Sofia Lundberg: Das rote Adressbuch. Buchtipp | BUCHSZENE

Home >> Buchempfehlungen >> Belletristik >> Romane und Erzählungen >>

Sofia Lundbergs „Das rote Adressbuch” – ein mitreißendes Debüt, gelesen von Frau Bluhm

Das rote Adressbuch Sofia Lundberg

Foto © Miiisha shutterstock-ID: 3044473

22. August 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Vielleicht sollten wir innehalten und wieder etwas mehr auf unsere Alten schauen?, fragt sich Frau Bluhm nach der Lektüre von Sofia Lundbergs einfühlsamem Debütroman „Das rote Adressbuch“.


Frau Bluhm liest: „Das rote Adressbuch“ 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Die Heldin von Sofia Lundbergs „Das rote Adressbuch“ ist 98 Jahre alt

Stolze 98 Jahre alt ist die weitgereiste Doris Alm aus Sofia Lundbergs „Das rote Adressbuch“, als sie allein in ihrer Wohnung stürzt und ins Krankenhaus kommt. Für Doris ist ganz klar, dass sich ihr Leben dem Ende zuneigt. Deshalb hat sie schon vor einiger Zeit begonnen, ihr turbulentes Leben aufzuschreiben – für ihre Großnichte Jenny. Als Jenny nun aus ihrer Heimat USA ans Krankenbett der Tante in Stockholm kommt, nimmt sie den verzweifelten Kampf um Doris‘ Leben auf und beginnt parallel dazu, anhand der Aufzeichnungen der Tante, selbiges immer besser zu verstehen.

Es ist ein erstaunliches Leben, in das uns die betagte Doris eintauchen lässt

Das rote Adressbuch hat Doris im Alter von zehn Jahren von ihrem Vater geschenkt bekommen. Es wird sie ihr ganzes Leben begleiten und in diesem Adressbuch wird Doris alle Menschen festhalten, die ihr im Laufe ihrer Reise der Zeit begegnen. Einige sind wichtig, andere eher Randgestalten, aber heute, wenn Doris als 98-Jährige auf ihr kleines Büchlein blickt, gilt für fast jeden Namen, der darin notiert ist, das Gleiche: Der Träger ist tot, sein Name ausgestrichen. Gemeinsam mit Doris und ihrer Nichte Jenny reisen wir als Leser durch ein langes und bewegtes Leben, das seine Heldin vom Schweden der 1920er Jahre nach Paris, über New York und England schließlich wieder in die Heimat zurückführt. Wir treffen verschiedene Personen, die im roten Adressbuch verewigt wurden und erleben, wie Doris durch diese Personen geprägt wurde und wie deren Leben sich durch Doris‘ Anwesenheit verändert hat.

Sofia Lundberg schildert sehr gut die Gefühle der beiden Frauen

Es ist eine spannende und teils tragische Reise, die beginnt, als die erst 13 Jahre alte Doris zum ersten Mal von zuhause wegmuss. Sofia Lundberg gelingt es sehr gut, die Gedanken und Gefühle der beiden Frauen zu schildern und aus der Perspektive eines alten und eines jungen Menschen an das Thema „Sterblichkeit“ heranzuführen. Die Autorin, die für den Roman von ihrer eigenen Tante Doris inspiriert wurde, schafft dabei einen einfühlsamen Spagat aus herzerwärmender, liebevoller Schreibart und spannender Handlung. Ihre eigene Tante Doris hatte zwar kein so bewegtes Leben wie die Titelfigur von Sofia Lundbergs Debütroman, aber dennoch ist es ihr hervorragend gelungen, gerade so viel Gefühl in die Handlung zu legen, dass man sie für eine reale Geschichte hält. Sie schildert das Innenleben beider Frauen so authentisch und empathisch, dass man unweigerlich beginnt, sich mit beiden Frauen zu identifizieren und um ihr Schicksal zu bangen. Eine großartige Leistung, die mich des Öfteren beim Lesen zu Tränen rührte.

Wir sollten vielleicht wieder mehr auf unsere älteren Mitmenschen hören

Mir ist auch bewusst geworden, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft viel zu sehr auf Fortschritt und Weiterkommen bedacht sind; dass wir viel zu selten innehalten, um uns mit der Vergangenheit zu befassen; dass wir die Lebenserfahrung älterer Mitmenschen, und vor allem jene der eigenen Familienmitglieder, oftmals gar nicht genug schätzen; und dass wir aufgehört haben, wichtige Fragen zu stellen. Ich glaube, Sofia Lundberg hat mit „Das rote Adressbuch“ ein wenig dazu beigetragen, dass die ein oder andere Oma, Tante, oder Urgroßmutter vielleicht mal wieder ein wenig öfter angerufen wird.

„Das rote Adressbuch“ ist eine Lektüre für Mütter, Töchter und Großmütter

Jedenfalls hat sie mit ihrem Debüt ein Buch für Mütter, Töchter und Großmütter geschrieben. Ein Buch über die Vergänglichkeit, über das Loslassen und über das Ende eines Lebenswegs. Und genau so ist es auch ein Buch über Chancen, Mut und Liebe. Ich habe mich sehr wohlgefühlt mit Doris und Jenny, und ich bin mir sicher, dass es vielen Menschen ebenso ergehen wird. Deswegen bekommt Sofia Lundbergs „Das rote Adressbuch“ von mir 5 Blu(h)men.

Share this post:
Share this post:
Mehr zur Rubrik
Eine Mutter, eine Tochter und ein langer Sommer
Beate Teresa Hanikas „Vom Ende eines langen Sommers” ist ein Mutter-Tochter-Roman, der ans Herz geht
Titelbild Vom Ende eines langen Sommers - Beate Teresa Hanika

Familienromane Frau Bluhm liest Slider posts | 11. September 2018 | Von Frau Bluhm

Die Beziehung zwischen Marielle, 40, zu ihrer Mutter war nie gut. Doch nach dem Tod der Mama, erreicht Marielle in Paket, das vieles verändert. Beate Teresa Hanikas „Vom Ende eines langen Sommers“.

Der Killer arbeitet an einer Galerie der Toten
Chris Carters Thriller „Blutrausch” ist gruselig und genial wie ein guter Horrorfilm
Titelbild Blutrausch - Chris Carter

Frau Bluhm liest | 6. September 2018 | Von Frau Bluhm

Ein Mörder, der an einer Galerie der Toten arbeitet. Tatorte, die über die gesamten USA verstreut sind. Chris Carters „Blutrausch“ ist der neunte Band der Serie um den Psychologen Robert Hunter.

Mit Wladimir Kaminer auf hoher See
Wladimir Kaminers Roman „Die Kreuzfahrer“ – kritisch gelesen von unserer Kolumnistin Frau Bluhm
Titelbild Die Kreuzfahrer Wladimir Kaminer

Frau Bluhm liest | 28. August 2018 | Von Frau Bluhm

Frau Bluhm liest Wladimir Kaminers „Die Kreuzfahrer“ und muss sehr oft lachen. Auch erkennt sie vieles wieder, was sie selbst auf einer Kreuzfahrt erlebte. Aber sie übt auch Kritik. Hier ist ihre Kolumne.

Zwei Frauen brechen aus und entdecken sich neu
Marc Levys Roman „Eine andere Vorstellung vom Glück“ – gelesen von Frau Bluhm
Eine andere Vorstellung vom Glück von Marc Levy

Familienromane Frau Bluhm liest Literaturverfilmungen | 17. August 2018 | Von Frau Bluhm

In Marc Levys „Eine andere Vorstellung vom Glück“ bricht Agatha aus dem Gefängnis aus und trifft auf Milly, die in ihrem eintönigen Leben versauerte. Der Beginn eines Roadtrips ins pralle Leben.


Mit der Nutzung von BUCHSZENE.DE erklären Sie sich damit einverstanden, dass unser Internetauftritt und unsere Tools/Plugins Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.