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Anlässlich des Filmstarts fühlt Frau Bluhm Dave Eggers‘ „Der Circle“ noch einmal kritisch auf den Zahn

Der Circle

© Universum Film GmbH

6. September 2017 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Am 7. September kommt die Verfilmung von Dave Eggers „Der Circle“ in die Kinos – mit Emma Watson und Tom Hanks. Eine gute Gelegenheit, sich den Roman noch einmal genauer anzusehen.


Frau Bluhm liest „Der Circle“: 4 von 5 Blu(h)men


Dave Eggers zeichnet mit „Der Circle“ eine Dystopie, die gar nicht so dystopisch scheint

Im Zentrum von Dave Eggers‘ Roman „Der Circle“ steht die 24-jährige Protagonistin Mae Holland. Mit der Anstellung beim Circle, die ihr ihre Collegefreundin Annie verschafft, sieht sie die Chance ihrem tristen Alltag in einem Provinzkaff zu entfliehen und endlich Karriere zu machen. Und anfangs scheint die Welt des Circle auch voller Möglichkeiten zu stecken. Mae findet sich in einer Welt wieder, die modern, vernetzt und motiviert zur Veränderung ist, doch bald beginnt der Leser zu begreifen, dass Veränderung nicht nur das Gegenteil von Stillstand bedeutet, sondern auch den Verlust von Werten, die vielleicht einmal wichtig waren …

Doch was ist „der Circle“ überhaupt?

Gegründet wurde die Firma von den sogenannten „drei Weisen“: Tyler „Ty“ Gospodinov, Eamon Bailey und Tom Stenton. Die ursprüngliche Idee von Ty war es, alle Funktionen, die das Internet bietet, unter einem Usernamen, mit einem Passwort und einer Identität zu vereinen. Schluss sollte sein, mit dem Merken unterschiedlicher Passwörter auf unterschiedlichen Apps. Alles sollte vereinfacht und so auch sicherer werden. Jeder, der die Circle App runtergeladen hatte, loggte sich unter seinem eigenen Namen ein und konnte von da an alle Handlungen im Internet über diese eine App erledigen.

So wurde die erste App vom Circle „TruYou“ geboren. Von diesem Tag an gibt es kein Halten mehr. Die Vorteile dieses Systems liegen auf der Hand: Da jeder als mit seiner wahren Identität gemeldet ist, werden Werbung und Verkaufsangebote sofort effektiver, der Identitätsdiebstahl ist über Nacht ausgemerzt und das Internet erscheint mit einem Mal viel höflicher als je zuvor, da niemand mehr in einem Shitstorm seinen eigenen Namen verwenden will. Innerhalb weniger Monate verdrängt „der Circle“ alle bis dahin bestehenden sozialen Netzwerke und Suchmaschinen, bis irgendwann so gut wie 100% der Internethandlungen über „TruYou“ abgehandelt werden. Seitdem wächst „der Circle“ immer mehr und veröffentlicht in atemberaubender Geschwindigkeit Apps und Gadgets, die das soziale Netzwerk stärker, größer, sicherer und effektiver machen.

„Teilen heißt Heilen!“ ist das Motto für das neueste Gadget von „Der Circle“

Das ist das Motto, unter dem einer der drei Weisen, Eamon Bailey, das neueste Gadget des Circle vorstellt: eine murmelgroße Kamera, die für kleines Geld erhältlich und mit nahezu unbegrenzter Sendeleistung versehen ist. Diese kann, und soll von jedem Circle-Mitglied, an jedem noch so versteckten Ort der Welt angebracht werden, um auf diese Weise ein Videonetzwerk zu schaffen, das jeden Ort zu jederzeit überwachen und dokumentieren kann. „Alles was passiert, muss bekannt sein“. Dadurch sollen die Straßen sicherer und Terroranschläge verhindert werden. Wie alle Erfindungen, die der Circle auf den Markt bringt, steckt auch die Erfindung der Kleinkamera „SeeChange“ zunächst erst einmal voller Möglichkeiten. Dies ist erst der Anfang des weltweiten Aufrufes des Circle zur Totalüberwachung der USA, und schließlich der ganzen Welt.

Dave Eggers zeichnet eine Zukunft, in der das Sozialleben im Cyperspace als unmittelbare soziale Verpflichtung wahrgenommen wird

Wir folgen Mae auf ihrer Reise ganz von Anfang an: wie sie sich aus dem äußeren Kreis der Mitarbeiter immer weiter nach innen arbeitet. So bekommt man als Leser hautnah mit, was die Protagonistin erfährt und wie sich ihre Persönlichkeit auf dieser Reise verändert. Was klein beginnt, wird im Verlauf dieses Romans immer größer und symbolisiert dabei das unaufhaltsame Wachstum der modernen Technik.

Dave Eggers zeichnet in diesem dystopischen Roman, der gar nicht so wirklich dystopisch ist, eine Zukunft, in der die Kommunikation über soziale Medien nicht nur wünschenswert, sondern sogar elementar für das (soziale) Überleben ist. Meiner Meinung nach, ist ihm damit ein Geniestreich gelungen. Natürlich sind die Vorteile, die unsere Kommunikationstechnik in den letzten Jahren hervorgebracht hat, nicht von der der Hand zu weisen: Die Informationsbreite wurde dichter und schneller, es ist leichter mit Menschen in Kontakt zu treten und diesen Kontakt auch zu halten. Doch ist das alles wirklich ein Gewinn? Ersetzt uns eine Buddyliste von 1.500 Followern wirklich das persönliche Gespräch mit einem einzelnen Freund? Ist es wichtig, über alles und jeden auf der Welt sofort Bescheid zu wissen? Warum fünf Minuten miteinander reden, wenn man auch alles in 5 Stunden Schreiben auf WhatsApp klären kann?

Wie oft beschäftigen wir uns mehr mit unserem Smartphone als mit unserer Umgebung?

Dave Eggers gelingt es in „Der Circle“ sehr gut, die Dialektik des Hin- und Hergerissenseins zwischen dem Erleben der Realität und dem Posten derselbigen in sozialen Netzwerken, anhand der Erfahrungen von Mae unglaublich lebensnah und fast schon bedrückend darzustellen. Das Buch „der Circle“ kann einem bei der Beantwortung der genannten Fragen nicht helfen, aber es kann einen dazu anregen, sich mit dem eigenen Socialmediakonsum aktiv auseinanderzusetzen.

Muss man sich nicht vielleicht sogar oft genug an die eigene Nase fassen, wenn man viel mehr damit beschäftigt ist, die Realität auf Facebook hochzuladen, statt sie direkt zu erleben und genießen? Wie oft sehen wir Menschen irgendwo sitzen, die sich mehr mit ihrem Smartphone, als mit ihrer Umgebung beschäftigen? Wie oft tut tun wir es selbst?

Ich würde jedem empfehlen, dieses Buch zu lesen!

Fazit: Ich würde jedem empfehlen, dieses Buch zu lesen. Der einzige Grund, warum Dave Eggers von mir an dieser Stelle „nur“ vier von fünf möglichen Blu(h)men bekommt, ist der, dass ich zu Protagonistin Mae nie den direkten Zugang gefunden habe, ja, sie sogar schon an vielen Stellen unsympathisch fand. Ich bin der absoluten Überzeugung, dass genau diese Reaktion von Dave Eggers gewollt war, aber dennoch: Unsympathisch bleibt unsympathisch!

Emma Watson wird diesen Film zu etwas ganz Besonderem machen!

Gespannt bin ich hingegen sehr darauf, wie meine Reaktion auf den Film sein wird. Emma Watson KANN meiner Meinung nach überhaupt nicht unsympathisch rüberkommen. Vielleicht wird der Film, der am 7. September in die Kinos kommt, die absolut lesenswerte und wichtige Buchvorlage noch übertrumpfen. Und mal ehrlich: Es gibt Schlimmeres, als sich 110 Minuten die gewiss großartige Arbeit von Tom Hanks und Emma Watson anzusehen!

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

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Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
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