Die geheimen Ameisen-Chroniken

Wir müssen uns mehr Menschen leisten, die nichts tun.

Die geheimen Ameisen-Chroniken

29. Juli 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Wir Büchermenschen haben es nicht leicht. Bei mir zum Beispiel vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht ein Nachbar fragt, wieso ich eigentlich nichts „Richtiges“ arbeiten würde. Aber ich schreibe doch Bücher – wie kann ein Buch denn etwas „Falsches“ sein?

Ich möchte Sie in diesem Zusammenhang für ein erstaunliches Forschungsprojekt interessieren: Wissenschaftler haben sich in Texas auf den Bauch gelegt und Ameisen beobachtet. Ob dieses Auf-dem-Bauch-Liegen in beruflicher Hinsicht etwas „Richtiges“ ist, sei einmal dahingestellt. Jedenfalls haben diese Wissenschaftler festgestellt, dass es unter den Ameisen vierzig Prozent gibt, die etwas offensichtlich „Richtiges“ arbeiten: Futter ranschaffen, Kinder großziehen, Häuser bauen. Die restlichen sechzig Prozent tun scheinbar nichts, sondern lungern herum.

Nun rätseln die Verfasser der Studie, von der ich in der Süddeutschen Zeitung las, über den Sinn, den es haben könnte, dass eine kluge und fleißige Spezies, wie es die Ameisen ja sind, sich den Luxus leistet, fast zwei Drittel ihrer Leute durchzufüttern, ohne dass sie scheinbar etwas „Richtiges“ arbeiten. Dahingehende Vermutungen, bei diesen vermeintlich nichtsnutzigen Ameisen handle es sich um Reservekräfte, die sich für den Notfall bereithielten, bestätigten sich nicht: Auch wenn man ein paar „fleißige“ Ameisen entfernte, raffte sich keine der nebendran herumlungernden Ameisen auf, um selbst Futter ranzuschaffen oder Häuser zu bauen.

Es ist ein bisschen traurig, dass die Forscher nicht bei mir angerufen haben, um zu fragen, was es mit diesen seltsamen sechzig Prozent Ameisen auf sich hat, die anscheinend nichts „Richtiges“ arbeiten. Immerhin sind diese Forscher aber auf die Idee gekommen, dass diese Faullenzer-Ameisen vielleicht doch etwas für die Gemeinschaft tun: Die Wissenschaftler tippen auf Kommunikationsaufgaben. Natürlich ist dies viel zu kurz gegriffen. In Wirklichkeit – psst, das weiß nur ich – handelt es sich bei diesen Ameisen um Büchermenschen, um Autoren und Leser, um Kulturleute und Medienschaffende. Während diese Ameisen so aussehen, als täten sie nichts, sind sie in ihren Köpfen bienenfleißig. Und aus den Gedanken, die dabei entstehen, machen sie Bücher und anderes Kulturzeugs.

Aber jetzt wird es noch geheimer: Tief im Erdreich, viele Zentimeter unter den uns bekannten und erforschten Ameisenhäufen betreiben diese sechzig Prozent scheinbar nichtsnutziger Ameisen riesige Bibliotheken und Buchhandlungen, Kino- und Konzertsäle, Theater- und Ballettetablissements. Warum? Ganz einfach: Damit die vierzig Prozent, die was „Richtiges“ arbeiten, Spaß am Leben haben.

P.S.: Ein sehr schönes Buch über die Folgen, die eintreten, wenn sich die Menschen nicht mehr die Zeit zum Nichtstun nehmen, ist Michael Endes „Momo“. Meine Tochter Isabella hielt jüngst in der Schule ein Referat darüber.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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