Ein Nickerchen im Büro

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Ein Nickerchen im Büro

28. Januar 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten


Von einsamen Kämpfern an der Tastaturfront und Pubertieren, die einander die halbe Nacht befummeln.

Es sei für einen 16-Jährigen eigentlich „unzumutbar, um 8 Uhr wach in der ersten Stunde zu sitzen“, sagt der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Göran Hajak, in einem Interview mit Spiegel Online. Das sei die Biologie – wissenschaftlich gut untersucht – sagt Herr Hajak, der nebenbei auch noch die Bamberger Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik leitet. Und gegen diese Biologie könne man wenig tun. Sofort bin ich hellwach und frage ich mich: Was ist eigentlich mit meiner Biologie um 8 Uhr morgens? Was sagt Herr Hajak über den Schlafrhythmus von Kolumnisten und anderen Büroknechten?

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Aber anscheinend ist es der Wissenschaft schnurz und piepe, wie es uns Schreibtischmenschen geht um 8 Uhr, in der vermaledeiten ersten Bürostunde. Ja, ich möchte sogar sagen, dass sich dieser Zustand mitunter bis in die dritte, vierte und fünfte Bürostunde hineinziehen kann. Müde, ausgelaugt, einsam und verlassen fühlt sich der Arbeiter im Aktenberg des Herrn, wenn nicht zufällig ein Büroarbeiterkollege vorbeischluppt und voller Mitleid ein Glas Aspirin oder einen Cappuccino fallen lässt.

Ist es nicht ungerecht, dass in den Medien immer nur über die Biologie 16-jähriger Langschläfer lamentiert wird? Von uns Mausopfern an der Tastaturfront gibt es doch wesentlich mehr Exemplare als von den 16-jährigen Pickelnasen! Wir sind es doch, die hier den Laden am Laufen halten! Und wir sind müde, OBWOHL wir abends um 10 im Bett liegen. Wohingegen die Pubertiere ständig die halbe Nacht aneinander herumfummeln – in echt, aber natürlich auch per App und Twitter und dem ganzen smarten Zeugs! Ich muss ganz ehrlich sagen, dass da auch ich müde wäre … aber ich bin es ja sowieso und das ganz ohne Gefummel.

Doch der Psychiater Göran Hajak hat noch mehr herausgefunden: dass nämlich eine Vielzahl der Teenager, die in die Schule gehen oder arbeiten, an einigen Stunden des Tages nur halb wach sind. Wen kann das überraschen angesichts ihrer bereits erwähnten nächtlichen Aktivitäten? Und: Wer hat was dagegen? Wenn die Jugendlichen nur halbwach sind, können sie immerhin schon weniger Mist machen – Sie wissen schon: Kinder kriegen, sich Haschisch spritzen oder nach Syrien auswandern. Herr Hajak aber fordert: Wir sollten auf die Bedürfnisse der Jugendlichen Rücksicht nehmen. Wir sollten Schule und Lehre an die Lebensbiologie der Halbstarken anpassen.

Da frage ich Sie, liebe Leserinnen und Leser: Und was ist mit uns? Wer nimmt auf uns arme Bürosklaven Rücksicht? Wer passt die Arbeitszeiten an unsere Lebensbiologie an? Wen stört es, dass wir uns mitten in der Nacht um 8 Uhr an den Schreibtisch quälen, um im Halbschlaf Kolumnen zu verfassen und auch die eine oder andere Excel-Tabelle, Stammdatenbank, Powerpoint-Präsentation? Wo bitte ist unsere Lobby, Leute?

Sie antworten nicht?

Sie gähnen?

Achso, Sie wachen erst gerade auf!

Na, dann … wie wäre es mit einem Cappuccino?

P.S.: Herr Professor Ingo Fietze, Leiter des interdisziplinären schlafmedizinischen Zentrums an der Charité-Universität in Berlin, versteht was nicht: Wenn jemand die Arbeit unterbreche, um eine rauchen zu gehen, sagt Professor Fietze, dann sei das in Ordnung. Aber wer in der Arbeit für ein paar Minuten die Augen zumache, müsse „Angst haben, erwischt zu werden. Das kann doch nicht angehen.“ Ich finde: Herr Professor hat Recht.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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