Michelle Obama: Becoming – Meine Geschichte | BUCHSZENE

Sie kommt aus einfachen Verhältnissen und wird zur ersten schwarzen First Lady der USA. In ihrer Biographie „Becoming“ erzählt Michelle Obama sehr intim die unglaubliche Geschichte ihres Aufstiegs.

Michelle Obamas Autobiographie „Becoming – Meine Geschichte“ im Bestseller-Check von Jörg Steinleitner

27. Dezember 2018 | Jörg Steinleitner

Becoming Meine Geschichte

Michelle Obama

Becoming Meine Geschichte

ISBN 978-3-442-31487-4

544 Seiten | € 26,00

Goldmann

Romantik (4/5)

Komik (3/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (3/5)

Unterhaltung (4/5)

 

Becoming Meine Geschichte

© Andrea Izzotti shutterstock-ID:147037244

Michelle Obama ist die Ur-Urenkelin des Sklaven Jim Robinson

Wie unglaublich Michelle Obamas Lebensgeschichte ist, zeigt bereits ein Blick auf ihre Vorfahren: Die Frau des letzten US-Präsidenten ist eine Ur-Urenkelin des Sklaven Jim Robinson, der vor rund 150 Jahren irgendwo in einem namenlosen Grab verscharrt wurde. Dass es möglich ist, aus diesen Verhältnissen zur ersten schwarzen First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden, zeigt den Grundtenor von „Becoming – Meine Geschichte“: Michelle Obama erzählt ihr Leben als Geschichte eines Aufstiegs, der sogar ihre eigene Vorstellungskraft immer wieder übersteigt.

Sie wuchs auf in einfachen Verhältnissen und mit krankem Vater

„Ich bin mit einem schwerbehinderten Vater in einem zu kleinen Haus aufgewachsen, mit wenig Geld, in einem Viertel, das am Rande des Niedergangs stand, aber ich bin auch von Liebe und Musik umgeben in einer vielfältigen Stadt aufgewachsen, in einem Land, in dem man es mit Bildung sehr weit bringen kann.“ In diesem Satz, den Michelle Obama auf einer der hinteren Seiten von „Becoming – Meine Geschichte“ schreibt, steckt alles drin, was eine Autobiographie ausmachen kann, die Menschen Mut schenkt: die einfache Herkunft, die Erziehung zu Werten und Kultur, und die große Bedeutung von Bildung.

Michelle Obama & Barack – das ist auch eine romantische Liebesgeschichte

Neben ihrem unbezähmbaren Optimismus und ihrer starken Familienbindung ist das Streben nach Bildung das Motiv, das Michelle Obamas Leben am meisten prägt. Schon sehr früh ist dem Mädchen aus Chicago bewusst, dass es sich als Frau und Schwarze mehr anstrengen muss als andere, um weiterzukommen im Leben. Tatsächlich ergattert sie einen Jurastudienplatz an einer der besten Universitäten Amerikas. Dies, obwohl ihr in einem Auswahlgespräch gesagt wird, dass sie eher kein „Princeton-Material“ sei. Solche niederschmetternden Beleidigungen muss man erst einmal wegstecken; und sie erklären vielleicht auch ein wenig die mitunter kurios wirkende Streberhaftigkeit, mit der Michelle Obama durchs Leben zieht. Sie verlangt sich viel ab, denn sie fühlt sich ihren Eltern verpflichtet, besonders dem Vater, der sich trotz schwerer Krankheit bis zuletzt an seinen Arbeitsplatz schleppte und viel zu jung starb. Aber nur durch übergroßen Einsatz sieht Michelle Obama eine Chance für sich. Nach ihrem Studium an der Elite-Universität wird sie Anwältin. Und dann geschieht etwas Heiteres, Überraschendes in ihrem Leben: In der Kanzlei erteilt man ihr den Auftrag, sich um einen langen, dünnen, aber anscheinend ziemlich talentierten Jurastudenten zu kümmern. Der Sommerpraktikant heißt Barack Obama. Und zum Kennenlerntermin in der Kanzlei kommt er zu spät.

Barack Obama eilte der Ruf eines Wunderknaben voraus

Es ist witzig, wie Michelle Obama von dieser ersten Begegnung erzählt. Überhaupt zeigt sie an vielen Stellen ihrer Autobiographie Sinn für Humor. Aber zurück zu ihrer ersten Begegnung mit Barack Obama: „Er grinste verlegen, entschuldigte sich für die Verspätung und schüttelte mir die Hand. Sein Lächeln war breit, außerdem war er größer und dünner, als ich ihn mir vorgestellt hatte – offensichtlich kein guter Esser und überhaupt nicht daran gewöhnt, so förmliche Kleidung zu tragen. Falls er wusste, dass ihm der Ruf eines Wunderknaben vorauseilte, so ließ er es sich nicht anmerken.“

Bereits als Student versuchte Barack Obama die Welt verbessern

Der Wunderknabe bringt ein wenig Chaos und völlig neue Inhalte in Michelle Obamas Leben. Denn bereits damals interessiert er sich – anders als die meisten seiner Juristenkollegen – weniger fürs Geldverdienen, als vielmehr dafür, wie man die Welt verbessern kann. Als Michelle Obama ihn kennenlernt, hat er sich schon eine Weile lang im „grassroots organizing“ engagiert und sich im Rahmen seiner damals noch kleinen Möglichkeiten dafür eingesetzt, die Lebensbedingungen der Amerikaner zu verbessern. Sollte heute noch irgendjemand daran zweifeln, dass es sich bei Barack Obama um einen ziemlich außergewöhnlichen Menschen handelt und garantiert eine der wenigen Personen, denen man das mächtige Amt eines US-Präsidenten anvertrauen kann, dann sollten diese Zweifel durch Michelle Obamas Erzählungen beseitigt sein. Obwohl Michelle Obama in ihm von Anfang an keinen potentiellen Partner sieht – und dies nicht nur, weil er Raucher ist (!) – werden die beiden ein Liebespaar.

„Becoming“ gibt uns das Gefühl, den Obamas ganz nah zu sein

Es ist die Kunst von „Becoming – Meine Geschichte“, uns das Gefühl zu geben, ganz nah dabei zu sein, wie diese besondere Liebesbeziehung, der noch so viele schwere Stunden bevorstehen, entsteht. Nach einem Barbecue für Kanzleimitglieder ist es soweit: „Neugierig und mit der Spur eines Lächelns sah er mich an. ‚Kann ich dich küssen?‘, fragte er. Kaum hatte er das gesagt, lehnte ich mich zu ihm hin. Und auf einmal war alles klar.“ Aber es sind nicht nur diese intimen Momente, die berühren. Auch die politischen Dramen, die eine First Family durchlebt, machen Michelle Obamas „Becoming – Meine Geschichte“ zu einer fesselnden Lektüre.

Auch US-Präsidenten haben Probleme mit dem Kinderkriegen und der Ehe

Es ist faszinierend, wie Michelle Obama das komplizierte Leben im Weißen Haus erzählt; etwa wie schwierig es ist, seinen Kindern dort ein einigermaßen normales Leben zu ermöglichen, sie trotz aller Attentatsgefahren und des Bewachungsirrsinns des Secret Service zu bodenständigen Menschen zu erziehen. Es berührt mitzuerleben, wie auch die mächtigste Familie der Welt mit Schwierigkeiten beim Kinderkriegen, Eheproblemen und beruflichen Krisen ringt. Es ist beeindruckend zu erfahren, wie herzlos, erschöpfend und brutal Wahlkämpfe sein können und wie ein Amt wie das des amerikanischen Präsidenten eine ganze Familie zu Gefangenen eines gigantischen Sicherheitsapparats, zu Gefangenen im eigenen (Weißen) Haus macht.

Nur gegen einen politischen Gegner zieht Michelle Obama vom Leder

Die Bescheidenheit, mit der Michelle Obama sich in all den Situationen darstellt, wirkt glaubwürdig. Meist bleibt sie bei ihren Beschreibungen, auch gegenüber politischen Konkurrenten, diplomatisch – etwa gegenüber Hillary Clinton, der Gegenkandidatin bei Barrack Obamas erster Präsidentschaftswahl. Eigentlich über alle politischen Gegner lässt sie sich sachlich aus. Nur einen gibt es, dessen Art sie an wenigen Stellen von „Becoming – Meine Geschichte“ deutlich kritisiert. Es ist Donald Trump. Sie betrachtet den amtierenden US-Präsidenten als Bedrohung für ihr Vermächtnis als erste schwarze First Family der USA. Denn eines von Michelle Obamas ganz großen Anliegen war und ist es, schwarzen Kindern, vor allem Mädchen, aber auch Außenseitern und Benachteiligten Mut zu machen: Schaut euch an, wo ich herkomme und wie weit ich kommen konnte, weil ich immer an mich geglaubt, mich angestrengt und mich um ein menschliches, gerechtes Verhalten bemüht habe. Das könnt ihr auch schaffen! Diese Botschaft hält „Becoming – Meine Geschichte“ in starken Bildern, authentischen Familienfotos und eindringlichen Geschichten fest. Und gleichzeitig teilt sie mit uns die erschreckende Erkenntnis, dass ein einziger irrlichternder US-Präsident ausreicht, um die Errungenschaften der Obama-Jahre – etwa das Atomabkommen mit Iran, der Klimavertrag von Paris, die Freihandelsvereinbarungen mit Asien – wieder zu vernichten.

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