Christelle Dabos: Die Verlobten des Winters | BUCHSZENE

Ihr Verlag feiert Christelle Dabos als französische Antwort auf Joanne K. Rowling. Ob sie diesem hohen Anspruch genügt, überprüft Frau Bluhm und liest „Die Spiegelreisende – Die Verlobten des Winters“.

Christelle Dabos‘ „Die Spiegelreisende – Die Verlobten des Winters“ ist der erste Band einer Trilogie

6. März 2019 | Von Frau Bluhm

Titelbild Die Spiegelreise - Die Verlobten des Winters

© Matva shutterstock-ID:339921071


Frau Bluhm liest „Die Spiegelreisende – Die Verlobten des Winters“: 4 von 5 Blu(h)men


Ophelia kann allein durch Berührung Gegenstände „lesen“

Von außen betrachtet erscheint einem Ophelia zunächst als eher unscheinbare Person. Klein, zart und von zurückhaltendem Wesen taucht sie lieber in die Welt des Museums ein, in dem sie arbeitet, statt den direkten Kontakt zu ihren Mitmenschen zu suchen. Und „Eintauchen“ ist hier wörtlich gemeint, denn Ophelia besitzt die Gabe des „Lesens“. Sie ist in der Lage, allein durch die Berührung eines Gegenstandes, in dessen Vergangenheit eintauchen, und alles wahrzunehmen, was um diesen herum jemals geschehen ist, selbst wenn dieses Geschehen bereits Jahrhunderte zurückliegt. Eigentlich eine wahrhaft praktische Fähigkeit für eine Museumskuratorin. Doch als Ophelia mit Thorn verheiratet werden soll, stehen genau diese Fähigkeiten plötzlich im Zentrum einer großen Verschwörung.

Christelle Dabos‘ Heldin sieht einer arrangierten Heirat entgegen

Im ersten Buch der Die-Spiegelreisende-Reihe führt uns Christelle Dabos in Ophelias Welt ein. Diese Welt ist postapokalyptisch angelegt, besteht nicht mehr aus einer festen Oberfläche, sondern nur noch aus mehreren, riesigen, schwebenden Inseln, auch Archen genannt, die sich um den Erdkern herumbewegen. Durch die arrangierte Heirat mit Thorn muss Ophelia ihre Heimatarche verlassen und zu ihm auf „Pol“ ziehen – eine Arche, erbaut aus Eis und Stahl, inmitten der eisigen Kälte des ehemaligen Nordpols. Doch die klimatische Kälte wird sogar noch vom unterkühlten Verhalten ihrer zukünftigen Verwandtschaft übertroffen. Schon bald erfährt Ophelia, dass dort eigentlich niemandem zu trauen ist, weder Thorns wunderschöner Tante Berenilde, noch seiner Großmutter, und am allerwenigsten Thorn selbst.

Die junge Frau gewinnt an Charakterstärke und Persönlichkeit

Wir folgen der sympathischen Ophelia auf ihrer Reise ans Ende der Welt. Anfangs durch die Autorin etwas blass dargestellt, erhält die junge Frau im Laufe der Geschichte immer mehr Charakterstärke und Persönlichkeit. Gerade ihre Fähigkeit, durch Spiegel reisen zu können, verbirgt einen von der Christelle Dabos hübsch eingearbeiteten, psychologischen Kniff: Denn um von einem Spiegel zum anderen zu reisen, muss Ophelia ihrem Spiegelbild mit hundertprozentiger Aufrichtigkeit begegnen. Es ist interessant zu beobachten, wie die junge Frau, die im Leben mitten in ihrer eigenen Komfort-Zone niemals mit diesem Umstand Probleme hatte, in der Interaktion mit anderen Menschen aber plötzlich an ihre Grenzen gerät und diese überwindet. Diese Weiterentwicklung hätte ich mir auch für die übrigen Protagonisten gewünscht. Gerade Thorns Charakter bleibt über den größten Teil des Romans sehr undurchsichtig und oberflächlich. Natürlich kann man davon ausgehen, dass diese Dinge sich noch im Laufe der Trilogie entwickeln, doch wäre ein wenig mehr Tiefe bereits im ersten Buch sinnvoll gewesen. So fehlt beim Lesen ein starker Gegenpart, der einerseits die Figur der Ophelia facettenreicher gestaltet und andererseits einer Trilogie als gute Basis der Charakterentwicklung gedient hätte.

Den Vergleich mit Joanne K. Rowling kann sie nicht bestehen

Grundsätzlich ist die Welt, die Christelle Dabos hier entwickelt hat, mit liebevollen Details ausgestattet und man kann sich beim Lesen in diese fiktive Welt hinein- und sich in ihr wohlfühlen. Da der Verlag aber weder an Lobhudelei und Vergleichen mit namhaften Schriftstellern auf dem Klappentext gespart hat, geht man die Lektüre mit einer besonderen Erwartungshaltung an, der sie dann leider nicht ganz gerecht wird. Es ist eine gute Serie mit viel Potential, auf deren weitere Lektüre ich mich freue, aber keinesfalls zu vergleichen mit dem grandiosen Werk von Joanne K. Rowling. An dieser Stelle haben die Verlagsmitarbeiter und die Presse Christelle Dabos einen Bärendienst erwiesen.

„Die Verlobten des Winters“ entführt in eine fantasiereiche Welt

Kann man diese Erwartungshaltung allerdings zurückstellen und sich auf die Geschichte einlassen, so wird man in eine spannende und fantasiereiche Welt geführt. Als Auftakt für die Serie „Die Spiegelreisende“ ist „Die Verlobten des Winters“ wirklich gut gelungen.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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