Volker Lechtenbrink

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Volker Lechtenbrink

23. Juni 2014 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Ein Gespräch über Gefühle, das Geheimnis der Liebe und sein faszinierendes Rilke-Hörbuch.

 

Jörg Steinleitner:  Herr Lechtenbrink, Sie haben das Hörbuch „Liebe ist … mit dem Herzen zu denken“, ein Hörbuch mit Rilke-Liebesgedichten und -briefen, aufgenommen. Warum gerade Rilke – und warum das Thema der Liebe?

Volker Lechtenbrink:  Weil das ein wunderbarer Dichter ist. Doch hatte ich mich zugegebenermaßen lange nicht mit Rilke beschäftigt, ehe diese Anfrage kam. Aber ich finde diese verschiedenen Arten wie er seine Liebeszustände beschreibt, mit wie viel Humor, mit wie viel Emphase, mit wie viel Macht, das fand ich dann so faszinierend, dass ich begeistert zugesagt habe. Dazu kommen ja noch Briefe, zum Teil wenig bekannte Briefe, die in einem Liebeswirrkopf entstanden sind, die mich auch sehr fasziniert haben. Und da konnte ich gar nicht anders als „Ja“ sagen.

Jörg Steinleitner:  Was ist das Besondere an diesen Liebestexten von Rilke?

Volker Lechtenbrink:  Es ist diese unvergleichliche Sprache, der Sprachduktus, der zunächst einmal etwas fremd anmutet, wenn man ihn zum ersten Mal liest; und wenn man sich dann einliest, dann ist das eine ungeheure Ausdruckskraft, die dieser Mann besitzt. Er kann so über Liebe und seine Gefühle sprechen, wie wir es uns alle wünschen, dass wir es könnten.

Jörg Steinleitner:  Rilke lebte 1875 bis 1926. Doch seine Gedichte erfahren gerade in den letzten Jahren eine gesteigerte Wertschätzung. Womit erklären Sie sich das?

Volker Lechtenbrink:  Ich glaube, es ist unsere ewige Sehnsucht nach Romantik und nach echten Gefühlen, die in unserer hoch technisierten Zeit sehr stark ist. Heute werden ein paar E-Mails oder SMSen verschickt, da steht dann ganz knapp drin „Mag dich leiden“ oder „Finde dich toll“ oder so was und man möchte es eigentlich noch ganz anders ausdrücken, aber es fehlen einem oft die Worte dafür. Und er hat sie eben. Und dann nimmt man ihn auch stellvertretend für sich selbst und für seine Gefühle. Und es ist ja auch ganz modern, was er schreibt. – Was heißt modern? Romantische Gefühle sind ja niemals aus der Zeit. Ich glaube, dass jedes Herz, das Liebe in sich trägt, auch Romantik in sich trägt. Deswegen ist Rilke immer modern.

Jörg Steinleitner:  Haben Sie ein Rilke-Lieblingsgedicht?

Volker Lechtenbrink:  Ach, da ist jedes auf seine Art anders. Das eine ist mit sehr viel Humor durchtrieben, das andere ist selbstironisch, dann nimmt er sich selbst auf den Arm mit seinen Gefühlen und dann ist er wieder ganz leidend – er geht die ganze Palette eines Liebenden durch. Ich finde sie alle faszinierend.

Jörg Steinleitner:  Haben Sie schon einmal ein Rilke-Gedicht verwendet, um eine Geliebte zu umschmeicheln?

Volker Lechtenbrink:  Ich habe es bis jetzt noch nicht versucht, weil ich immer dachte, ich es würde selber noch mit meinen Worten auch ganz gut schaffen. Aber in Zukunft? Ich weiß nicht, ich bin ja sehr fest verliebt seit Jahren, in meine Frau, aber ich werde mal kucken, ob ich mich mal eines Gedichtes von Rilke bediene.

Jörg Steinleitner:  Sie selbst sind auch Autor und Songwriter. Haben Sie sich selbst schon als Liebeslyriker versucht?

Volker Lechtenbrink:  Ja, aber natürlich auf eine andere Art und Weise. Diese Sprache ist seine Sprache und die kann man gar nicht nachmachen oder versuchen, ähnlich zu formulieren. Jeder muss ja mit seinen Worten umgehen, wenn er seine Gefühle ausdrücken will. Also ich habe in meinen Liedern auch, glaube ich, wenngleich auf eine andere Art und Weise, romantische Gedanken formuliert, aber eben: Rilke ist Rilke. Und ich bin ich.

Jörg Steinleitner:  Aber Liebesgedichte haben Sie noch keine geschrieben?

Volker Lechtenbrink:  Liebesgedichte nicht, Liebeslieder schon. Zum Beispiel „Ich will immer bei dir sein“ oder „Lass uns immer zärtlich sein“ oder Komm und hilf mir durch die Nacht, das schon. Aber wie gesagt: Das ist eine andere Art, sich auszudrücken, auch durch die Musik schon allein.

Jörg Steinleitner:  Natürlich kann man die Wirkung eines Rilke-Gedichts noch verstärken, indem man es mit Ihrer unglaublichen Stimme vorträgt. Sie haben bereits als 8-Jähriger im NDR-Kinderrundfunk gesprochen. Aber wann haben Sie gemerkt: „Hoppla, meine Stimme kann mehr als andere, sie kann sogar Frauen verzaubern?“

Volker Lechtenbrink:  Es gab da mehrere Erlebnisse. Es kam vor, dass mich jemand ankuckte und sagte: „Ach, sprechen Sie noch ein bisschen.“ Oder dass – besonders Frauen natürlich – in einem Laden, beim Schlachter oder so, stehen blieben und der Schlachter fragte: „Was möchten Sie denn haben?“ Und sie dann: „Nein, danke, ich warte noch ein bisschen.“ Und dann sagte sie leicht errötet zu mir: „Ich habe nur gewartet, bis Sie noch was bestellt haben, um Ihre Stimme noch ein bisschen zu hören.“ – Also: Ich wurde oft darauf angesprochen. Aber man selbst hat, glaube ich, nicht dieses Gefühl, ich hab’ne Stimme und damit gehe ich jetzt mal betören. Die Stimme gehört zu mir und es ist mein Leben, das aus dieser Stimme spricht, aber ich setze die nun nicht bewusst ein, um Erfolg zu erzielen. Beruflich setze ich sie natürlich ein, um den Sachen, die ich zu interpretieren habe, eine gewissen Ausdrucksform zu geben. Aber ich arbeite privat nicht als Stimmenbetörer, sozusagen.

Jörg Steinleitner:  War Ihre Stimme vor dem Stimmbruch auch schon besonders?

Volker Lechtenbrink:  Na ja, ich hatte ja als Kind schon viele Hörspiele gemacht … ich hatte aber keinen richtigen Stimmbruch. Also bei mir ging das übergangslos von der hohen Stimme … neulich habe ich zum Beispiel „Mio, mein Mio“ von Astrid Lindgren gehört, das habe ich mit neun oder zehn Jahren bei Radio Bremen gemacht; das ist natürlich wahnsinnig, wenn man diese hohe Kinderstimme plötzlich hört – und das war mal deine Stimme! Oder in der „Brücke“ [Antikriegsfilm (1959) von Bernhard Wicki, Anm. d. Red.], wo die Stimme ja auch noch ganz anders als sie jetzt ist. Aber sagen wir mal so: Sie wurde, glaube ich, immer als angenehm und zu mir passend empfunden. Und dann wurde sie im Laufe der Jahre immer tiefer und da ist sie jetzt heute noch.

Jörg Steinleitner:  Machen Sie eigentlich irgendetwas, damit Ihre Stimme so bleibt, oder funktioniert die ganz von alleine? Gibt es Dinge, die für Sie tabu sind, weil sonst Ihre Stimme verloren geht?

Volker Lechtenbrink:  Nein, darauf achte ich nicht. Ich spiele ja auch, ich mache zum Beispiel Dinge, die für die Stimme nicht gut sind: Ich habe ein Einpersonenstück gespielt über 250 Vorstellungen und da bin ich zweieinhalb Stunden alleine auf der Bühne und schreie und weine und mache – das ist bestimmt nicht zuträglich in diesem Moment, für die Stimme, aber da achte ich nicht drauf, dafür bin ich Schauspieler. Ich kann jetzt nicht immer sagen: „Ich muss aufpassen, dass meiner Stimme nichts passiert.“ Ich versuche sie dann wieder zu schonen oder zu pflegen, weil sie ja auch mein Werkzeug ist. Aber ich passe nun nicht täglich auf, dass ich meine Stimme nicht belaste.

Jörg Steinleitner:  Wenn Sie für ein solches Hörbuch ins Studio gehen, dann wissen Sie, heute müssen Sie besonders gefühlvoll lesen, leidenschaftlich klingen, mal wie ein begeisterter Verliebter, mal wie ein leidender. Wie machen Sie das nun, wenn Sie sich bei der Fahrt zum Studio über andere Leute geärgert haben, wenn Sie gerade Stress haben, am Nachmittag weitere Termine etc.?

Volker Lechtenbrink:  Man sollte an so etwas nicht denken. Man sollte auch keine Termine mehr haben, nachmittags. Als ich dieses Rilke-Hörbuch gemacht habe, habe ich nichts anderes gemacht in den zwei Tagen. Da bin ich morgens hingefahren, habe mich abgeschottet von den sogenannten Alltäglichkeiten; ich bin sowieso kein Mensch, der sich über jeden Mist aufregt. Ich bin ins Studio gegangen und habe gewusst, jetzt geht es um die Wurst und es geht um Rilke und du bist ihm was schuldig und jetzt konzentrierst du dich ganz und gar mithilfe deines Regisseurs auf die Gedichte. Und da lenkt mich dann auch nichts ab. Und abends mache ich nicht dann noch etwas anderes. Ich gehe nach Hause. Man ist auch erschöpft, weil es nicht einfach ist, diese Sprache zu bedienen. Und dann sinniert man noch ein bisschen vor sich hin und lebt also mal zwei Tage richtig mönchisch, nur für Rilke.

Jörg Steinleitner:  Noch einmal zurück zur Liebe: Was ist ihr Geheimnis? Kann man in Worte fassen, weshalb man sich in einen Menschen verliebt?

Volker Lechtenbrink:  Nein, das glaube ich nicht. Man kann es vielleicht mal versuchen, aber deshalb klingen Liebesgedichte oder Liebesbriefe ja so reichlich verwirrt, weil man eben seine Gedanken gar nicht richtig ordnen kann. Da passiert etwas mit einem, das man nicht erklären kann. Vor allen Dingen ist ja Verliebtheit völlig irrational. Da sieht man einen Menschen und dann hat man Schmetterlinge im Bauch und man steht neben sich oder über sich und wird euphorisch und man kann das alles gar nicht erklären. Wenn man Liebe erklären könnte, dann wäre sie nicht mehr so aufregend wie sie ist.

Jörg Steinleitner:  Welche Bedeutung hat die Liebe für Ihr Leben?

Volker Lechtenbrink:  Für mich ist Liebe die Antriebskraft allen Tuns.

Jörg Steinleitner:  Und wie wäre das Leben ohne sie?

Volker Lechtenbrink:  Das wäre entsetzlich. Das wäre ein Vorsichhinmachen und Tun ohne Sinn und ohne Verstand. Es sei denn, die Selbstliebe ist vielleicht so groß, dass man keinen anderen braucht. Dann geht das vielleicht auch noch.

Jörg Steinleitner:  Herr Lechtenbrink, vielen Dank für das Gespräch.

Volker Lechtenbrink

Wer Volker Lechtenbrinks Stimme einmal gehört hat, vergisst sie nie wieder. Der Deutsche Hörbuchpreisträger von 2007 lieh sie als Synchronsprecher u.a. Kris Kristofferson, Burt Reynolds und Dennis Quaid.
Zur Biografie von Volker Lechtenbrink

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