Lesen ist Sex mit Büchern – Jörg Steinleitner über die Stellungen bei der schönsten Nebensache der Welt

Home >> Magazin >> Kolumnen >>

Lesen ist Sex mit Büchern – Jörg Steinleitner über die Stellungen bei der schönsten Nebensache der Welt

16. Juni 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Wie lesen eigentlich Sie am liebsten? Jörg Steinleitner erläutert die wichtigsten Positionen, zieht interessante Parallelen zu Tierreich und Erotik, betrachtet die Stellung des Froschs in der Literaturgeschichte und erläutert, was das Ganze mit dem Literaturnobelpreisträger Mo Yan aus China zu tun hat. 

Lesen-ist-Sex-mit-Buechern

Der Frosch, der Beischlaf und die chinesische Ein-Kind-Politik

Der Frosch führt in der Literatur ein Nischendasein. „Der Froschkönig“ ist ein alter Hut, Martin Luthers Fabel „Der Frosch und die Maus“ praktisch unbekannt und sonst gibt es nur den Roman des chinesischen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan, betitelt mit: „Frösche“. Immerhin handelt es sich bei diesem Werk laut Spiegel und Zeit um ein lesenswertes Buch. Es erzählt von einer Abtreibungshebamme, die die chinesische Ein-Kind-Politik zu vollstrecken hat.

Womit wir bei meinem Anliegen wären: Haben Sie schon davon gehört – die Wissenschaft hat eine neue Stellung entdeckt, mit der Frösche Sex haben. Bislang kannten wir nur die Kopfgrätsche, die Kopfstellung, die Leistenstellung, die Achselstellung sowie Verklebt und Unabhängig. Seit Kurzem ist bekannt, dass Frösche es auch mit der Rückengrätsche tun. Womöglich ist gar nicht der Affe unser nächster Verwandter?

Auch beim Menschen ist es so: Jeder macht es in einer anderen Stellung

Weil dies jedoch kein Sexratgeber, sondern eine Buchkolumne ist, fragen Sie sich vermutlich: Was erzählt er nur? Ist er betrunken? Hat er Viagra geraucht? Nein, liebe Leserinnen und Leser, die erotischen Stellungen des Froschs bringen uns auf direktem Weg zu den Lesestellungen des Menschen. Denn auch dem Lesen wohnt eine nicht von der Hand zu weisende Erotik inne – und jeder macht es in einer anderen Stellung.

Ich persönlich tue es gerne im Bett und bevorzuge hierbei die Bauchstellung. Das Buch liegt unter mir, ich stütze mich auf die Ellenbogen, unter meiner Brust knüllt sich ein Daunenkissen. Doch wer denkt, derartige Stellungen ließen sich anerziehen oder genetisch vererben, irrt. Mein Sohn Leonhard etwa zieht die Rückenlage vor. Er hält das Buch über sein Gesicht. Ihn in dieser für Bi-, Tri- und andere Zepse extrem anstrengende Rückenstellung zu beobachten, bereitet mir Schmerzen.

Bei der Spinnenstellung wird das Buch auf den Oberschenkeln abgelegt

Interessant ist: Leonhard hat diese Position nicht von seiner Mutter geerbt. Helena macht es wie ich im Bett, allerdings im Sitzen und mit angewinkelten Beinen. Das Buch liegt bei dieser Spinnenstellung auf ihren Oberschenkeln. Immerhin deutet sich hier eine Parallele zu den Vorlieben unserer kleineren Tochter Elsa an: Elsa liest genauso wie ihre Mutter, allerdings bevorzugt sie als Stütze keine Wand, sondern eine Ecke. Die Eckstellung ist als Unterstellung der Spinnenstellung zu klassifizieren.

Unsere größere Tochter Isabella bevorzugt die liegende Seitenstellung. Sie stützt ihren Kopf in die rechte Hand, die linke Hand liegt auf der Seite des Buchs, die sie gerade nicht liest. Mein Freund Richard, der Schuldirektor, dagegen macht es gar nicht im Bett. Er sitzt aufrecht an seinem Esstisch, das Buch liegt vor ihm. Die Direktorenstellung ist ein Klassiker für Leser mit Sinn für Stil und Tradition.

Welche Stellung führt nun auf gesündeste Art zum Höhepunkt?

Hier muss man deutlich sagen, dass die Bauchstellung orthopädisch kritisch ist: Sie begünstigt eine Hohlkreuzbildung. Die Spinnen- und Eckstellung fördert Venenprobleme und die Seitenstellung beschleunigt die einseitige Wirbelsäulenabnutzung. Auch die Direktorenstellung ist eine Belastung für den Bewegungsapparat. Alle mir bekannten Leseärzte und Bibliotheker empfehlen deshalb die Rückenstellung. Interessant ist, dass auch die beliebteste Sexstellung des Menschen, die Missionarsstellung, eine Rückenlage vorsieht. Daraus schließe ich, was Sie garantiert schon immer wussten: Lesen ist Sex, aber mit Büchern.

Mo Yan

Frösche

ISBN 978-3-423-14346-2

512 Seiten, € 12,90

dtv

Jörg Maurer

Schwindelfrei ist nur der Tod

ISBN 978-3-651-02235-5

432 Seiten, € 14,99

FISCHER Scherz

Michele Serra

Die Liegenden

ISBN 978-3-257-24352-9

160 Seiten, € 10,00

Diogenes

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Mehr zur Rubrik
Ein Vater sollte sich genau überlegen, welche Spielideen er seinen Kindern empfiehlt
Die drei Detektive übernehmen jeden Fall

Slider posts Steinleitners Woche | 5. Dezember 2018 | Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner wollte seinem Sohn eigentlich nur eine Spielidee gegen die Langeweile und an der frischen Luft geben. Was Leonhard (10) daraus machte, war ein bisschen erschreckend. Eine Kolumne.

Die eine Frau trug einen Ring am Zeh, die andere hatte eine rauchige Stimme – Saunagespräche
Titelbild Steinleitners Woche 159

Slider posts Steinleitners Woche | 21. November 2018 | Jörg Steinleitner

Man ist nackt, es ist heiß und ziemlich eng. In der Sauna sprechen Menschen über Dinge, die sie sonst nicht einmal im Schlafzimmer bereden würden. Jörg Steinleitner hat ein Saunagespräch belauscht.

Stürme, Dauerregen und Weltuntergang in Venedig, aber einer rettete mich: Sven Regener
Titelbild Kolumne Steinleitners Woche 158

Steinleitners Woche | 7. November 2018 | Jörg Steinleitner

Der Dauerregen im Urlaub war super, auch die Stürme. Jörg Steinleitner über eine Ferienwoche mit Sven Regener, Wolf Haas und Mariana Leky. Ein Plädoyer fürs Lesen, schlechtes Wetter und die 80er.

Was tut ein Schriftsteller, wenn seine Frau immer wieder Fund-Menschen aus dem Wald mitbringt?
Titelbild Das Buch vom Laufen Kolumne Steinleitners Woche 157

Steinleitners Woche | 17. Oktober 2018 | Jörg Steinleitner

„Ich glaubte meiner Frau zunächst nicht, aber dann rollte doch ein Chinese in einem schrottigen Polo auf den Hof.“ Jörg Steinleitners Kolumne über Chinesen, Basketballerinnen und andere Fund-Menschen.