
Eine heitere und intelligente Satire über die Blindheit und Arroganz mancher Städter
„Der Hipster von der traurigen Gestalt“ ist ein lustiger und intelligenter Roman, der sehr gut widerspiegelt, wie unterschiedlich Menschen auf dem Land und in der Stadt handeln und denken; wie überheblich viele Städter der Landbevölkerung mitunter entgegentreten und wie blind sie für die Errungenschaften der Dörfler oftmals sind. Im Mittelpunkt steht ein Hipster, der aus der Metropole in ein 200-Seelen-Dorf zieht, um seine Bewohner zu dem – in seinen Augen – richtigen Leben zu bekehren.
Der Hipster sieht seinen Umzug als Projekt, es geht um die Bekehrung der Dörfler
„Endlich hat mich der Bürgermeister empfangen“, heißt es auf einer der ersten Seiten. „Ich habe ihm in groben Zügen unser Projekt erläutert. Die Idee, etwas zu tun, das man im neoliberalen Jargon ein Start-up nennen könnten, aber mit dem Ziel, den organischen Zusammenhalt und die tiefe Verbundenheit aller Lebewesen untereinander sowie mit ihrer Umgebung zu stärken, ausgehend vom Respekt zwischen den Geschlechtern und Arten und einer auf kollaborativer Horizontalität gegründeten, nachhaltigen Entwicklung, die eine dynamische Wechselbeziehung zwischen Althergebrachtem und Modernem abseits der tyrannischen Triebkräfte des Spätkapitalismus, dessen operative Logik sich verheerend auf den Planeten und die Menschheit auswirke, ermöglichen könnte.“
Keine Quinoa im Dorfladen und Melken als eine Form sexueller Belästigung
So geht das in Daniel Gascóns liebenswert bösem Roman munter weiter. Der Hipster leidet, weil er im Dorfladen keine Quinoa findet und keinen Hola Coffee. Als er aus Verzweiflung bei Amazon Kaffee bestellt und dieser per Drohne geliefert wird, holen einige Dorfbewohner das unbekannte Fluggerät vom Himmel, wodurch ein Gebäude in Brand gesetzt wird. Er mag keine Schafmilch mehr trinken, weil er Melken als „eine Form sexueller Belästigung“ empfindet. Er lädt die Dorfbewohner ein zum „didaktisch-lebenspraktischen Workshop zur neuen Männlichkeit aus genderkritischer Sicht“, bei dem die Teilnehmer u.a. „die Textur männlicher Subjektivität unter Berücksichtigung der Frage der Macht als strukturierender Faktor von Männlichkeit genauer“ kennenlernen sollen. Zur ersten Sitzung kommen vier Frauen. Es ist wirklich sehr witzig.
Der Hipster durchlebt eine erstaunliche Verwandlung und wird Bürgermeister
Der Autor bedient sich ausgiebig am Vokabular der akademisch geprägten Hipster-Klasse und er ermöglicht uns herrliche Blicke durch die Brille seines tragischen Helden. Dabei wechselt Daniel Gascón immer wieder seine Art zu erzählen: Anfangs hält er sich an den Tagebuchstil, später erzählt er auch aus den Perspektiven anderer. Und er lässt seinen Helden eine Verwandlung durchlaufen, denn immer mehr versteht der Hipster, dass es gute Gründe dafür gibt, dass die Menschen auf dem Dorf so leben wie sie leben. Sein Lernprozess mündet in einem kleinen Wunder: Die Dörfler wählen den Hipster zu ihrem Bürgermeister.
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