Gin Phillips „Nachtwild“: Frau Bluhm liest. Kritik | BUCHSZENE

Home >> Magazin >> Kolumnen >> Frau Bluhm liest >>

Frau Bluhm liest Gin Phillips‘ „Nachtwild“ – eine packende Story mit psychologischer Tiefe

Nachtwild Gin Philips

shutterstock © Edwin Butter Bild-ID: 179021033

22. Mai 2018 | Von Frau Bluhm


Gin Phillips‘ „Nachtwild“ ist ein besonderer Thriller: Hautnah erleben wir mit, was es mit uns macht, wenn wir eigentlich nur nett in den Zoo wollten und plötzlich einem Terrorszenario ausgeliefert sind.


Frau Bluhm liest „Nachtwild“: 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Als Kind mein größter Traum: eine Nacht allein im Kaufhaus!

Als Kind hatte ich immer einen Traum: Einmal über Nacht ganz allein im Kaufhaus eingeschlossen zu werden! In jungen Jahren war es vor allem die Spielzeugabteilung von Kaufhof, die mich anlockte. Und ich war mir ganz sicher, dass Barbie und Konsorten nachts ein geheimes Doppelleben führen. Später, als Jugendliche, war es eher der damals neu entstandene Videospielbereich, der eine ungeheure Faszination auf mich ausübte. Heute wäre es wahrscheinlich notgedrungen die Bettenabteilung von Karstadt. Wenn’s mal elf Uhr ist, braucht der hart arbeitende Erwachsene einfach seinen Schlaf, und jünger werden wir ja alle nicht.
Tatsächlich könnte ich mir viele solcher Orte vorstellen, die ich gerne mal eine ganze Nacht für mich alleine hätte: die Backstube der Bäckerei von gegenüber, oder der SPA-Bereich vom Hotel Hilton. Oder auch den Zoo. In Ruhe die Tiere beobachten, ohne von nach Eis brüllenden Kindern aufgeschreckt zu werden. Die nachtaktiven Tiere endlich mal in Aktion sehen. Überhaupt stelle ich mir die Atmosphäre eines nachtschlafenden Zoos ungeheuer aufregend vor. In genau diese Situation geraten die Helden in Gin Phillips‘ Thriller „Nachtwild“. Nur leider nicht ganz freiwillig. Kurz vor Ende der Öffnungszeiten fallen Schüsse im Zoo – und der Ort, den man mit Ruhe, Frieden und Natur verbindet, wird plötzlich zur Todesfalle!

Horror – in „Nachtwild“ wird der friedliche Zoo zur Todesfalle

Joan und ihr kleiner, vierjähriger Junge Lincoln spielen an einer abgelegenen Stelle des Zoos, als die ersten Schüsse fallen. Die pensionierte Lehrerin Mrs. Powell wartet mit iPod-Stöpseln in den Ohren auf die Elefantenfütterung und bekommt zunächst gar nicht mit, was überhaupt passiert. Und die unangepasste 16-jährige Kailynn schließt sich kurzerhand im Vorratsraum des Zoorestaurants ein. Anhand des Verhaltens dieser drei unterschiedlichen Frauen schildert uns Autorin Gin Phillips den Terror im Zoo. Und was zunächst unter dem Deckmäntelchen eines normalen Thrillers daherkommt, entwickelt sich durch die einzigartig intensive Schilderung der Autorin ziemlich schnell zu einer der eindringlichsten Geschichten, die ich je gelesen habe. Indem sie sich direkt mit den panischen Gedanken der drei Frauen auseinandersetzt, gelingt es Gin Phillips auf vollendete Weise, die bedrohliche Atmosphäre in Echtzeit zu beschreiben. Ganz schnell kommt einem beim Lesen der Gedanke, wie man sich wohl selbst in solch einer Situation verhalten würde, und fast ebenso schnell wird einem bewusst, dass man es nie und nimmer voraussagen könnte. Hoffentlich müssen wir es nie herausfinden!

Gin Phillips schildert, wie der Mensch zum Tier wird, wenn Gefahr droht

Wir alle leben in einer Zeit, in der terroristische Anschläge leider fast schon alltäglich geworden sind. Die Panik, die in solchen Situationen vorherrscht, reduziert uns ja doch ziemlich intelligente und kreativ denkende Menschen auf unsere niedrigsten Instinkte; Instinkte, die entweder das Beste, oder das Schlimmste unserer Persönlichkeit ans Tageslicht zerren. Die darwinistische These des Stärksten, der überlebt, wird dabei zur lebenswichtigen Realität. Anhand des Beispiels der drei Frauen, erörtert die Autorin dies eindrücklich und regelrecht beklemmend. Auch der Blick in die Seele und die Motive der Täter bleibt uns dabei nicht verborgen. In einer wirklich bedrückenden Passage, die eigentlich Ekel hervorrufen sollte, erschien mir plötzlich sogar der Täter ungeheuer menschlich.

Ein wirklich außergewöhnliches Buch – dringende Leseempfehlung!

Dieser Thriller ist alles andere als gewöhnlich. Allein schon die minutengenaue Schilderung in Echtzeit, die einem beim Lesen das Gefühl gibt, mit den Protagonisten in einer endlosen Zeitschleife gefangen zu sein, obwohl nur wenige Stunden vergehen! Gin Phillips gelingt es, uns auf jeder Seite das Gefühl zu vermitteln, wir steckten mitten im Geschehen. Und auch nach der Lektüre haben mich die Eindrücke noch beschäftigt. Ein wirklich besonderes Buch, das man lesen muss!

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Mehr zur Rubrik
Monika Peetz‘ „Die unsichtbare Stadt“ ist der erste Band ihrer neuen „Das Herz der Zeit“-Serie
Titelbild Das Herz der Zeit

Frau Bluhm liest Jugendbücher Slider posts | 19. Februar 2019 | Von Frau Bluhm

Die 15-jährige Lena fühlt sich als Außenseiterin. Bis sie eine alte Uhr entdeckt, die Zeitreisen ermöglicht. Ob Lena ihre Eltern findet? Monika Peetz‘ „Das Herz der Zeit – Die unsichtbare Stadt“.

Ulrike Gerolds und Wolfram Hänels Roman „Allee unserer Träume“ spielt in der DDR
Titelbild Allee unserer Träume

Frau Bluhm liest Gegenwartsliteratur Slider posts | 13. Februar 2019 | Von Frau Bluhm

Eine erfundene Ehe, ein architektonischer Traum, eine Geschichte aus dem Ost-Berlin der DDR. In Ulrike Gerolds und Wolfram Hänels Roman „Allee unserer Träume“ ist vieles gelungen, einiges aber nicht.

Carol Wyers „Ein Jahr voller Wünsche“ erzählt von zwei Freundinnen und ihren vertauschten Wunschlisten
Titelbild Ein Jahr voller Wünsche

Frau Bluhm liest | 8. Februar 2019 | Von Frau Bluhm

Zwei Frauen und zwei Listen mit Dingen, die sie in diesem Leben unbedingt noch erleben wollen. Was, wenn die beiden Listen vertauscht werden? Carol Wyers Roman „Ein Jahr voller Wünsche“ macht Frau Bluhm Spaß.

Seanan McGuires „Der Atem einer anderen Welt“ basiert auf einer schönen, grundguten Idee
Titelbild Der Atem einer anderen Welt

Bücher gewinnen Frau Bluhm liest Gewinnspiel-Highlights | 30. Januar 2019 | Von Frau Bluhm

Sie waren auf Abwegen – in Zucker-Königreichen und Horrorwelten. Doch in Eleanors Haus finden die Kinder Zuflucht und dürfen sein wie sie sind. Seanan McGuires Roman „Der Atem einer anderen Welt“.