else geht mit einem reichen Kunsthändler einen fragwürdigen Deal ein: Er darf sie nackt sehen und begleicht dafür die Schulden des Vaters. Eine Art von Prostitution, die tödlich endet. Wo liegt für Sie die Grenze dessen, was man für seine Familie tun muss?

Senta Berger:  Ich habe es da ganz leicht gehabt. Ich war nie käuflich und Else ist es ja auch nicht. Sie wird es, um ihrem Vater zu helfen, der sie unter Druck setzt. Natürlich ist man als junge Schauspielerin sehr oft in solchen „Else-Situationen”, gerade in Hollywood. Ich kam da als hübsche 20-jährige zu den großen Filmproduzenten – gerade 15 Jahre nach dem 2. Weltkrieg und die erste Frage war natürlich: „War ihr Vater Nazi?“ – und die zweite: „Wollen sie mit mir schlafen?“ Ich habe das so klar gesehen, wie die Else oder wie der Schnitzler.

Senta Berger

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Senta Berger

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