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Dr. Konstantin Schamber im Interview über sein Buch „Monofuturis“ und die Chancen und Gefahren des zunehmenden Einsatzes von Technik im Alltag

Beitragsbild für das Interview über „Monofuturis“

Herr Dr. Schamber, der Untertitel Ihres Buchs lautet „Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt“. Warum kann technischer Fortschritt Vielfalt kosten?

Technischer Fortschritt kostet Vielfalt, weil jede Entscheidung Ressourcen bindet: Geld, Wissen, Infrastruktur und Ausbildung fließen in eine Richtung – und fehlen in anderen. Setzt sich eine Lösung durch, machen Standards, Netzwerkeffekte und hohe Wechselkosten sie immer stabiler. Aus einer Möglichkeit wird ein System, aus dem System eine Voraussetzung.
Das Auto zeigt das deutlich: Es hat Mobilität erweitert, aber Städte und Verkehrswege so geprägt, dass Alternativen lange verdrängt wurden. Dabei gewinnt nicht immer die beste Technik, sondern oft die, die sich gut skalieren, finanzieren und in bestehende Strukturen einfügen lässt. Verloren gehen daher nicht nur Geräte, sondern auch Fähigkeiten, Lebensweisen und Zukunftsbilder. Fortschritt öffnet Türen – und mauert manche hinter uns zu.

„Monofuturis“ blickt auch in die Vergangenheit. Technische Umbrüche gab es schon immer – was ist im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz tatsächlich neu?

Technik hat schon oft menschliche Fähigkeiten ausgelagert: Werkzeuge verstärkten den Körper, Schrift das Gedächtnis, Maschinen die Arbeit. KI greift nun nach etwas anderem: Sie erzeugt, bewertet und sortiert Wissen. Das Werkzeug liefert nicht mehr nur Mittel, sondern strukturiert Ziele und Entscheidungen vor.
Neu ist die Fremdheit ihrer Ergebnisse. KI kann zu Schlüssen kommen, deren Begründung selbst Fachleute kaum prüfen können. Je leistungsfähiger sie wird, desto größer kann die Distanz zwischen ihrem Wissen und unserem Nicht-Wissen werden.
Damit droht eine neue Realität: Die Maschine erzeugt Output, der Mensch liefert Vertrauen. Aus Beratung kann Autorität werden. Entscheidend ist, ob wir noch selbst urteilen – oder nur für Folgen haften, die wir nicht mehr verstehen.

Welche Gefahren liegen in der Technik selbst, welche entstehen erst durch ihre Nutzung – und welches Risiko unterschätzen wir derzeit am meisten?

Technische Systeme tragen Risiken bereits in ihrer Struktur: Sie können fehlerhaft, undurchsichtig und eng vernetzt sein. Je mehr Komponenten zusammenspielen, desto größer die Gefahr von Kettenreaktionen. Hinzukommt, dann autonom-adaptive Systeme die Unsicherheit erhöhen, weil ihr Verhalten nie völlig vorhersehbar ist.
Weitere Gefahren entstehen durch ihre Nutzung: Märkte belohnen Größe, Staaten Kontrolle, Organisationen Effizienz und Nutzer Bequemlichkeit. So wachsen Macht, Überwachung und Abhängigkeit – eine perfekte Kombination für düsteres Jahrhundert.
Am leichtesten unterschätzen wir die alltägliche Delegation. Wir geben Fähigkeiten ab, weil Systeme zuverlässig wirken – und bemerken den Verlust erst, wenn wir ohne sie handeln müssen. Kontrollverlust beginnt oft als Erleichterung. Komfort wirkt kostenlos, bis die Rechnung in fehlenden Alternativen kommt.

Gibt es aus Ihrer Sicht „böse“ Technik?

Technik hat weder Moral noch Absichten. Böse kann sie deshalb nicht sein – neutral ist sie aber auch nicht. In jeder Konstruktion stecken Ziele, Prioritäten und Vorstellungen davon, welches Verhalten erwünscht ist. Ein System erleichtert manche Handlungen und erschwert andere.
Bei Waffen, Giften oder ähnlich gefährlichen Produkten wäre es naiv, nur den späteren Nutzer verantwortlich zu machen. Ihr Zweck ist oft schon in Entwicklung und Gestaltung angelegt. Umgekehrt kann auch eine hilfreiche Technik unter anderen politischen oder wirtschaftlichen Bedingungen zur Kontrolle oder Ausbeutung dienen.
Gefährlich wird Technik durch die Kette aus Absicht, Herstellung, Regeln und Nutzung. Die Maschine hat kein Gewissen. Gerade deshalb trägt der Mensch die Verantwortung. Zumindest noch.

Wer trägt die Verantwortung, Menschen vor solchen Gefahren zu schützen? Und wie müsste wirksamer Schutz aussehen?

Alle Nutzer tragen Verantwortung ((Link zu Interview 3, Technik und Verantwortung)), aber nicht im gleichen Maß. Das Problem ist ihre Zersplitterung: Bei komplexen oder autonomen Systemen verteilen sich Ursachen auf Daten, Software, Konstruktion, Betreiber und Nutzung. Jeder war ein wenig beteiligt – und am Ende fühlt sich niemand wirklich zuständig. Dem Erfinder die gesamte Schuld zu geben, wäre populistisch. Den Hersteller vollständig zu entlasten, ebenso.
Wirksamer Schutz braucht klare Zuständigkeiten, Transparenz, technische Standards, überprüfbare Verfahren und Sanktionen. Freiwillige Selbstverpflichtungen bleiben ohne Folgen meist Dekoration. Zugleich darf Regulierung Innovation nicht ersticken. Wer radikale Neuerung und absolute Sicherheit zugleich verlangt, gerät in ein unauflösbares Spannungsverhältnis.

Wenn Maschinen künftig immer mehr Arbeit übernehmen: Wofür braucht es dann noch Menschen?

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Ökonomisch kann der Mensch an Bedeutung verlieren. In einer effizienzgetriebenen Produktion wird er zum Kostenfaktor, den Maschinen ersetzen. Die alte Verheißung der Automatisierung lautete Befreiung von Arbeit. In einer arbeitszentrierten Gesellschaft kann sie jedoch wie Ausschluss wirken.
Denn Erwerbsarbeit bietet mehr als Einkommen. Sie liefert Struktur, Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstwert. Wenn Technik Tätigkeiten übernimmt, verschwinden diese Bedürfnisse nicht. Teilhabe muss deshalb neu organisiert werden – jenseits der Idee, nur bezahlte Arbeit mache nützlich.
Technik kann Mittel optimieren, aber keine Ziele setzen. Entscheidend ist daher, welche Gesellschaft entsteht, wenn menschlicher Wert nicht länger über Erwerbsarbeit bestimmt wird? Ohne Antwort auf diese Frage wird aus gewonnener Freizeit schnell verlorene Zukunft.

Wir wollen nicht nur schwarzmalen: Welche Chancen technischer Innovation können das Leben der Menschen wirklich verbessern?

Technik kann unsere Handlungsspielräume stark erweitern. Sie übernimmt schwere oder gefährliche Arbeit, behandelt Krankheiten, gleicht Einschränkungen aus, macht Wissen zugänglich und verbindet Menschen. Ohne technische Innovationen wären komplexe Gesellschaften kaum denkbar.
Doch Technik ist keine Heilslehre. Sie kann ein gutes Leben erleichtern, aber nicht erzeugen. Beziehungen, Sinn, Anerkennung und Selbstwirksamkeit lassen sich nicht herunterladen. Technik schafft Raum für Menschliches. Sie kann es jedoch nicht ersetzen.

Bei welcher technischen Entwicklung geraten Sie selbst ins Schwärmen?

Ins Schwärmen gerate ich dort, wo Technik den Menschen nicht ersetzt, sondern ihm verlorene Möglichkeiten zurückgibt. Herzschrittmacher, Cochlea-Implantate und Prothesen zeigen, wie konkret Fortschritt sein kann: Sie schaffen Beweglichkeit und Teilhabe, wo zuvor Einschränkung war.
Auch Kommunikation über Distanz kann Freude schaffen. Doch der Maßstab bleibt der Mensch. Technik kann Belastungen senken und Spielräume öffnen. Glück entsteht weiterhin aus Beziehungen, Sinn und Selbstwirksamkeit.

Wie realistisch ist ein großer technischer Crash, bei dem zentrale Systeme und Infrastrukturen gleichzeitig ausfallen? Wie könnte ein solches Szenario aussehen?

Ein großer Crash ist unwahrscheinlicher, als wir ihn uns vorstellen. Es gibt keinen roten Knopf, der alles zugleich abschaltet. In eng gekoppelten Systemen kann zwar ein lokaler Fehler genügen, um Strom, Kommunikation, Zahlung oder Logistik zu stören. Doch selbst das wäre noch kein Weltuntergang. Die Erde ist groß, und die Systeme sind zwar vernetzt, aber nicht vollständig zentralisiert.
Allerdings macht gerade die zunehmende Verzahnung komplexer Systeme das große Problem aus. Blackboxes erschweren die Fehlersuche, Spezialisten werden zu Engpässen, KI übernimmt mehr und mehr Aufgaben. Der Crash wäre daher weniger eine Explosion als ein unerwarteter Verlust von Koordination: Die Systeme existieren noch, verstehen einander aber nicht mehr.

Wie handlungsfähig wären wir in einem solchen Fall noch?

Unsere Handlungsfähigkeit hängt davon ab, ob wir neben Effizienz sowohl Reserven als auch den menschlichen Verstand bewahren. Modulare Systeme lassen sich leichter isolieren und reparieren als monolithische. Notstrom, Spiegelserver und alternative Kommunikationswege gewinnen Zeit. Wissen sollte digital und physisch gesichert sein, damit ein technischer Ausfall nicht zum Gedächtnisverlust wird.
Ebenso wichtig sind Menschen, die Systeme verstehen und notfalls ohne Automatisierung handeln können. Resilienz besteht deshalb nicht nur aus Hardware, sondern aus Technik, Wissen, Institutionen und Weisheit.
Absolute Sicherheit gibt es nicht. Das Ziel ist daher nicht, jeden Ausfall zu verhindern, sondern zu vermeiden, dass ein Fehler alle anderen Möglichkeiten mitreißt. Eine robuste Gesellschaft kann stolpern, ohne zu stürzen.

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