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Frau Borghoff, Ihr Hörbuch richtet sich vor allem an hochsensible Mütter. Woran erkenne ich, ob ich eine hochsensible Mutter bin?
Die wissenschaftlich fundierte und vermutlich „sicherste“ Variante ist es, den offiziellen Selbsttest zur Veranlagung zu machen. Dieser ist entwickelt worden von der Psychologin und Pionierin für Hochsensibilität, Elaine Aron. Er umfasst 27 Fragen und dient der Selbsteinschätzung. Er ist in englischer Sprache frei verfügbar auf www.hsperson.com. In meinem Hörbuch „Hochsensibel Mama sein“ biete ich aber auch eine Variante an, die der Überprüfung dient.
Worum geht es in dem Test?
Der Test beinhaltet Fragen dazu, wie ich mich in meinem Alltag und in meinem eigenen Körper fühle – beispielsweise, wie ich reagiere, wenn ich mich (von anderen) unter Druck gesetzt fühle, viele Dinge in kurzer Zeit erledigen zu müssen oder wenn viele Reize auf mich einprasseln.
Kann ich auch ohne Test herausfinden, ob ich eine hochsensible Mama bin?
Ich erkenne eine Hochsensibilität auch, indem ich mich selbst dabei beobachte, wie schnell ich mit vermeintlichen Kleinigkeiten überfordert bin, oder ob ich mich in Gesellschaft anderer Menschen wohl oder eher schnell überreizt fühle. Ein Hinweis auf Hochsensibilität kann es auch sein, dass mir Gespräche und Erlebnisse lange nachhallen und ich schnell zu überbordenden Gefühle neige. Außerdem lieben hochsensible Menschen es, sich in Themen, Recherchen, Kunst, Musik oder eben jenen Dingen, für die sie sich interessieren, regelrecht zu versinken. Sie fordern die Vielbegabung ihres Gehirns dann heraus, indem sie sich tiefgründig und intensiv damit auseinandersetzen und schnell zur Expertin hierfür werden.
In Ihrem Hörbuch erklären Sie, dass es auch Merkmale gibt, die durch die wesentlichen Eigenschaften bedingt werden.
Ja. Dazu gehört unter anderem das Gefühl, sich nirgendwo wirklich einfügen zu können und irgendwie immer anders zu sein. Der Familienalltag wird als überaus anstrengend und herausfordernd wahrgenommen und ständig beschleicht diese Mütter das Gefühl, es einfach falsch zu machen und regelrecht zu blöd zu sein, um ein Kind groß zu bekommen. Sie leiden regelrecht unter einem lauten inneren Kritiker, der ihnen dauernd das Gefühl gibt, sich einfach nur mehr anstrengen und ein bisschen zusammenreißen zu müssen, um in der Gesellschaft endlich Fuß zu fassen. Doch das ist schlicht nicht möglich. Nicht, ohne die eigene Persönlichkeit zu vernachlässigen.
An einer Stelle Ihres Hörbuchs erzählen Sie, wie Sie eine scheinbar perfekte Mutter im Supermarkt beobachten und – nachdem Sie sich mit ihr verglichen haben – kommen Sie zu dem Fazit: „Ich dachte, ein Kind zu haben sei das Einfachste auf der Welt. Doch es ist die schwierigste Herausforderung, der ich mich jemals gestellt habe.“ Was ist so schwierig am Kinderhaben?
Naja, am Kinderhaben selbst ist nichts schwierig – eigentlich ist es ja nun mal tatsächlich das Allerschönste, was es gibt, das Leben mit einem Kind zu verbringen. Aber am Ende ist das für hochsensible Mütter nur die halbe Wahrheit. Denn genau so sehr, wie sie ihre Kinder genießen und überbordende Liebe für sie empfinden, erschöpfen sie eben auch am Alltag mit ihnen. Und mir ging es damals keineswegs anders. Auf der einen Seite konnte ich es an einem ganz normalen Tag kaum aushalten und habe die Stunden gezählt, bis mein Mann von der Arbeit kam, um mich zu entlasten, auf der anderen Seite habe ich darüber getrauert, dass die Kinder so schnell groß werden, und ich die Zeit mit ihnen gar nicht wirklich genießen, sondern eigentlich nur überleben kann.
Das beschreibt den Alltag als hochsensible Mutter sehr gut.
Auf der einen Seite sehnen wir uns nach Zeiten ohne Kinder, nach wachsender Selbstbestimmung für uns und Selbstständigkeit für sie, auf der anderen Seite empfinden wir Schuld und Scham dafür, die Zeit mit ihnen nicht in vollen Zügen genießen zu können. Das wiederum macht ein schlechtes Gewissen, das lähmt – und der Teufelskreis ist perfekt.
Warum ist der Alltag mit einem oder mehreren Kindern für Hochsensible so anstrengend?
Wir sind ständigen Geräuschen und Reizen ausgesetzt, ohne eine Aussicht auf Erholung und die Möglichkeit des Stressabbaus. Ein Kind ist 24/7 – und wir dadurch 24/7 fremdbestimmt. Unser Gehirn nimmt permanent auf und kann kaum etwas filtern, die Verarbeitungslast ist enorm – und doch langweilen wir uns schier zu Tode.
Wie geht das zusammen?
Ganz einfach, weil wir zwar gefordert und im Stress sind, aber mit schnellen, kleinen Reizen und davon einer ganzen Vielzahl. Tatsächlich ist ein hochsensibles Gehirn aber auf Verarbeitungstiefe ausgelegt. Darum ermüden wir weniger schnell an einem Arbeitstag mit Herausforderungen, die uns vielleicht sogar noch Spaß machen, als an einem Tag mit einem Baby.
Nun lassen Sie uns bitte zu den Lösungen kommen, die hochsensiblen Mamas helfen, den nicht ganz einfache Alltag so zu meistern, dass es beiden gut geht – Müttern und Kindern. Der erste Schritt in ein gelasseneres Leben sei es, sagen Sie, sich einzugestehen, dass unser Gehirn ist, wie es ist, und dass wir an seiner speziellen Funktionsweise und Tätigkeit nichts verändern können. Wie meinen Sie das?
Ich bin ein Freund davon, die Dinge beim Namen zu nennen. Und an der genetischen Disposition eines Gehirns können wir eben nichts verändern. Genau aus dem Grund empfehle ich, nicht alle Energie dafür aufzuwenden, sie loswerden zu wollen oder sich dagegen zu stellen. Es ist unglaublich befreiend, sich selbst so anzunehmen, wie man eben ist. Und dieser erste Schritt ist vermutlich auch der schwierigste – denn, genau wie ich es im Hörbuch sage: Wie tröstend kann es schon sein, zu erfahren, dass man das, was man an sich selbst am wenigsten liebt, nicht mehr ablegen kann?
Wohl eher gar nicht.
Dennoch ist unser Gehirn eben wie es ist und ich darf mich dieser Funktionsweise zuwenden und versuchen, das Beste daraus zu machen. Wenn ich lerne, mich selbst anzunehmen und zu akzeptieren, dann kann ich auch mit meiner Energie ganz anders umgehen. Diese Kraft kann ich beispielsweise in meine Persönlichkeitsentwicklung stecken, kann meine Entwicklungsaufgaben annehmen und Strategien in die Tat umsetzen, die meinen Alltag wirklich erleichtern. Davon gibt es jede Menge in meinem Hörbuch „Hochsensibel Mama sein“ – aber dennoch. Der erste Schritt ist, sich davon frei zu machen, dass es ein Mittel oder eine Lösung gibt, die Hochsensibilität „heilt“. Wir dürfen lernen, mit ihr zu leben.
Man wacht auf und fühlt sich sofort – angesichts der vielen Aufgaben, die auf einen warten – gestresst. Diese Situation kennen viele hochsensible Menschen. Was kann man dagegen tun?
Ich würde empfehlen, einen Moment länger liegen zu bleiben und sich selbst einen Augenblick der Achtsamkeit und Stille zu gönnen – eben weil da so viel auf einen wartet. Mit wenigen Handgriffen kann ich meinen Morgen, trotz Kindern, so gestalten, dass ich ihn als ruhig empfinde und nicht einfach nur gestresst durch den Tag wanke. Zum Beispiel, indem ich morgens nur Kerzen anzünde, anstelle von künstlichem Licht und einen Tee trinke, anstatt einen Kaffee – den hochsensible Menschen meistens sowieso nicht besonders gut vertragen. Ich kann mir selbst in Ruhe und Langsamkeit begegnen, denn an dem Stress des Tages kann ich doch meistens eh nichts ändern. Aber diese wenigen Minuten, um wenigstens nicht aufzuspringen, den Puls auf 200 zu schießen und dann nur noch hektisch durch den Tag zu rennen, die bin ich mir selbst wert.
Was können hochsensible Mütter noch unternehmen, damit es ihnen besser geht?
Ansonsten lohnt es sich, die Dinge aufzuschreiben, gute Listen zu machen und nicht alles im Kopf behalten zu wollen. Unter dieser Aufgabe ermüden Hochsensible besonders schnell. Und dann ist da noch der wertschätzende, aber eben auch wirklich ehrliche Blick auf die Aufgaben meines Tages: Erfüllt der mich wirklich mit Freude? Ist der wirklich lebenswert? Will ich wirklich so leben, so sein, mich so fühlen? Wenn nicht, dann ist es allerhöchste Zeit, etwas zu ändern.
Was sollte man zum Beispiel ändern?
Man kann Aufgaben abgeben, entweder an andere Familienmitglieder oder an externe Dienstleister und: Abgrenzung. Als Hochsensibler muss ich lernen zu verstehen, dass NICHT alles die gleiche Priorität hat und NICHT alles von mir abhängt und auch NICHT alles von mir selbst erledigt werden kann. Das ist nicht machbar. Ich darf mir die Zeiten für meine Pausen genauso in meinen Kalender schreiben, wie die vielen Termine und Aufgaben, die es zu erledigen gibt. Das ist eine wirklich gute Übung für den eigenen Selbstwert – und reduziert letztlich meinen Stress am Morgen damit immens.
In Ihrem Konzept spielt die Achtsamkeit eine wichtige Rolle. Aber Sie verstehen sie nicht als reine „Gewinnerzone“, die man nur betreten muss – und schon ist man entspannt. Das mit der Achtsamkeit ist für Sie komplizierter, richtig?
Ja und nein. Eigentlich ist Achtsamkeit an sich ganz einfach. Sie ist die Schule unserer Wahrnehmung und basiert auf insgesamt sieben Säulen, wie der tiefen Dankbarkeit, der Akzeptanz und der Wertneutralität zum Beispiel. Sie selbst ist leicht, tut gut und nährt uns auf besondere Weise. Studien können belegen, dass hochsensible Menschen auf achtsamkeitsbasierte Verfahren besonders positiv anspringen – gerade im Bereich Therapie und Coaching ein ganz besonderer Gewinn! Und dennoch fällt es uns so unglaublich schwer, dorthin zu kommen. Der laute Verstand des hochsensiblen Menschen findet ständig etwas zu meckern. Nicht selten höre ich von Hochsensiblen zum Beispiel, dass sie „gar nicht meditieren können“ – dabei hat das mit Können gar nichts zu tun. Man meditiert eben einfach. Aber wir erwarten, dann nichts mehr zu denken und uns anschließend total erholt und „Zen“ zu fühlen. Dass Achtsamkeit aber eine Übung ist, die manchmal Zeit in Anspruch nimmt und ihre volle Kraft erst nach einer Weile entfaltet, fällt dabei manchmal unter den Tisch.
Was kann hochsensiblen Müttern Achtsamkeit bringen?
Wenn ich Achtsamkeit als hochsensibler Mensch in meinen Alltag integriere, werden mir die täglichen Aufgaben bald sehr viel leichter von der Hand gehen. Es stellt sich Gelassenheit ein und ich steige schon nach kurzer Zeit viel schneller und mit viel weniger Aufwand in meine persönliche Ruhe ein. So kann ich Krisen eher abwenden, meine Lage viel wertfreier betrachten, kann mich selber positiv auf ein besseres, gelasseneres Leben konditionieren.
Wo aber soll die gestresste Mutter hin mit ihrer Wut, ihrer Traurigkeit, ihren Ängsten?
Na, in die Achtsamkeit! Tatsächlich sind Gefühle eben erst einmal einfach Gefühle. Und sie haben alle ihre Berechtigung. Sich als hochsensibler Mensch bestimmte Emotionen oder Gefühle abtrainieren zu wollen, ist schier unmöglich. Schließlich fühlen wir eben ALLES stärker – auch die vermeintlich negativen Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst. Mit dem ständigen Suchen nach Lösungen und dem „loswerden wollen“ aber, verlernen wir tatsächlich den Umgang mit ihnen. Achtsamkeit hingegen lehrt uns, dass sie alle erst einmal gleich sind. Und weder gut oder schlecht – einfach Gefühle. Wo sich Hochsensible ihr ganzes Leben lang danach gesehnt haben, einfach anzunehmen, finden sie nun wahre Gelassenheit: Im Spürendürfen, im Ankommen, in dem Wissen, dass alles sein darf und muss. Schritt zwei ist dann der Umgang mit ihnen.
Ein toller Satz, den Sie in diesem Zusammenhang formulieren, ist folgender: „Gefühle herauszulassen ist etwas anderes, als sie an jemandem auszulassen.“ Können Sie das noch ein wenig präzisieren?
Nehmen wir hierfür das Beispiel der Wut. Wut ist reine Energie, treibt uns an, macht uns laut, sorgt dafür, dass wir buchstäblich aufspringen, losrennen. Klar, in den meisten Situationen, so sie denn mit unseren Kindern zusammenhängen, wollen wir sie gern unterdrücken. Wir wollen alle das Beste für unsere Kinder – sie wütend anzuschreien gehört leider nicht dazu. Und da liegt der Hund begraben: Denn in dem verzweifelten Versuch, meine Gefühle nicht herauszulassen, damit mein Kind am besten nichts davon mitbekommt, verdrängen wir sie, schieben sie beiseite, sind weder authentisch noch am Ende entspannt.
Was passiert stattdessen?
Viel eher bauen sich die Gefühle auf, werden nur ein wenig verlagert, melden sich aber zu einem späteren Zeitpunkt auf jeden Fall zurück. Es ist daher unglaublich wertvoll, Gefühle in ihrer Entstehung zu begreifen, anstatt sie als Erste-Hilfe-Maßnahme einfach nur noch unterdrücken zu wollen. Auch hier das Stichwort: Achtsamkeit. Um meine Gefühle herauszulassen, zu erkennen und zu benennen, muss ich sie erst einmal kennenlernen und akzeptieren, dass sie alle ein Teil meiner hochsensiblen Persönlichkeit sind. So gelange ich dazu, mich selbst wohlwollend und wahrhaftig zu betrachten, mich und meine Grenzen zu erkennen und viel eher dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr mit der geballten Ladung raus MÜSSEN, weil ich sie so lang missachtet habe. Wenn ich meine Gefühle kennenlerne, ohne sie einfach nur weg haben zu wollen, kann ich sie genau dann herauslassen (aktive Stressbewältigung), wenn ich die Gelegenheit dazu erhalte. Im Umgang mit unserer Wut lernen wir, sie nicht mehr an jemand anderem, geschweige denn an unseren Kindern auszulassen. Aber ein Patentrezept dafür, dieses Gefühl aus der Gefühlspalette zu streichen, gibt es nicht. Und es wäre auch der falsche Weg, in meinen Augen.
Das Thema Angst nimmt einen großen Raum in Ihrem Hörbuch „Hochsensibel Mama sein“ ein. Könnten Sie bitte die verschiedenen Ängste, die hochsensible Mütter vor allem betreffen, ein wenig charakterisieren?
Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn eigentlich können hochsensible Mütter vor allem Angst haben. Das beginnt schon bei der Geburt, in den ersten Stunden mit dem Baby, umfasst jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt wie den Beginn der Bewegung, das Fahrradfahren, jede Interaktion mit anderen Menschen und auch den eigenen Alltag. Manchmal haben sie auch einfach Angst vor dem Tag als solchem. Davor, etwas falsch zu machen, nicht gut genug zu sein, etwas zu übersehen, dem Kind nicht das Gefühl zu geben, dass es geliebt ist. Gestern Nacht gab es hier einen heftigen Sturm, erst da bekam ich wieder besorgte, verängstigte Nachrichten meiner eigenen hochsensiblen Mutter, die sich nach uns erkundigte. Und ich bin erwachsen. Die hochsensible Angst kann jeder Mutter im Nacken sitzen und sich auf so ziemlich alles beziehen.
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