„Wir Henker sind keine tumben Kapuzenträger“

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„Wir Henker sind keine tumben Kapuzenträger“

20. Januar 2016 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Bestsellerautor Oliver Pötzsch über seinen Traumberuf, die Henkersfamilie, aus der er stammt und seinen spannenden neuen Historienroman, bei dem ein Christusdarsteller der Oberammergauer Passionsspiele zu Tode kommt.

Herr Pötzsch, dieser Tage erscheint der neueste Band Ihrer Henkerstochter-Saga. In „Die Henkerstocher und das Spiel des Todes“ versucht der Schongauer Bader Simon Fronwieser den Tod des Christusdarsteller der Oberammergauer Passionsspiele aufzuklären. Gab es das in Wirklichkeit schon einmal, dass ein Christusdarsteller der berühmten Passionsspiele zu Tode kam?

Ein Buch fängt bei mir immer mit einem Bild im Kopf an. In diesem Fall war es eben ein Christusdarsteller, der tatsächlich am Kreuz stirbt. Eigentlich wundere ich mich, dass ich nicht schon eher darauf gekommen bin, einen Henkerstochter-Roman in Oberammergau spielen zu lassen. Das ist von Schongau, der Heimat meiner Protagonisten, nur einen Katzensprung entfernt. Dann die Passion, die grandiose Bergwelt … Ich wollte schon immer mal einen Bösewicht in den Bergen abstürzen lassen. Das hat etwas sehr Pathetisches, finden Sie nicht?

Absolut. In Ihren historischen Romanen steckt viel Phantasie, aber eben auch jede Menge historischen Wissens. Welches sind die wichtigsten Quellen für Ihr Schreiben?

Wenn ich mich für einen Ort bzw. eine Epoche entschieden habe, gehe ich erstmal in die Bibliothek und wälze Bücher. Übrigens eignen sich für einen ersten Überblick auch sehr gut Kinder-Sachbücher, kein Witz! Die sind wesentlich übersichtlicher, zum Beispiel zu den Bauernkriegen oder über Burgen. Außerdem lese ich Modebücher, Bildbände, historische Quellen, Romane, alles, was mir in die Finger kommt. Ich muss die Epoche spüren. Dann mache ich immer eine längere Recherchereise, bei der ich meine Orte akribisch abgehe und die regionalen Archive aufsuche. Das mache ich übrigens grundsätzlich allein, ohne Familie – ich bin da ziemlich unausstehlich.

Ziehen Sie gelegentlich auch Experten zu Rate?

Experten sind meine beste Quelle! Heimatpfleger, Äbte, Museumsleiter, Kräuterfrauen … Das gibt mir die Möglichkeit, punktuell nachzufragen und ich muss nicht so in die Breite recherchieren. Um mehr über die Fertigung von Kanonen herauszufinden, habe ich beispielsweise einen Glockengießer kontaktiert, der als Hobby auch noch Kanonen gießt. Solche Leute gibt es, man muss bloß Augen und Ohren offen halten. Und man muss sich natürlich trauen, sie anzurufen. Aber meistens freuen sie sich, wenn sich jemand für ihr Wissen interessiert. Und wenn nicht … na, dann legt er halt wieder auf.

Was hat Sie bei Ihrer Suche nach den Spuren vergangener Zeiten in Oberammergau am meisten beeindruckt?

Ich kenne die Gegend vom Wandern eigentlich ziemlich gut. Trotzdem habe ich erst durch meine Recherche erfahren, wieviele Mythen, Sagen und Rätsel dort noch immer auf ihren Erzähler warten. Es gibt dort im Wald den sogenannten Malenstein, auf dem sich Einritzungen noch aus der Römerzeit befinden. Außerdem germanische Opferstätten, Schutzzeichen gegen Dämonen, und über allem ragt der unheimliche Kofel, der Oberammergauer Hausberg. Einmal habe ich nachts dort ein Gewitter erlebt; das ist, als würden sämtliche Hexen um den Blocksberg tanzen.

Sie sind ein Nachfahre der Kuisls, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert die berühmteste Henker-Dynastie Bayerns waren. Gibt es Situationen, in denen Sie den Henker in sich spüren? Oder anders gefragt: Musste der Henker etwas beherrschen, was der Schriftsteller auch können muss?

Sie werden es nicht glauben – aber viele Henker und ihre Nachfahren waren auch musisch sehr begabt. Sie machten viel Musik, malten, schrieben kleine Geschichten. So auch in meiner Familie. Meine Urgroßmutter verfasste schon in der Schule Theaterstücke, meine Urgroßtante ging als eine der ersten Frauen auf die Münchner Akademie der Bildenden Künste, ein gewisser Joseph Kuisl war noch in den 30ern ein bekannter Maler, der auch im Münchner Glaspalast ausstellte … Wir Henker sind nicht die tumben Kapuzenträger, als die wir meist dargestellt werden!

Sie haben allein in Amerika rund 2,5 Millionen Bücher verkauft. Davon träumen viele Ihrer Kollegen. Wovon träumen Sie, wenn es um Ihr Schreiben geht?

Ich habe meinen Traumberuf gefunden, und ich kann davon meine Familie ernähren, mehr muss man nicht träumen. Ich habe höchstens Angst, dass ich aus diesem Traum irgendwann wieder aufwache.

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