Christoph Poschenrieder: Ich denke lange nach und schreibe schnell

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Christoph Poschenrieder: Ich denke lange nach und schreibe schnell

14. Dezember 2015 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Christoph Poschenrieder im Interview: Über das Schreiben, den Tod und seinen mit feinem Witz erzählten Roman „Mauersegler“

Herr Poschenrieder, in Ihrem Roman „Mausersegler“, über eine skurrile Altmänner-WG in einer eleganten Villa, geht Ihr Erzähler mit seiner eigenen Generation hart ins Gericht: Männer seines Alters hätten so einiges „verbockt“ in Sachen Umweltschutz, Atomkraft und Klima, sagt er. Sehen Sie die Generation der 68er persönlich auch so kritisch?

Die sind eigentlich eher die Vor-68er; die, die sich von der Generation ihrer Eltern nicht wirklich abgrenzen. Jene, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen, mit aufbauen, Motoren und Profiteure des „Wirtschaftswunders“ sind. Nachher kann man leicht schlauer sein: das sollte man bei aller kritischen Rückbetrachtung nie vergessen, deswegen halte ich mich da zurück und warte, was die nachfolgenden Generationen uns vorhalten.

Je tiefer man in Ihre mit großer Eleganz und leisem, feinem Witz erzählte Geschichte eintaucht, umso finsterer werden Humor und Generationskritik. Wurden Sie von Lesern der beschriebenen Altersgruppe attackiert?

Überhaupt nicht. Ich hatte sowas – also eher Kritik, nicht „Attacken“ – erwartet, es kam und kommt, auf Lesungen etwa, aber selten. Die Alten haben sich mit dem Thema schon beschäftigt, das ist gewiss kein Tabu mehr für sie. Ich glaube auch, dass ältere Menschen in vielen Dingen wesentlich gelassener sind, die Themen Tod und Sterben dürften dazu gehören. Gelegentlich höre ich, dass der eine oder andere auch schon an die Gründung einer Alten-WG gedacht hat, andere finden die Darstellung der Lebens- und Gedankenwelt von alten Menschen gut getroffen – bemerkenswert von einem Autor, der „erst“ 51 ist. Da muss ich immer ein bisschen lachen. Etwas Einfühlungsvermögen wird man von einem Schriftsteller schon erwarten können, oder?

Absolut. Ihr Werk ist gespickt mit teils in Nebensätzen verborgenen Andeutungen, Gedanken- und Wortspielen, scharfsinnigen Beobachtungen. Wie entstehen Ihre Sätze und Kapitel? Ist es ein mühsamer Prozess des Ent- und Verwerfens oder schreiben Sie die erste Version eines Kapitels relativ locker hin? Bitte gewähren Sie uns ein wenig Einblick in Ihren Schreibprozess.

Ich denke lange nach und schreibe schnell. Wenn es mühsam wird, mache ich lieber Pause, geh spazieren. Oder tu sonst irgendetwas. Abgesehen davon kann ich wenig zum „Schreib-Prozess“ sagen; ich empfinde das auch nicht Prozess – was ja Voranschreiten bedeutet – das geht so intuitiv dahin. Außerdem arbeite ich meistens an vielen Stellen gleichzeitig, springe von Baustelle zu Baustelle. Ich sehe meine Sätze auf dem Bildschirm oder dem Papier auch zum ersten Mal: dann entscheide ich, ob’s gut ist oder nicht. Da muss ich ab und zu auch einen Tag warten. Streichen macht mir nichts aus, ich kann mich von allem trennen, weil ich einfach so ein Grundvertrauen habe, dass mir wieder etwas einfallen wird – vielleicht sogar Besseres …

Am Ende des Romans geht es auch um Depression und die Angst vor dem Tod. Sie schildern das sehr glaubwürdig. Wie halten Sie es damit?

Ich würde mir die Gelassenheit meiner Protagonisten wünschen. Aber wie es dann wirklich sein wird … keine Ahnung, keine Prognosen. Fürs erste hole ich mir den Trost, wenn er mal nötig ist, bei Schopenhauer, meinem Hausphilosophen. Das ist ja auch im Roman zitiert: Wenn man sich keine Sorgen macht, was und wo man vor seiner Geburt gewesen ist, dann braucht man sich auch keine Sorgen um das danach, nach dem Tod, zu machen. Finde ich plausibel.

Die letzten beiden Überlebenden der WG sind der Theaterregisseur und der Journalist. Den Juristen, den Computerexperten und den Lebensmittelfachmann lassen Sie vorher – auf schräge, tragisch-komische Weise – aus dem Leben scheiden. Gehen wir zu weit, wenn wir sagen, dass Sie hier den Traum, den viele Kulturschaffende träumen, andeuten – dass am Ende vor allem die Kultur überlebt, überleben muss?

Interessante Interpretation, hatte ich so nicht beabsichtigt. Schön wär’s, denn wenn es hart auf hart geht, dann springt die Kultur, weil nicht lebensnotwendiger Luxus, als erste über die Klinge. Ist es vielleicht eher das gemütliche und entspannte Leben eines Kulturschaffenden, das ein langes und gesundes Leben ermöglicht? – Das war ein Scherz.

Warum schreiben Sie?

Weil es mir Spaß macht.

Welches Buch, das nicht von Ihnen stammt, werden Sie demnächst verschenken und warum?

Sofern keine bekannten Gegenanzeigen beim Beschenkten bestehen, verschenke ich nur Bücher, die ich selber mag. Meine eigenen eher nicht, das finde ich irgendwie aufdringlich. Ich weiß, Weihnachten steht vor der Tür, aber ich habe mir noch keine Gedanken gemacht. Ich geh in eine gute Buchhandlung, dann werde ich schon was finden.

Christoph Poschenrieder

Geboren 1964 bei Boston, debütierte Christoph Poschenrieder 2010 als Schriftsteller. Sein erster Roman „Die Welt ist im Kopf“ mit dem jungen Schopenhauer als Hauptfigur erhielt hymnische Besprechungen und war auch…
Zur Biografie von Christoph Poschenrieder

Christoph Poschenrieder

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