Francesca Hornak Sieben Tage wir. Frau Bluhm | BUCHSZENE

Weil eine der Töchter als Ärztin in einem Epidemie-Gebiet arbeitete, begibt sich Familie Birch in Weihnachts-Quarantäne. Francesca Hornaks „Sieben Tage wir“ ist ein Roman über innerfamiliäre Kommunikation.

Francesca Hornak schickt in „Sieben Tage wir“ eine ganze Familie in Weihnachts-Quarantäne

18. Januar 2019 | Von Frau Bluhm

Titelbild Sieben Tage wir

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Frau Bluhm liest „Sieben Tage wir“: 4 von 5 Blu(h)men


Eine Familie muss über Weihnachten in Quarantäne

„Im Grunde hat Weihnachten ja immer was von einer Quarantäne“, schreibt Familienvater und Gastrokritiker Andrew Birch in seiner letzten Kolumne vor Weihnachten. Doch dieses Weihnachtsfest soll für die gesamte Familie Birch, um die Francesca Hornaks Roman „Sieben Tage wir“ kreist, wirklich zu einer Woche auf der Isolierstation werden. Die ältere Tochter Olivia kommt am 23. Dezember von einem dreimonatigen Aufenthalt in Liberia zurück. Dort hat sie unter dem Haag-Syndrom leidende Patienten behandelt. Dies ist eine hochansteckende und gefährliche Krankheit, und so bleibt der Familie nichts anderes übrig, als sich sieben Tage lang in ihrem Haus im Norden Englands zu verkriechen und das Ende der Inkubationszeit abzuwarten. Was zunächst als liebevolle Geste aller gegenüber Olivia gedacht ist, entwickelt sich jedoch schon binnen kürzester Zeit zum aufreibendsten Weihnachten aller Zeiten.

„Sieben Tage wir“ kreist um fünf Familienmitglieder

Francesca Hornak baut ihren Roman „Sieben Tage wir“ um fünf verschiedene Figuren herum auf, und schildert ihre Geschichte immer wieder aus wechselnder Perspektive. Da ist zunächst einmal Olivia selbst. Angestellt bei „Ärzte ohne Grenzen“, liegen bei ihr Verantwortungsbewusstsein und Helfersyndrom ziemlich nah beieinander. Schon als Jugendliche unglaublich ernsthaft, verschreibt sie sich als Erwachsene voll und ganz ihrem wichtigen und aufreibenden Job. Doch die Einsätze in Krisengebieten und das dort erlebte Elend haben Spuren hinterlassen, deren Auswirkungen es ihr fast unmöglich machen, sich noch auf die für sie so belanglosen Themen ihrer Familie einzulassen.

Phoebe ist die nervigste Roman-Figur, der ich jemals begegnet bin

Ganz anders ist da die jüngere Schwester Phoebe. Mit Ende 20 wohnt sie immer noch zuhause, hat keinen Führerschein und ihre Jobs wechseln jährlich. Als absolutes Papa-Kind sieht sie in Olivia immer schon ein Ärgernis und kann sich so gar nicht damit abfinden, dass ihre Familie solch widrige Bedingungen erdulden muss, nur damit Olivia Weihnachten zuhause verbringen kann. Sie ist wohl eine der unsympathischsten, oberflächlichsten und nervigsten Protagonistinnen, die ich je erlebt habe. Sie macht sich ausschließlich Gedanken über sich selbst und ihre Hochzeit mit George, einem verwöhnten Söhnchen aus reichem Hause, die im nächsten Jahr stattfinden soll.

Francesca Hornaks Charaktere verändern nach und nach ihre Beziehungen untereinander

Im Laufe von „Sieben Tage wir“ offenbaren die verschiedenen Familienmitglieder ihre jeweiligen Sorgen und verändern dementsprechend ihr Verhalten und ihre Beziehungen zueinander. Phoebe bleibt von Anfang bis Ende wahnsinnig unsympathisch und egozentrisch. Sie ist ein echter, richtig großer Minuspunkt dieses Romans, der ansonsten wirklich gut durchdacht und authentisch ist.

Anne bekommt vor den Feiertagen eine Nachricht, die alles ändert

Anne, die Mutter der beiden Schwestern, kämpft derweil mit anderen Problemen. Als Hausfrau hat sie ihr Leben um die beiden Töchter und ihren Mann gebaut. Je älter die Töchter wurden, desto mehr begann Anne ihrer geopferten Karriere nachzutrauern und sich mit ihrem, für sie wenig erfüllenden Leben zu arrangieren. Die Beziehung zu ihrem Mann blieb dabei auf der Strecke, es ist zu einem Nebeneinander, statt Miteinander geworden. Doch kurz vor den Feiertagen bekommt Anne während eines Arztbesuches eine Nachricht, die ihr ganzes Leben und Denken auf den Kopf stellen soll.

Als der uneheliche Sohn auftaucht, gerät die Fassade ins Bröckeln

Vater Andrew ist das eindeutige Oberhaupt der Familie, in deren Grenzen sich jeder nach ihm richtet. Er gleicht in Persönlichkeit und Verhalten zunächst eher seiner Tochter Phoebe, die sein erklärtes Lieblingskind ist. Genauso egozentrisch und sarkastisch begegnet er den Menschen um sich herum. Unzufrieden mit seinem Job, lässt er seine Stimmungen die Atmosphäre beeinflussen und ist sich in jeder Situation selbst der nächste. Anders als Tochter Phoebe, erfährt er wiederum im Laufe der Geschichte eine sehr authentische und realistische Kehrtwende, die verursacht wird durch den fünften Protagonisten: Jesse, Anfang 30, aus Kalifornien stammend, und ein unbekannter, unehelicher Sohn Andrews, der von seiner Existenz nichts ahnte. Mit seinem Auftritt beginnen die Mauern, die jedes Mitglied der Familie Birch um sich gebaut hat, zu bröckeln.

Aber den anderen auszuweichen geht nicht in „Sieben Tage wir“

Durch die künstlich herbeigeführte, isolierte Situation können alle fünf zum ersten Mal nicht das tun, was ihnen am leichtesten fällt: einander ausweichen. So eng aufeinander und ohne Möglichkeit sich aus dem Weg zu gehen, dringen Tatsachen an die Oberfläche, die schon lange unterdrückt und teilweise sogar verloren geglaubt waren. Den Familienmitgliedern bleibt gar nichts anderes übrig, als endlich direkt miteinander zu kommunizieren. Francesca Hornak gelingt es dabei, wichtige und ernste Themen zu besprechen, die nie an den Haaren herbeigezogen oder bedrückend daherkommen. Vielmehr gelingt es ihr, eine wirklich unterhaltsame und dennoch tiefgründige Geschichte über das Kommunizieren zu schreiben, die ich jedem empfehlen könnte, der, wie ich, Teil der Generation „WhatsApp“ ist. Wir erhalten beim Lesen Einblick in fünf verschiedene Seelen und damit fünf verschiedene Blickwinkel, was den ganzen Roman sehr abwechslungsreich und ganzheitlich macht. Dass Francesca Hornak für alle diese fünf wirklich sehr verschiedenen Menschen am Ende den kleinsten, gemeinsamen Nenner gefunden hat, nämlich die Liebe innerhalb der Familie, ist ein besonders beglückendes Leseerlebnis. „Sieben Tage wir“ ist ein wirklich schönes Buch, mit ungewöhnlichem Setting, aber ganz und gar nicht ungewöhnlichen Problemen innerhalb einer Familie an Weihnachten.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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