Wie Wolfram Fleischhauers Romane entstehen | BUCHSZENE

Wie lange braucht Wolfram Fleischhauer für einen Roman wie „Das Meer“? Warum ist Schreiben für ihn Alchemie? Und was macht er, wenn ihm nichts einfällt? Ein exklusiv für uns verfasster Werkstattbericht!

Wolfram Fleischhauer verrät, in welch aufwendigem Prozess seine Romane wie „Das Meer“ entstehen

3. Mai 2018 | Wolfram Fleischhauer

Titelbild Werkstattbericht Wolfram Fleischhauer Das Meer„Ich habe ein Team, das für mich beim Schreiben unverzichtbar ist.“

Meine Romane entstehen ähnlich wie kleine Autorenfilme. Ich bin dabei Ideengeber, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Personalunion, habe aber den Vorteil, dass ich gleich anfangen kann und nicht erst viel Geld für die Finanzierung besorgen muss.
Ich habe ein kleines Team von Partnern, die für mich unverzichtbar sind. Da ist zunächst mein Agent und Story-Coach Roman Hocke, mit dem ich in den Phasen der Entwicklung und des Schreibens der Rohfassung wiederholt in Klausur gehe. Er hat die seltene Gabe, sowohl unerbittlich als auch konstruktiv alle Mängel in einer Geschichte aufspüren zu können und immer genau die Fragen zu stellen, die ich brauche, um später Lösungen zu finden. Auch meine Lektorin beim Droemer-Verlag, Carolin Graehl, ist in diesen Prozess eingebunden, steigt aber später ein, wenn die Rohfassung steht, denn wir brauchen ja nach zwei oder drei Jahren Arbeit auch einen frischen, unvoreingenommenen Blick.

„Bevor ich die erste Zeile zu Papier bringe, vergehen zwei bis drei Jahre.“

Bevor ich die erste Zeile eines neuen Romans wie „Das Meer“ zu Papier bringe, vergehen also etwa zwei bis drei Jahre, manchmal auch länger. In dieser Zeit sammle ich Material, reise zu den Schauplätzen, spreche mit Fachleuten oder Menschen, deren Lebenswelt für die Geschichte wichtig ist. Die Struktur der Erzählung ist da noch ganz offen und ich kenne im Grunde nur meine dramatische Frage und die Welt, in der ich sie stellen will.

„Das Schreiben ist für mich ein alchemistischer Prozess.“

Ob der Roman dann wirklich geschrieben wird oder nicht, entscheiden die Figuren. Das ist ein alchemistischer Prozess, von dem ich auch nicht weiß, wie er funktioniert. Ich habe mehrfach Romane nach hundertfünfzig oder zweihundert Seiten aufgegeben und ganz von vorne angefangen. „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ zum Beispiel wurde erst durch Giulietta erzählbar, „Die Frau mit den Regenhänden“ durch Gaetane. Die Vorläuferinnen waren einfach völlige Fehlbesetzungen.

„Wenn mir mal gar nichts einfällt, dann gehe ich schwimmen.“

Ich schreibe im Durchschnitt drei Seiten am Tag, die Niederschrift der Rohfassung dauert etwa neun bis zwölf Monate. Wenn mir mal gar nichts einfällt, gehe ich schwimmen. Schreiben fällt mir nicht leicht, deshalb bereite ich mich lange vor, wie auf einen schwierigen Aufstieg. Aber der Vorteil dieser Methode ist, dass ich die gefürchteten Schreibblockaden eher selten habe. Ich weiß ja, wo ich hinwill, kenne das Terrain sehr gut, weiß vorher, welche Steilhänge und schwierigen Abschnitte auf mich warten. Nur wie die Geschichte ausgeht, welches Panorama mich oben erwartet und als was für ein Mensch ich den Rückweg antreten werde, das weiß ich vorher nicht. Ich spalte mich in die gegensätzlichen Standpunkte von Protagonist und Antagonist auf und versuche, beide bis zur letzten Konsequenz zu Ende zu denken. Wer gewinnt, entscheiden die Figuren. Deshalb schreibe ich die Geschichte: um diesem Duell beizuwohnen und zu sehen, wer gewinnt.

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