Verlieren ist was für Loser, findet mein Sohn | BUCHSZENE

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Steinleitner spricht mit seinem Sohn anlässlich der Fußball-WM über das Verlieren

Titelbild Steinleitners Woche

4. Juli 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Verlieren sei scheiße, sagt Steinleitners Sohn nach dem Ausscheiden der Deutschen bei der Fußball-WM. Verlieren sei was für Loser. Der Auftakt zu einem Krisengespräch mit versöhnlichem Ausgang.


Verlieren sei eher was für Loser, findet mein Sohn

Er verliere nicht gern, eröffnete mir Leonhard jüngst nach dem Spiel Deutschlands gegen Südkorea bei der Fußballweltmeisterschaft. Gewinnen finde er besser. Verlieren sei doch eher was für Loser.

Erst Tränen in den Augen – und dann: „Ich bin ziemlich gut, was?“

Ich gestehe, dass diese Aussage meines neunjährigen Sohns mich eher nicht überraschte. Auch in der Vergangenheit hatte er auf mich nicht den Eindruck gemacht, als bereite ihm das Verlieren Freude. In meinem Kopf ploppten Bilder auf: Leonhard, wie er die Spielkarten auf den Tisch wirft, weil er beim Gin Rommé verliert; Leonhard, wie er seine Torwarthandschuhe in die Hecke pfeffert und sich tot stellt, weil seine Mannschaft das 4 zu 0 kassiert; Leonhard, wie ihm die Tränen in den Augen stehen, als er beim Tischtennisturnier 10 zu 9 hinten liegt – beim Tischtennis spielt man einen Satz bis 11. Beinahe im selben Moment tauchte aber ein anderes Bild vor meinem inneren Auge auf: Leonhard, wie er denselben Satz im Tischtennis 14 zu 12 gewinnt. Plötzlich sind die Tränen weg. Und Leonhard sagt: „Ich bin ziemlich gut, was?“

„Man darf nie aufgeben“, sagte ich. „Man muss nach vorn schauen.“

An dieses Erlebnis versuchte ich Leonhard nun, da er mit der Niederlage der deutschen Mannschaft haderte, zu erinnern. „Du lagst zurück“, sagte ich. „Du hattest Tränen in den Augen.“ „Ich hatte keine Tränen in den Augen!“, schnauzte Leonhard mit an. Natürlich hatte er welche in den Augen, aber egal. „Und trotzdem hast du dich zurück ins Spiel gekämpft. Und gewonnen. Du hast nicht aufgegeben. Das war richtig. Man darf nämlich nie aufgeben“, sagte ich. „Man muss immer nach vorn schauen“, schob ich hinterher.

Zu verlieren sei scheiße, meinte mein Sohn. Und Müller ein alter Sack

Er habe keine Lust nach vorn zu schauen, antwortete Leonhard. Die Niederlage sei scheiße, der Müller ein alter Sack und der Gomez und der Khedira auch. Er hasse es zu verlieren, sagte Leonhard. Er wolle gewinnen. Immer. „Das geht nicht“, erwiderte ich. „Wenn man gewinnen will, muss man auch bereit sein zu verlieren. Gewinnen und Verlieren, das gehört zusammen.

„Was meinst du, wie oft Neuer verloren hat, bis er so gut wurde?“

Du findest doch den Manuel Neuer gut, oder?“ Ich erntete ein widerwilliges „Ja“. „Was meinst du, wie oft der Neuer verloren hat, bis er so ein toller Torwart wurde wie er heute ist?“ Das ist mir scheißegal“, sagte mein Sohn. Ich zuckte mit den Schultern und schwieg.

Das Verlieren schmerze, sagte Leonhard. Aber dann fand er doch noch die Lösung

„Das tut so weh, das Verlieren“, sagte Leonhard, nein, er wimmerte es beinahe. „Wo tut das weh?“, fragte ich. „Im Bauch“, erwiderte er, „und auch im Kopf.“ Ich nickte. Hast du gesehen, was der Neuer für eine Handbewegung in die Kamera gemacht hat – nach dem verlorenen Spiel – als er zum Flugzeug gegangen ist?“ „Er hat sich an den Bauch gefasst und traurig geschaut“, meinte Leonhard. „Genau“, sagte ich. „Sogar dem Neuer tut das Verlieren weh. Aber im selben Moment hat er noch eine Handbewegung gemacht. Hast du die auch gesehen?“ „Den Gewinnerdaumen“, sagte mein Sohn. „Er hat den Gewinnerdaumen gemacht.“ „So ist es“, antwortete ich. „Ein großer Gewinner verliert auch mal, aber dann denkt er gleich wieder ans gewinnen. Das musst du lernen.“ Er habe keine Lust, so einen Scheiß zu lernen, meinte Leonhard hierauf. Dann sagte er: „Ich bin jetzt für Frankreich, Papi. Ich denke mal, die werden Weltmeister.“

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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