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Dr. Konstantin Schamber im Interview über sein Buch „Monofuturis“ und das Zusammenspiel von Mensch und Technik in der Zukunft

KI und andere technische Innovationen dringen in alle Lebensbereiche vor. Was bedeutet das für unsere Zukunft? Dr. Konstantin Schamber im Interview über sein Buch „Monofuturis“.

Beitragsbild zu Monofuturis

Herr Dr. Schamber, Ihr Buch trägt den Titel „Monofuturis“. Wofür steht dieser Begriff – und welche Diagnose unserer Gegenwart steckt darin?

„Monofuturis“ ist ein Kunstwort aus MONO, FUTURE und IRIS. Es steht für die Vereinheitlichung der Zukunft. Gemeint ist eine bemerkenswerte Tendenz des technologischen Fortschrittes: Theoretisch sind viele Zukünfte möglich, praktisch werden es immer weniger.
Setzt sich eine Technik durch, entstehen Standards, Infrastrukturen und hohe Investitionen. Ein Wechsel wird teuer. Netzwerkeffekte verstärken das. Je mehr Menschen ein technisches System nutzen, desto attraktiver wird es – und desto schwächer werden die Alternativen. So entsteht eine technologische Monokultur. Dabei setzt sich nicht unbedingt die beste Lösung durch, sondern oft die kompatibelste.
Wir feiern Vielfalt und sorgen zugleich dafür, dass Möglichkeiten zunehmend verschwinden. Brisant ist das, weil Technik längst über Teilhabe und Zugang entscheidet. Zukunft hängt daher davon ab, wer Systeme und Standards kontrolliert.

Sie haben Soziologie und Psychologie studiert, greifen für Ihr Buch aber auch auf Zukunftsforschung und Technikgeschichte zurück. Warum lässt sich das Verhältnis von Mensch, Fortschritt und Zukunft nicht aus nur einer Fachrichtung verstehen?

Technik besteht nie nur aus Schrauben, Code und Strom. Sie ist zugleich Handlung, Institution, Geschäftsmodell, Machtverhältnis und kulturelle Gewohnheit. Ein Ingenieur kann erklären, ob ein System funktioniert. Doch damit ist noch nicht geklärt, was es mit einer Gesellschaft macht, wem es nützt, wen es ausschließt und welche Abhängigkeiten es schafft.
Spezialisierung hat enorme Fortschritte ermöglicht, aber auch Wissenssilos entstehen lassen. Gerade zwischen den Disziplinen liegen oft die Risiken, die niemand erkennt, weil jeder nur seinen Ausschnitt perfekt beherrscht. Deshalb ergeben viele einzelne Fachurteile noch lange kein kluges Gesamturteil.
Wir brauchen Psychologie, Soziologie, Philosophie, Technik- und Zukunftsforschung. Denn wer nur durch ein Schlüsselloch schaut, sollte das Zimmer nicht für die ganze Welt halten.

Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasant. Worauf müssen wir uns einstellen – und was verändert KI womöglich an unserem Bild vom Menschen?

Streng genommen ist KI nicht das, als was Investoren sie verkaufen: eine nichtmenschliche Intelligenz, die unser Leben verbessert. An beiden Prämissen zweifle ich. Zum einen ist die Grundlage der KI menschlich – Daten, Wissen und Entscheidungen stammen von uns. KI kombiniert Vorhandenes, auch wenn daraus Neues in absehbarer Zukunft entstehen könnte. Und zum anderen ist Vorsicht geboten, wenn Konzerne von einer besseren Zukunft sprechen, als wüssten sie, was „besser“ bedeutet.
Spannend wird es, wenn KI Wissen erzeugt, dessen Logik wir nicht mehr verstehen. Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: wir ignorieren ihre Ergebnisse – oder wir vertrauen ihr und somit einem digitalen Orakel. Der Mensch sitzt noch im Cockpit, doch er ist Passagier, kein Fahrer mehr. Entscheidend ist nicht, ob Maschinen menschlich werden, sondern wie viel Persönlichkeit übrig bleibt, wenn wir unsere Handlung und unser Urteil delegieren.

Alle sprechen über KI. Welche anderen technischen Entwicklungen könnten unser Leben ebenso grundlegend verändern, werden aber bislang unterschätzt?

Die spektakulärste Veränderung beginnt dort, wo Technik nicht mehr vor uns steht, sondern in uns einzieht. Neuroimplantate, Körpermodifikationen und Eingriffe ins Genom verändern nicht nur unsere Werkzeuge, sondern die Grundlage des Menschen.
Schon heute verwischen Herzschrittmacher, Cochlea-Implantate und Prothesen die Grenze zwischen Natur und Technik. Der nächste Schritt wäre nicht Heilung, sondern Optimierung: mehr Leistung, Ausdauer und geistige Kapazität. Was freiwillig beginnt, kann unter wirtschaftlichem oder militärischem Druck zum Zwang werden. Wer sich nicht verbessert, verliert vielleicht nicht seine Würde, aber seinen Platz.
KI macht Schlagzeilen. Die tiefere Revolution könnte darin liegen, dass Technik zur zweiten Physiologie wird – und der Homo sapiens zum Übergangsmodell.

Wo bleibt der Mensch der Technik überlegen – und wo sollten wir uns besser keine Illusionen machen?

Bei Geschwindigkeit, Präzision und der Auswertung großer Datenmengen sollten wir uns nichts vormachen: Technische Systeme erkennen Muster, für die ein Mensch ungeeignet wäre. Sie werden nicht müde, gekränkt oder kaffeedurstig. In messbaren Aufgabenfeldern sind sie uns überlegen.
Der Mensch besitzt dafür Fähigkeiten, die nicht aus Rechenleistung entstehen: Erfahrung, Empathie, Intuition, Vertrauen und Sinn für Kontext. Er versteht Metaphern, Mehrdeutigkeit und unausgesprochene Absichten. Vor allem kann er zweifeln und Täuschung erkennen.
Maschinen können Verhalten echt nachbilden. Doch Simulation ist kein Erleben, und eine richtige Berechnung noch kein verantwortliches Urteil. Die Frage lautet daher nicht: Wer ist besser? Sondern: Welche Fähigkeit braucht der Mensch in der technologischen Zukunft?

Technik macht vieles bequemer. Wann wird Komfort zum Problem – und welche Ausweichmöglichkeiten sollten wir bewahren?

Komfort wird zum Problem, wenn eine bequeme Möglichkeit der Techniknutzung zur einzigen echten Option wird. Das geschieht selten mit Sirene, sondern leise: Wir gewöhnen uns an Navigation, digitales Bezahlen oder automatisiertes Fahren, verlieren eigene Fähigkeiten – und merken erst bei einer Störung, dass wir nicht mehr Nutzer, sondern Passagiere sind. Freiheit braucht mindestens zwei nutzbare Alternativen. Alles andere ist ein weicher Zwang – oft wirksamer, weil er wie Fortschritt aussieht.
Darum brauchen wir Reserven, unabhängige Rückfallmöglichkeiten und menschliche Fähigkeiten. Redundanz kostet. Doch ein System, das jede Reserve wegoptimiert, ist nicht elegant, sondern verwundbar.

Zukunftsprognosen klingen oft erstaunlich sicher. Was lässt sich seriös absehen – und an welchen Punkten kann alles ganz anders kommen?

Seriös vorhersagen lässt sich, dass unsere Sicherheit und Wissen begrenzt sind. Bei kurzen Zeiträumen, klaren Grenzen und wenigen Einflussfaktoren können Prognosen Orientierung geben. Je länger der Zeitraum und je komplexer die Vernetzung, desto schneller sinkt ihre Genauigkeit.
Prognosen hängen nicht nur von Daten ab, sondern auch von Fragen, Modellen und Interessen. Zudem verändern sie Verhalten: Die Warnung vor einer Krise kann sie verhindern, die Aussicht auf einen Boom ihn erst auslösen. Zukunft wartet nicht darauf, berechnet zu werden.
Gute Zukunftsforschung verspricht keine Gewissheit. Sie unterscheidet mögliche, wahrscheinliche und wünschbare Entwicklungen, legt Annahmen offen und zeigt Spielräume. Wer exakte Langfristprognosen verkauft, verkauft meist Beruhigung – oder Macht.

Technische Zukunftsbilder leben von Fortschrittsglauben, Erlösungsversprechen und Weltuntergangsängsten. Ist unser Verhältnis zur Technik rationaler, als wir gern glauben?

Wir glauben an den technologischen Fortschritt. Nicht weil wir ihn verstehen, sondern, weil wir ohne ihn nicht mehr zu hoffen wagen. Technik wird dabei mit Hoffnungen überladen. Sie soll Krankheiten besiegen, anstrengende Arbeit abschaffen, Risiken beherrschen und vielleicht sogar den Menschen überwinden. Gleichzeitig gilt sie als mögliche Ursache unseres Untergangs. Utopie und Apokalypse liegen näher beieinander, als es scheint. Beide vereinfachen eine widersprüchliche Wirklichkeit.
Das Technische wirkt objektiv, weil es Zahlen liefert. Doch Daten, Ziele und Modelle sind immer ausgewählt und somit selektiv. Hier sollte man die technische Errungenschaft mit sozialem Fortschritt nicht verwechseln. Aufklärung beginnt daher mit der Frage, warum wir so gern Verantwortung abgeben und die selbstverschuldete Unmündigkeit fördern.

Welche Rolle ordnen Sie der Politik zu und wie unterscheidet sich diese in unterschiedlichen politischen Systemen?

Politik ist der einzige Akteur, der verbindliche Regeln setzen und Verstöße sanktionieren kann. Sie erfindet keine Technik und kann nicht jede Folge vorhersehen. Aber sie muss den Rahmen schaffen, in dem Innovation der Gesellschaft dient. Zu wenige Regeln fördern Machtkonzentration und Risiken, zu starre Regeln bremsen Entwicklung und vertreiben Wissen.
Demokratien denken oft nur bis zur nächsten Wahl. Kurzfristige Erfolge, Medienlogik und Interessenkonflikte erschweren Vorsorge. Ihr Vorteil: Zukunft kann offen verhandelt werden. Autoritäre Systeme planen länger und besser, aber nicht offener. Dort wird Zukunft leicht verordnet statt diskutiert. Für alle politischen Systeme gilt aber eins: sie können das Ungewisse nicht abschaffen.

Ist die rasante Technikentwicklung gut oder schlecht für uns? Und wie ernst ist die Gefahr, dass Technik eines Tages unsere Existenz bedroht?

Jede Technik schafft Chancen und Risiken zugleich. Sie kann Gesundheit, Wohlstand und Handlungsspielräume vergrößern – aber auch Abhängigkeit, Macht und Verwundbarkeit. Fortschritt kommt selten ohne Rechnung. Er legt sie nur gern später auf den Tisch.
Die größte Gefahr muss keine böse Maschine sein. Wahrscheinlicher ist ein System, das so komplex wird, dass kleine Fehler Kettenreaktionen auslösen und niemand mehr das Ganze versteht. Militärische, biotechnologische und autonome Anwendungen verbinden Wirkung mit wenig Kontrolle. Am Ende stehen zwei Extreme: der Zusammenbruch komplexer Ordnung oder die Verbindung von Mensch und Technik, in der der Mensch zur Übergangsfigur wird. Somit ist der Preis des technologischen Fortschrittes kein geringerer als die Optimierung des Menschen.

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