Bernhard Aichner: Bösland. Buchempfehlung | BUCHSZENE

Zieht Gewalt unweigerlich neue Gewalt nach sich? In Bernhard Aichners fulminantem Roman „Bösland“ scheint es so. Alles beginnt mit dem Selbstmord eines Vaters. Und es kommen immer mehr Leichen hinzu.

In Bernhard Aichners „Bösland“ wird ein Mädchen auf einem Dachboden brutal ermordet

11. März 2019 | Birte Vandar

Titelbild Bösland

© hanohiki shutterstock-ID: 509971006

Am Anfang von „Bösland“ stehen zwei traumatische Ereignisse

„Komm mit mir ins Bösland“ hatte der Vater immer zu seinem Sohn gesagt, wenn er ihn wieder mit seinem Gürtel für irgendeine Nichtigkeit bestrafen wollte. Daher hat der Speicher seinen Namen, der am 10. Geburtstag des Jungen zum Schauplatz des Selbstmords vom Vater wird. Später wird dieser Dachboden ein Rückzugsort für Ben, an dem er sich mit seinem Freund Kux trifft, Filme dreht und entwickelt, ein Ort, an den die beiden auch die neue Mitschülerin Mathilda einladen und sich häufig treffen, bis … ja, bis Ben Mathilda mit dem Golfschläger seines Kumpels erschlägt und in die Kinderpsychiatrie gebracht wird.

Ben will gemeinsam mit einer Psychiaterin seine Vergangenheit aufarbeiten

So beginnt Bernhard Aichners  Roman „Bösland“, ein Buch, das in kurzen Kapiteln – mit Überschriften wie handgeschrieben, optisch sehr gelungen – erzählt, wie es dreißig Jahre später weitergeht, als der Protagonist sich ein neues Leben außerhalb der Psychiatrie aufgebaut hat. Seine Erinnerung an den Mord ist völlig verschüttet, nichts in seinem Leben hat mit dieser Vergangenheit zu tun; er entwickelt Fotos in einem Labor und lebt vor sich hin. Und eines Tages liegt vor ihm das frisch entwickelte Bild seines alten Freundes Kux, den er seit jenem Tag nicht mehr gesehen hat. Er entscheidet sich für die Flucht nach vorn und nimmt sich vor, mit psychiatrischer Begleitung seine Vergangenheit aufzuarbeiten.

Bernhard Aichners Art zu erzählen ist äußerst raffiniert

Die Kapitel wechseln ständig die Erzählperspektive. Den einen Teil der Geschichte erfahren wir aus eins zu eins aufgeschriebenen Gesprächen, den anderen Teil aus der Ich-Erzählung Bens. Scheibchenweise werden dem Leser Teile hingeworfen, die er selbst zusammenfügen muss. Das erzeugt eine Spannung, die schon zu Beginn des Buchs atemberaubend wirkt: Es geht so schnell, die Kapitel sind so kurz. Und doch entwickelt sich die Geschichte gaaaanz langsam!

Die Schlinge legt sich immer enger um Bens Hals

Ben entscheidet sich, seinen besten Freund aus der Kindheit wiederzutreffen. Er will versuchen, mit ihm die traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten. Es kommt anders als erwartet und wird bedrohlich, so gefährlich, dass ein weiterer Mord geschieht. Ruhig sieht Ben sich selbst und Kux zu und beschreibt dem Leser, wie sich die Schlinge um seinen Hals verengt, wie er trotz seiner Ohnmacht die Zuversicht nicht verliert.

Was an Bernhard Aichners „Bösland“ große Kunst ist?

Dieses Buch beeindruckt in mehrerlei Hinsicht: Die selbst für Bernhard Aichner untypisch kurzen Kapitel erzeugen einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Sein Spiel mit den Cliffhangern ist meisterhaft – nicht jedes Kapitel endet mit einem, und umso wirkungsvoller sind diese dann. Teilweise sorgt aber bereits die nächste Kapitelüberschrift dafür, dass man ausgerechnet jetzt das Buch nicht weglegen kann. Außerdem gelingt es Bernhard Aichner immer wieder, in einem Dialog, der jeweils die wörtliche Rede mit Spiegelstrichen untereinander listet – komplett ohne Beschreibung der Gefühle, ohne jede Mimik oder Gestik – zu vermitteln, wie sich Ben fühlt am kürzeren Hebel, am sehr viel kürzeren. Das ist schon große Kunst.

Mein Fazit über diesen Roman ist eindeutig

Der Roman ist nicht nur besonders wegen Bernhard Aichners Schreibe, sondern auch wegen der Unvorhersehbarkeit, die er einbaut, als wäre das normal. Er lässt den Leser wirklich auf Tuchfühlung mit dem Hauptprotagonisten gehen. „Bösland“ sollte man sich zu lesen gönnen.

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